Da er den Weg am Doktor vorbei nimmt, hat er vielleicht diesen im Verdacht, sein Geheimnis verraten zu haben, und will Rechenschaft von ihm fordern. Kann Oliver noch von jemand Rechenschaft heischen? Das ist vorbei. Er sieht den Doktor am Fenster seines Sprechzimmers stehen und macht, daß er weiterkommt; vielleicht ist ihm auch klar geworden, daß er auf falscher Fährte ist. Er geht vorbei, die ganze Straße hinunter, der Doktor steht an seinem Fenster und folgt ihm mit den Augen. Oliver ist eine Erscheinung, ein Problem, der Doktor macht sich seine Gedanken über ihn und schätzt ihn auf seine eigene Weise ein. Dieser Hinkebein hat etwas durchgemacht, ein Wirbelsturm hat ihn erfaßt, der Blitz hat ihn getroffen, er ist vernichtet. Der Volkswitz hat ihn einmal die Qualle genannt, ein Spitzname, den seine eigene lustige Frau aufgebracht haben soll. Der Doktor fand diesen Spitznamen dumm. Die Qualle ist nicht vernichtet. Die Qualle, das ist wie eine Entleerung, ist Schleim, jawohl, sie ist ohne Umriß, ohne Haltung, jawohl. Aber es ist als Schleim ein farbenreiches Wunder, ein abenteuerliches Spiegelei. Was ist Oliver? Er hüpft auf dem Boden herum, er ist ein Kuriosum, ein Rebus. Was seinen Gliedern fehlt, kann jeder sehen, dort hinkt er dahin, er ist nicht einmal körperlich anwesend, nur ein Teil von ihm hinkt dort die Straße hinab; was ihm sonst noch fehlt, hat jetzt des Doktors Magd am Brunnen erfahren. Eines Tages wurde er von dem gemeinsamen Lebensinhalt der Menschen losgelöst, es geschah in Bausch und Bogen, mit einem Messerschnitt, von diesem Tag an hat er außerhalb der Menschheit gestanden, er verlor seine Wirklichkeit, er wurde eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Sind das zu starke Worte? Wieso — ist er nicht vernichtet? Bitte, untersucht ihn noch einmal, es ist eine ungewöhnliche Fehlerlosigkeit in seiner Leerheit, diese ist besonders vollkommen, das Unglück hat sie potenziert, hat den früheren Matrosen zu etwas gemacht, was nichts ist. Er ging unter, sein Untergang ist ein Meisterwerk, er ist unerhört gut bewerkstelligt und mit Absicht ausgeführt.
Wartet ein wenig! Da er lebt, ist er doch nicht ganz ausgelöscht, er ist ein Rest, der sich mit einem Stelzfuß und einer Krücke ausspreizt; man kann mit ihm eine Ruine bilden, einen hebräischen Buchstaben. Warum hat ihn der Tod verschont? Fragt die menschliche Vorsehung! Was war ihre Absicht dabei? Sollte dieser Mann nur ein mißglückter Versuch sein, ein Entwurf zur Vernichtung? Er ist ein Rest, dieser Rest hat Reste, kommt und holet sie, ein Bein ist ihm noch geblieben, er kann sprechen —
Einmal war er ein Mensch.
Es ist ihm noch soviel gelassen worden, daß er die ganze Zeit über den Mut hatte, das Leben weiterzuschleppen. Gut gemacht! Er hat Kunstgriffe gebraucht, um das zu leisten, er log, um den Schein zu retten, gab sich fälschlicherweise als Mann aus, trug lange Hosen. Um einen Mangel zu verbergen, erfand er die Prahlerei mit der Trantonne, er kleidete den Fall in eine erhabene Würde und nannte ihn Schicksal. Er hatte seine Ehre zu retten durch einen Betrug; wenn er dafür gelten wollte, daß er sei wie andere seien, daß er mit dem gleichen Maßstab zu messen sei wie sie, dann mußte der arme Tropf seinen eigenen Maßstab anlegen und sich selbst überreden, daran zu glauben. Vielleicht fand er dabei sein bescheidenes Glück, jedenfalls hatte er kein anderes. War es also lauter Kunst? Nichts als Kunst. Aber kein schlechtes Kunstwerk.
Jetzt ist alles an den Tag gekommen, das Kunstwerk ist als solches aufgedeckt, der Künstler entschleiert, die Magd des Doktors hat die unaussprechlichsten Dinge am Brunnen gehört. Petra sei vom Mond besucht worden und habe davon Kinder bekommen, hihi! Aber Oliver selbst sei der Hausherr gewesen; seit zwanzig Jahren habe er angesichts aller in einem Lagerhaus gestanden und habe den Menschen gespielt. Eine Behandlung, wie sie diesem Oliver zuteil geworden ist, hätte jeden andern dazu gebracht, in sich zu gehen, die Einsamkeit zu suchen, Gott zu suchen, wozu wären denn sonst die Züchtigungen da? — Aber Oliver? Nein. Das mußte Verstockung sein. Die Frau Doktor brachte den Klatsch vom Brunnen zu ihrem Manne hinein. Der Doktor sagte: „Das ist witzig, können die Menschen seinen Mangel an Gottergebenheit jetzt, wo er vernichtet ist, nicht begreifen? Hat er sich nicht mit Gott abgegeben? Sollte es ihn vielleicht nicht Anstrengung kosten, sich mit den Maßnahmen der höheren Macht einverstanden zu erklären?”
Da steht nun der Doktor und folgt dem Krüppel mit den Augen, er redet vor sich hin und findet wieder Worte für seine kecke Jugend, seine Lebensauffassung hat keine Veränderung erlitten: Ein Orientale in Fett und Unfruchtbarkeit. Aber war er das wenigstens? Er ist unbekannt in der Biologie, ein Tier mit hölzernen Gliedern. Was hat es übrigens geholfen, daß er so zugerichtet worden ist? Er wurde ja groß dadurch. Invalide, jawohl, aber Veteran. Die ganze Zeit hat er aufrecht dagestanden, auf seinem einen Bein, auf seinem Holzpfahl, und wurde nichts Geringeres als ein Säulenheiliger. Hoho! Diese Vorsehung der Menschen!
Dann verschwindet Oliver ganz oben an der Straße.
Oliver geht heim. Petra ist nichts Ungewöhnliches anzumerken, aber sie weiß gewiß alles. Da ihr Ton nicht anders ist als sonst, erwachen seine Lebensgeister aufs neue, er merkt, daß er hungrig und gut aufgelegt ist, er sieht ein Gericht auf dem Tisch stehen, das vielleicht nicht für ihn bestimmt ist, aber es spricht vieles zu seiner Entschuldigung, wenn er sich eilig darüber hermacht. Es ist kalte Grütze. Um Vorwürfen von Petras Seite vorzubeugen, erzählt er ohne alle Umschweife: „Nun will sich Mattis wirklich endlich verändern.”
Petra merkt seine List wohl und gibt nicht auf einmal nach, sie sagt: „Was, du ißt ja die ganze Grütze auf. Das muß ich sagen!”
Schweigen.