Da spielte übrigens wirklich ein kleiner Roman mit: erstens war das Braunchen noch so ein junges Ding, beinahe noch nicht zu rechnen, und zweitens stieß Eduard bei seinen Eltern und auch bei seinen Schwestern auf Widerstand.
„Was meint ihr!” sagte er unendlich erstaunt. „Daß sie so eine Mutter und überhaupt keinen Vater hat, was geht das mich an?” Sie erklärten es weiter und machten es recht einleuchtend; aber Eduard war ein Seemann und frischer Kerl und verliebt, er kümmere sich den Kuckuck um all den Klatsch und alles, was man nicht mit den bloßen Augen sehen könne, sagte er. Da erzählten sie ihm schließlich, daß auch Klein-Lydia nicht in diese Familie hineingewollt und Abel nicht genommen habe. „Aber das hätte sie tun sollen!” lautete Eduards Antwort.
Es war nichts mit ihm zu machen.
Bei der Hochzeit waren ja beide Familien anwesend, und Abel traf wieder mit Klein-Lydia zusammen. Sie hatten auch ein kleines Zwiegespräch miteinander. Sie fragte ihn zwar nicht gerade heraus, ob er sie vergessen habe, aber es war, als erwarte sie eine Erklärung darüber, warum er nicht wiedergekommen sei, wie er gesagt habe. Was sie sagte, klang demütig und traurig, der Grundton war fromm. Gelegentlich hustete sie und legte dabei die Hand auf die Brust, er sollte wohl sehen, daß sie nun eine andere geworden war; sie nahm das Leben ernst und weinte bei Nacht, spuckte geradezu Blut bei Nacht und dergleichen mehr. Natürlich saß sie trotzdem im höchsten Staate da, obgleich sie so gottergeben war und ihr ab und zu die Augen feucht wurden. O, sie war noch sehr jung, sie hatte wohl der Welt nicht abgesagt, plötzlich zog sie etwas Feines vorne an der Brust heraus, das da hing, und was Abel für Spitzen und Ausputz gehalten hatte; aber es war ein Taschentuch, und mit diesem schlug sie den Staub von ihren Fußspitzen weg. O, Klein-Lydia kam schon durch, wer ihren nassen Augen zugelächelt hätte, würde sofort diese Augen hart und trocken gesehen haben, und sie wußte sich zu verteidigen.
Mann und Frau Eduard blieben nicht in der Stadt, ja, sie blieben nicht einmal im Lande, sie zogen nach Amerika. Als Eduard sah, wie die Dinge daheim standen: daß das Haus voller erwachsener Töchter war, die daheim saßen und nähten und vornehm taten, da entfloh er. Abel hatte um der Schwester willen dem Paare von diesem Schritt stark abgeraten. Er sagte zu ihr: „Dann sehen wir uns nie wieder. Mir selbst ist es gleichgültig,” sagte er, „aber es ist nicht recht gegen die andern.” Sein Kniff half ihm indes nichts, die Schwester wollte mit ihrem Manne gehen.
„Du denkst gar nicht daran, daß wir andern daheim gar nicht ohne dich fertig werden können,” sagte er ärgerlich. O dieser Abel! Da wurde er von dem ganzen Hause ausgelacht, von allen den erwachsenen Frauenspersonen, die noch da waren.
Aber alle diese kleinen Heiraten und alle die täglichen Ereignisse waren ja nur für die Familie Oliver von Bedeutung, nicht aber für die Stadt und die andern Menschen. Für die Familie Oliver waren sie groß und wichtig, vielleicht war es auch zu ihrem Besten. Oliver konnte nicht klagen, in der letzten Zeit war er nicht mehr verfolgt worden, dies und das ereignete sich, Schlag auf Schlag, und es machte nichts schlimmer für ihn, im Gegenteil, er aß täglich an Abels großem Tisch und bekam jetzt auch noch wie früher das eine und andere Taschengeld. Was hätte er sich noch wünschen können?
Er wurde nicht schief angesehen, Petra schwieg. Wahrlich, im schlimmsten Fall war er nicht am schlimmsten dran. Oliver fand aufs neue Mut und Widerstandskraft. Damals, als der Doppelkonsul getroffen wurde, sank ein großer Mann zusammen und gab alles auf. Der erfahrene Postmeister bekam eines Nachts einen Druck auf seine ungeprüften Menschengedanken und verblieb von diesem Augenblick an dumm und stumm. Der alte rechtschaffene Schmied Carlsen konnte keine Bosheit ertragen, er konnte es nicht ertragen, daß man ihn im Verdacht hatte, einen Sohn zu haben, der mit japanischen Tätowierungen auf dem Körper umherging, er wurde zu einem Kinde, weinte, verzog krampfhaft die Lippen, dankte Gott für Gutes und Böses und wartete auf den Tod. Oliver war von einer zäheren Art, weniger fein und empfindlich, sorgloser und deshalb als Mensch aus dem richtigen Stoff gemacht, er ertrug das Leben. Wer war tiefer hinuntergetaucht worden, als er? Aber wieder ein kleiner Erfolg, eine geglückte Dieberei, ein wohlgelungener Schurkenstreich machte ihn aufs neue zu einem zufriedenen Manne. Oliver war in der Welt draußen gewesen, er hatte Palmen gesehen, aber was hatte er davon?
Die Tage kommen und gehen. Er hatte Frieden daheim, die Gassenjungen schrien ihm nicht mehr nach, aber Olaus vom Wiesenrain war hinter ihm her, so oft er nur konnte. Oliver hätte jetzt fast glücklich sein können, aber Olaus gönnte ihm das nicht, in Gegenwart anderer Leute fragte er Oliver nach einem gewissen ärztlichen Zeugnis. Oliver ging heim, verbrannte das Zeugnis und fluchte darüber. Er wich seinem Plagegeist so viel wie möglich aus, und glücklicherweise hatte er ein Päckchen Tabak in der Tasche, als er das nächste Mal mit ihm zusammentraf. Die Rollen waren vollständig vertauscht, jetzt war Oliver der überlegene.
„Du tust mir leid,” sagte Olaus.