Er hat wieder geschlafen, es ist herrlich, so zu essen und zu schlafen. Die Sonne steht noch am Himmel, jetzt ist gerade die richtige Zeit und Stunde, jetzt will er endlich einmal ernst machen und zu dem Vogelberg hinausrudern; dieser liegt weit draußen, wo die Dampfschiffe in die Bucht hereinfahren. Heute soll es geschehen, gewiß sind auf den schmalen Abstufungen des Berges Eiderdaunen zu finden. „Ach Gott, ja!” seufzt Oliver und rudert los. Seine Frömmigkeit ist vielleicht ein wenig berechnend, wie die menschliche Frömmigkeit überhaupt, er kann jedenfalls seine Interessen nicht hintansetzen. Er weiß, daß das Küstenschiff in der Stadt gewesen und wieder abgefahren ist, es kann ihm also niemand begegnen, er ist allein auf seiner Fahrt, ohne Zeugen. Was könnten ihm übrigens Zeugen schaden? Oliver ist beim Fischfang, dazu ist er berechtigt.

Ach, jetzt wie immer in den letzten zwanzig Jahren ist etwas Nichtungesetzliches in Olivers Leben, etwas auf der Grenze, zuweilen auch ein wenig darüber hinaus.

Heute stiehlt er seine Eiderdaunen nicht mit derselben Vorsicht und Tüchtigkeit wie sonst, er kann eben nicht an der teueren Ware vorbeifahren, ohne sie mitzunehmen, sondern er grapst, er füllt seinen Sack mit allem, was er erwischt, ungereinigt. Es geschieht etwas anderes, das ihn stärker in Anspruch nimmt. Oliver hat den Sinn fürs Abenteuerliche noch nicht verloren, und das Abenteuer bleibt ihm treu. Zu welchem Zweck ist er jetzt herausgefahren?

Hier liegen keine Vögel im Nest, hier sind keine Eier, die Jungen sind flügge, Oliver hat die beste Gelegenheit, hineinzulangen. Er untersucht das unterste Nest, gräbt tief hinein und findet Papier; also Papier, Briefe, was kann das sein? Post, Umschläge mit Briefmarken darauf, das ist doch sonderbar! Er schiebt die Daunenlage zur Seite und sammelt die Briefe zusammen, es sind Geldbriefe, aufgerissene Umschläge mit Siegeln darauf, eingeschriebene Briefe, die nicht einmal geöffnet sind, er liest einige der Anschriften und kennt die Eigentümer, Leute aus der Stadt und den umliegenden Orten; er kommt auf den Gedanken, einen der eingeschriebenen Briefe zu öffnen und findet Geld darin, er macht noch mehrere auf und findet Geldscheine —

Das Abenteuer.

Oliver braucht den ganzen Nachmittag dazu, den Vogelberg ordentlich abzusuchen, er ist habsüchtig geworden, er untersucht ein Nest ums andere, das ihm erreichbar ist, findet in dem einen und dem andern, was er sucht, und türmt alles auf einen Haufen, er wird reicher und immer reicher. In der Dämmerung rudert er mit seiner Beute vom Vogelberg weg, rudert wie mit Dampf, niemand begegnet ihm, er hat keine Zeugen. Wieder legt er an der Insel an, auf der er die letzte Nacht zugebracht hat.

Von heute an bis zu seinem Tode wird sein Herz beben bei der Erinnerung an dieses Erlebnis. Zu Anfang irrte er sich und nahm an, die Briefe stammten von einem Schiffbruch her. Dann erinnerte er sich daran, daß in der Zeitung zuweilen etwas gestanden hatte von ungetreuen Postbeamten, die das Geld aus den Wertbriefen stehlen und die Briefe ins Meer werfen sollten. O, aber Olivers Kopf hatte Übung darin, sich zweideutige Sachen zurechtzulegen, er merkte bald den wahren Zusammenhang: dies war der Rest einer gewissen geraubten Wertpost. Weder er noch andere hatten das große Ereignis vergessen, die Postmeistersfamilie hatte alle Ursache, sich daran zu erinnern, Oliver selbst wußte noch etwas von einem Päckchen Geldscheine aus jener Zeit. Aber wer nun auch damals der Dieb gewesen sein mochte, ob Adolf mit der Schiffskiste, der sich Xander nannte, oder der zweite Steuermann, der Sohn des Postmeisters, oder wer sonst, als ein großer Esel stellte er sich jetzt heraus, als ein Pfuscher, ein trauriger Lehrbub. Hier hatte er eine günstige Gelegenheit ohnegleichen und nützte sie wie ein Tor, stand in der Finsternis an Bord, plünderte nur die dicksten Briefe und warf den Rest ins Meer! Er betrug sich wie ein Verschwender mit einer reichen Beute, er betrug sich wie einer, dem nichts heilig ist. Oliver konnte sich über sein Betragen förmlich ärgern. Da waren die stummen Tiere, die Eidervögel eher wie verständige, erfahrene Menschen, die bewahrten einen Schatz. O, die Eidervögel sind klug, sie stopfen sich ihr Nest aus mit allem, was sie finden, auch mit Wertbriefen —

Oliver empfindet keinen Hunger, keinen Schlaf, er bleibt nur bocksteif sitzen, bis der Tag graut, dann ordnet er seine Post vom Meere, eine von Gott und dem Himmel gesandte Post sehr sorgfältig, nimmt die Scheine heraus und steckt sie in seine Innentasche, sammelt die Briefe zusammen und verbrennt sie; dann verstreut er die Asche und verwischt jede Spur. Ihm selbst ist mit seinem Fischfang gut gedient, jawohl, aber manche Menschen können auch recht froh sein, daß die Briefe verbrannt sind.

Dann rudert er nach Hause, rudert wie mit Dampf. Es ist Montagmorgen. Oliver ist schlaff nach der großen Spannung und redet daheim nicht viel, aber er ist ungewöhnlich freundlich und zufrieden mit dem, was er zu essen bekommt, er hat ja Geld in der Tasche und kann der Mahlzeit nachher mit Süßigkeiten nachhelfen. Dann begibt er sich ins Lagerhaus.

Im Lauf des Tages schleicht er sich von Zeit zu Zeit hinter Säcke und Fässer und zählt seine Scheine, glättet sie und streicht die Eselsohren aus. Der eine und andere Kunde kommt, sie grüßen ihn teilnehmend, weil ihm aufgekündigt worden ist, sie beklagen ihn, aber Oliver erwidert: „Gott wird für mich wohl auch einen Rat wissen.”