In seinem Innern bläht er sich auf. Jetzt steht er wieder in seinem Lagerhaus mit Geld in der Innentasche und wird mehr und mehr ein Mann; er hat zwar sehr vertragene Kleider, aber sein Charakter weitet sich, sein Wesen wird fester, er macht eine innere Erhebung durch. Oliver ist nun auf der Höhe, steht auf der Zinne, nur sich selbst sichtbar, das geht in Hochmut über, es schwillt ihm, offen gesagt, der Kamm. Nicht als ob er ins Hotel gehen wollte, als reicher Engländer auftreten und Pferde und Wagen zu Ausflügen in die Umgegend verlangen — keine Übertreibung. Als er zu Mittag nach Hause ging, kam ihn die Grille an, in ein paar Läden zu treten und alte Schulden zu bezahlen, aber mit einem letzten Funken von Verstand entschloß er sich beizeiten wieder anders. Herrgott, sein Reichtum war doch nicht so überwältigend! Er konnte sich keine Leibrente dafür kaufen, nein, aber er war doch ungefähr groß genug, daß der arme Tropf Mut bekam und aufzumucken wagte; er stieß die Krücke auf den Boden und sagte zu sich selbst: „Ich lass' mich nicht aus dem Lagerhaus hinauswerfen, ich geh' zum Konsul.”

Nun kaufte er zuerst einmal verschiedene Leckereien und nahm sie mit nach Hause, o, bisher unbekannte Herrlichkeiten in Dosen und Silberpapier; von diesem Augenblick an waren kandierte Früchte der Familie Oliver nicht mehr nur etwas Märchenhaftes, ein Hirngespinst. Die Folge war auch, daß er die Seinen, die nicht in der Welt draußen gewesen waren, in Erstaunen setzte, ja, Petra spottete über ihn und sagte, er müsse auf seinem letzten Fischfang einen Schatz gefunden haben. Oliver tat noch größere Wunder: diesmal war er nicht so vorsichtig wie in seiner ersten Zeit des Reichtums, er kaufte verschiedene Kleidungsstücke für alle im Hause, schaffte auch sich selbst einen vollständigen Anzug an und außerdem noch einen Schlips mit silbernen Tupfen. Es war zwar vielleicht ein Damenschlips, aber an einem andern Hals als an seinem eigenen konnte er sich diesen Schlips nicht denken. Später am Tage ging er zum Goldschmied Evensen, der auch Gesangbücher, Brillen und Musikinstrumente feil hatte, und da kaufte er ein glänzendes Messinghorn, als einen Schmuck für die Wand. Und er sagte zu Petra: „Daß du mir das Horn glänzend hältst!”

So hatte er also ordentlich groß getan und tüchtig eingekauft, jetzt kam wieder der Konsul an die Reihe. Oliver tat zum voraus groß damit, daß er zu ihm gehen werde: er habe ein Wörtchen mit dem Manne zu reden, dem großen Herrn, er solle ihn kennen lernen, er wolle ihm sagen, wer er sei. —

Indessen aber schob er Tag und Stunde immer wieder hinaus, er schien sich etwas zu überlegen und nicht mit sich einig zu werden. Mittlerweile bekam er dann auch einen Brief, der war von dem Rechtsanwalt, dem Staatsrat Fredriksen; dieser schrieb, er sei nun Staatsrat geworden und wolle alle seine Verhältnisse in der Heimat ins reine bringen. Oliver müsse darum jetzt die verfallene Schuld bezahlen oder das Haus verlassen, in dem er wohne.

Nun überlegte Oliver nicht länger, er wartete nur noch ab, bis das Lagerhaus geschlossen wurde, dann ging er zum Doktor.

Im Doktorzimmer herrschte dieselbe Ärmlichkeit und Unwissenschaftlichkeit wie früher, kein Skelett, kein Mikroskop war da, aber ein halbfertiges Bild von dem Doktor selbst hing an der Wand. Vor einigen Jahren war er einem Malerjüngling Modell gesessen, einem Windbeutel, der ein Bildnis des „Arztes” hatte malen wollen, das war eine Zerstreuung in dem armseligen Leben des Doktors gewesen, und er hatte es wahrhaftig auch als eine Art von Ehre empfunden. Aber eines Tages hatte sich der Maler eingebildet, er könne die Arbeit nur so unterbrechen und in ein Nachbarhaus gehen, um das Dannebrogkreuz auf einen Rock zu malen; doch davon wollte der Doktor nichts wissen, nein, das ging nicht, danke, man war kein Narr, man war nicht der erste beste. Der Doktor sagte: „Nehmen Sie Ihr Bild und gehen Sie damit!” — „Verbrennen Sie es!” sagte der Maler. — „Sie können Ihren Kitsch selbst verbrennen,” erwiderte der Doktor. „Ich bin nicht Ihre Scheuerfrau.” — Darüber war nun der Malerjüngling hitzig geworden und hatte gesagt: „Das ist kein Kitsch, das Bild ist ähnlich, es ist halbfertig, es ist ein ganz genaues Bild von Ihnen.” Zuerst stand das Bild in einem Winkel auf dem Kopf, aber später änderte der Doktor wohl seine Ansicht darüber, so jämmerlich war er nicht, daß er die Spitze in den Worten des Malers nicht gemerkt hätte; es konnte etwas dran sein, sie konnten ein Körnchen Wahrheit enthalten. Er gehörte einer Generation an, die außer an der Wissenschaft an allem zweifelte. Er bekannte sich zu der Gesetzmäßigkeit der Natur, auch zu der Lehre von den braunen Augen, aber seine Generation war nicht feige, sie sah der Leere und Trostlosigkeit des Lebens in die Augen, ohne zu zucken. Der Doktor hielt sich entschieden selbst für gelehrt, für einen Übermenschen in einer Kleinstadt, einen Ankläger und Richter, aber er konnte in guten Augenblicken doch auch größere Wesen der Gegenwart, als er selbst war, gelten lassen: einen Engländer, einen Franzosen, einige Deutsche, einen Holländer, o, der Doktor war durchaus nicht dumm, er konnte soweit immerhin zugeben, daß er noch etwas unfertig sei, und so konnte er auch ein halbfertiges Bild von sich an die Wand hängen. Das war eine Tat, die an Größe grenzte.

Was Oliver bei ihm wolle?

Untersucht werden.

Was er denn untersucht haben wolle?

Die Hüfte und da herum. Der Schaden, den er erlitten habe, solle festgestellt werden, und er wolle ein Zeugnis darüber haben.