Das führte zu nichts. Nein, der Konsul und Doppelkonsul Johnsen war nicht mehr derselbe von früher, er ruhte aus, war abgelöst, der Sohn hatte ihm die Macht genommen, der alte Turm war gestürzt. Auch schon äußerlich war es dem Konsul anzumerken, daß er nichts mehr war, grau und fahl sah er aus und sein Rock geradezu nicht recht ausgebürstet. Hätte man es nicht besser gewußt, so hätte man glauben können, er allein von allen andern habe den Aufforderungen im Tageblatt Folge geleistet und sei fromm geworden. Natürlich war er dennoch Konsul für zwei Länder und schrieb seine Berichte an seine Regierungen, er hatte noch immer seine runde Leibesfülle — aber was sonst? Jetzt hieß es nur Scheldrup und Scheldrup, auf dem Wege zum Sohne ging man am Vater vorüber, ohne auch nur sein Anliegen zu nennen; ja, der Konsul hatte in der letzten Zeit sogar hören müssen, daß ihn die Leute wieder „Johnsen am Landungsplatz” nannten, schlecht und recht Johnsen am Landungsplatz. So waren die Menschen. „Wo ist die Mannschaft von der Fia geblieben?” fragten sie. Allerdings waren es Burschen, die persönlich wohl zehn Jahre fortgewesen waren, aber ihre Familien hatten jedenfalls die Heuer bis zu diesem Tag beim Reeder für sie abgehoben; jetzt aber waren sie ganz verschwunden, auf den Grund des Meeres versunken. Und wer trug schließlich die Schuld daran? O, Johnsen am Landungsplatz! Im Anfang versuchte es der Konsul, sich zu verteidigen, Erklärungen zu geben, aber hatte es überhaupt einen Nutzen, gegen solchen Unverstand anzukämpfen? Sie ließen ihn nicht einmal aussprechen, sie redeten drein, knurrten. Die Zeiten waren vorbei, wo man sich allein schon durch eine dicke goldene Kette auf der Weste als Herr aufspielen konnte.
Oliver hatte in Christiania Glück gehabt, hier am Ort ließ es ihn im Stich. Der Konsul hörte ihn an; er tat Oliver fast leid, als er sah, wie aufmerksam der Konsul zuhörte und wahrhaftig immer hilfloser dreinschaute. Oliver kam nicht einmal dazu, das ärztliche Zeugnis vorzuweisen. „Ich habe mich ja seither gegen dich und die Deinen nicht schlecht erwiesen,” sagte der Konsul. „Jetzt kann ich nichts mehr für dich tun, ich habe nichts mehr zu sagen, laß uns auf bessere Zeiten hoffen.”
O, für einen treuen Diener war es wirklich betrüblich, das mit anzuhören! Dann verfiel Oliver auf den Ausweg, zu dem Halunken selbst zu gehen, zu diesem Scheldrup, und ihm eine aufrichtige Faust zu zeigen. Ob das helfen würde? Ohne Zweifel. Man war nicht umsonst Oliver Andersen. Aber jetzt war die herrliche Innentasche allmählich recht mager geworden, und in demselben Maße hatten auch Mut und Seelenstärke abgenommen. Oliver ließ einen Tag um den andern vergehen, ohne etwas Entscheidendes zu unternehmen, und eines Abends sagte dann Scheldrup zu ihm: nun solle er den Schlüssel des Lagerhauses Berntsen abliefern.
Oliver sollte also am nächsten Morgen nicht mehr kommen, er war verabschiedet.
Das war nicht mehr, als er erwartet hatte, aber trotzdem fiel es jählings und lähmend über ihn herein, nun hatte er nicht einmal soviel Energie gehabt, beizeiten für etwas billigen Kaffee und Grütze zu sorgen, die Familie konnte also von jetzt an Hungerpfoten saugen.
Es vergeht einige Zeit, ein böser Monat, Oliver ist schlechter Laune und wird ungesellig, er spricht nur das Allernotwendigste daheim und treibt sich draußen zwischen den Häusern umher, jedenfalls wenn er einen ordentlichen Anzug an hat. Im Schoße der Familie ist kein Behagen mehr, die Kinder werden blaß, das Messinghorn hängt ungeputzt an der Wand, auch die Großmutter kann es nicht lassen, zu stöhnen und zu seufzen, sie hat nicht eine einzige Kaffeebohne mehr. Da schreit Oliver plötzlich: „Ja, von jetzt an kannst du Kaffee von der Unterstützungskasse bekommen!” — „Ach, ich bin jetzt so alt, wollte Gott, daß ich im Grabe läge!” erwidert die Großmutter.
Eines Morgens steht es besonders schlimm bei der Familie, und es gibt nicht einmal eine Tasse warmen Getränkes zum Frühstück. Petra kommt vom Brunnen zurück und ist vielleicht durch die andern Frauen ein wenig aufgekratzt, aber Oliver ist schweigsam. Er meinte wohl, jetzt müßte die Vorsehung eingreifen, aber die Vorsehung schien nur mit den Lilien auf dem Felde und mit allen den ungezählten Haupthaaren beschäftigt zu sein. Petra sagt, und es klingt, wie wenn es ihr von jemand Außenstehendem eingegeben würde: „Ich möchte wohl wissen, wie es wäre, wenn ich zu dem Scheldrup ginge und mit ihm redete?”
Darauf gibt Oliver keine Antwort. Seine Wangen sind magerer geworden, noch nie hat er einen so schlappen und unheimlich leblosen Ausdruck gehabt, er kümmert sich um nichts. Er geht aus, und als er um die Mittagszeit von draußen wieder hereinkommt, wirft er sich selbst mit samt der Krücke auf einen Stuhl und fragt höhnisch: „Bist du es nicht gewesen, die zum Scheldrup gehen wollte?”
Die arme Petra trifft dies ganz unvorbereitet, und sie antwortet nur: „Doch —”
„Aber du bist nicht gegangen?”