„Wie schmeckt dir der Tabak?” fragte Oliver. „Er ist wohl nicht gut?”

Olaus war lauter Unbarmherzigkeit und fragte: „Ist das alles wahr, was von dir erzählt wird?”

Danach konnte Oliver wohl fürchten, er habe sein Päckchen Tabak umsonst weggegeben, aber trotzdem ließ er ein paar Worte darüber fallen, daß es nicht der letzte sein werde, er verdiene jetzt in Abels Schmiede und könne einem guten Freund wohl ab und zu ein wenig mit Tabak aushelfen.

Jetzt gesellt sich der Fischer Jörgen zu den beiden, und er hört den Rest von Olaus' Bosheiten mit an; daß gerade dieser Zuhörer sich einfand, kränkt Oliver doppelt, er hatte sich ja früher verschiedentlich vor Jörgen dick getan, außerdem war er jetzt verwandt mit ihm. Legte Olaus auch nur eine Spur von Zartgefühl und Takt in seine aufdringlichen Fragen? Das letzte, was er sagte, war: Wozu denn Oliver eigentlich Kleider trage? Ob es nicht einerlei wäre, wenn er nackt auf der Straße ginge? Dann wanderte Olaus weiter, frisch und mit geschwollenem Kamm.

Da stand Oliver, in außergewöhnlicher Wut. Jörgen sagte: „Mach' dir doch nichts daraus, was Olaus sagt, es ist nicht der Mühe wert.”

Es schien aber doch der Mühe wert zu sein, der Krüppel hatte einen wütenden Blick und knirschte eine Weile mit den Zähnen. „Ich werd' es ihm eintränken!” sagte er und nickte dazu.

Doch es hatte keinen Zweck, hier mit dem alten Jörgen zu schwatzen, Oliver hinkte plötzlich davon und bog in die Hauptstraße der Stadt ein. Welch ein Glück, es war Samstagabend, und er hatte einen guten Anzug an, er gab sich nicht selbst auf. Jetzt blieb er vor dem Schaufenster des Schuhmachers stehen und betrachtete die Damenstiefel; er winkte den nächsten besten herbei und sagte zu ihm, wie hoch doch diese Damenstiefel seien, sie gingen weit an den Waden hinauf. Oliver stand da vor den Stiefeln, schmatzte ihnen zu und redete wie ein ausschweifender Mensch. Plötzlich wirft ein Junge Oliver einen vernichtenden Spitznamen an den Kopf, ein Gelächter erhebt sich, Oliver verstummt. „Ja, Schuhwerk ist nun bald zu teuer für gewöhnliche Leute,” sagt jemand hinter ihm. Das ist wieder der Fischer Jörgen. Oliver faßt neuen Mut, er ergeht sich wieder über hohe Stiefelschäfte und schmatzt dazu, o, aber Jörgens Geschwätz war jetzt nur ein schwacher Abglanz von dem vorigen; das mochte der Kuckuck verstehen, er mußte indessen abgekühlt worden sein. In seiner Verzweiflung ruft Oliver laut: „Jetzt geh' ich in den Tanzsaal!”

Er staffierte sich aus, kaufte Riechwasser und goß es auf sich, so daß er schon von weitem duftete, kaufte Zuckerwaren, kaufte auch feingeraspelten Talg, den er auf den Boden des Tanzsaals streuen wollte. Seht, er wollte über die Stränge schlagen, wollte einen tüchtigen Sprung mitten in Blitz und Donner hineinmachen, hinein in Liebesgeschichten und Brautraub — aus dem Weg da! Gott weiß, vielleicht war er mutig aus Mutlosigkeit, sein Leben war so jämmerlich, daß es scherzhaft wurde, er war schweißig und bleich, zieht einen Taschenspiegel heraus, reibt seine Wangen ab und putzt sich. Dann macht er die Tür des Saales auf und stapft hinein.

Aller Augen scheinen sich auf ihn zu richten. „Oliver,” sagen sie, „Oliver, haha!” Er sucht sich eine Bank und setzt sich. Der Tanz geht weiter. „Nimm deine Krücke weg!” warnt ein junger Seemann, indem er vorbeiwalzt. — „Warum schreit denn der Kerl? Zu meiner Zeit hab' ich nicht auf dem Tanzboden geschrien,” sagt Oliver zu den Nächstsitzenden. Er bekommt bald eine ordentliche Antwort darauf. „Ja, du bist wohl ein richtiger Spürhund gewesen, Oliver?” erwidern sie. Er wiegt den Kopf hin und her und erzählt von Alaskar in Hamburg und von Greenhorn in Neuyork; mit allen Arten von Rassen und Farben habe er getanzt und Liebschaften mit ihnen gehabt, er habe Malaiinnen und Chinesinnen, Indianerinnen und Negerinnen herumgeschwungen, eine Indianerin, die niedlichste von allen, habe er geküßt —

Oliver ist bleich und schwitzt, es strengt den faulen Mann wohl an, sich so lustig aufzuspielen. Sie sagen zu ihm, ja, ja, aber nun solle er nicht mehr an so etwas denken! Und er antwortet, warum denn nicht? Eine so feurige Natur wie die seinige könne nicht aufhören, könne nie Schluß machen, sie könnten ja selbst sehen, jetzt sei er hier auf dem Tanzboden. „Seht her, ihr Jungen, wollt ihr ein paar extra feine Zuckerwaren schmecken?”