Es wird wieder getanzt. Oliver sieht erschöpft aus, aber er stampft den Takt, daß es nur so dröhnt, und wie wenn das vielleicht nicht genügend bemerkt würde, übertrieb er und klopfte den Takt auch noch mit der Krücke. Jetzt aber ärgerte sich der eine und andere von den jungen Burschen über ihn, nicht nur wegen seines Gepolters, sondern auch weil er die Tänzerinnen mit seinem leichtfertigen Geschwätz und seinen Zuckerwaren in Anspruch nahm. Es wurde ihm bedeutet, sich ruhig zu verhalten und nicht so ausgelassen zu sein, aber das half nichts, er wurde nur noch leichtfertiger. Jawohl, an diesem Abend sei er bei einer ordentlichen Lustbarkeit, er sei nun einmal Hahn im Korbe bei den Mädchen, und wenn man sie fragte, würden sie das gar nicht leugnen, denn es wüßten es ja alle Leute schon vorher. „Bitte, Fräulein, noch eine kleine Erfrischung —”

Au — da purzelte ein Paar auf den Boden. Kreischen und Schreien! Ein zweites Paar fiel auf das erste, und da gab es ein böses Durcheinander. Was war denn das für eine Schweinerei, auf der sie ausglitten? Talg! Woher kam der? Die Kleider mit Talg und Staub böse zugerichtet, liefen die Tänzer und Tänzerinnen über den Saal hinüber zu Oliver hin und fluchten ihm ins Gesicht. Der Krüppel erwiderte, er selbst habe einstens auf Talg getanzt, in dieser Richtung könnten sie ihn nichts lehren weder rechtsum noch linksum. Sie sagten, er müsse ihnen die Kleider bezahlen, die sie sich durch ihn verdorben hätten, ja, sie schimpften ihn Idiot und Schweinehund und anderes mehr. Da wurde Oliver wahrhaftig wieder etwas würdig und sagte ihnen, wer er war, der Oliver Andersen, der über ein halbes Menschenalter Konsul Johnsens Lagerhaus vorgestanden hatte, sie sollten sich schämen und sich besseren Leuten gegenüber nicht so aufführen —

„Hinaus mit dir!” schrien sie. O weh, was sie ihm alles für Namen gaben und ihm vorrechneten, welcher Art Rest von einem Menschen er sei, eine leere Wursthaut, ein Hammel! Und da habe er sich sogar mit Riechwasser begossen; er sei verfault, da sitze er und rieche wie ein Stall! Hinaus!

Natürlich kam sein Abenteuer in der Leute Mund, und die Weiber am Brunnen waren empört über ihn, sie konnten nicht begreifen, daß so ein verkommener Tropf nicht lieber fromm wurde und in die Kirche ging; für wen sonst war denn die Kirche da! Aber merkwürdig genug, auch diesmal wurde Oliver daheim nicht zur Rede gestellt, es war, als hätte ihn Petra vollständig aufgegeben. Allerdings füllte er, als er heimkam, die Stube mit seiner fürchterlichen Duftware, und Petra wich unleugbar zuerst ein paar Schritte zurück, aber zu einem Streit kam es nicht. O, eine höhere Vorsehung hatte abermals eingegriffen: von dem Philologen Frank, dem Sohne des Hauses, war Nachricht gekommen, er war zum zeitweiligen Vorsteher der höheren Schule in der Stadt ernannt worden.

In diesem Augenblick kam ja niemand daher und sagte zu Oliver, er sei ein kinderloser Mann. Seine Kinder waren allerdings nur seine eigene Erfindung, aber er hatte sie doch; während ihrer ganzen Kindheit und ihrem Heranwachsen war er etwas für sie gewesen, sie und er kannten einander, sie nannten ihn unter sich selbst und andern gegenüber Vater, und jetzt kehrte Frank gelehrt und groß heim in seine Vaterstadt. Petra und die Großmutter hätten ihn allerdings am liebsten als Pfarrer gesehen, aber da war nichts zu machen gewesen. Oliver sagte mit Würde: „So ein Sohn!”


32

Da und dort in der Stadt wird geflaggt, bei Grütze-Olsens, beim Doppelkonsul, ja, bei allen Konsuln und auch bei Henriksens auf der Werft. Scheldrup Johnsen und Fräulein Olsen zu Ehren geschah es, sie waren nach Christiania gereist, hatten sich dort trauen lassen und wurden heute als Ehepaar zurückerwartet. Das Postschiff ist schon sichtbar, als noch eine Flagge gehißt wird, nämlich auf Konsul Heibergs Brigg, die in einem Winkel am Bollwerk Tran ladet.

Schon stehen sehr viele Leute am Bollwerk, und es kommen immer noch mehr dazu. Von den Konsuln fehlt nur Davidsen, der verschlagene Kleinhändler, der sich von den Großen immer zurückhält. Der Hardesvogt und der Doktor waren auch nicht da, aber Frank, der junge Schulvorsteher, ist anwesend. Er ist neu verheiratet, mit Konstanze Henriksen von der Werft, aber die junge Frau ist nicht dabei. Frank ist nicht der kleinste auf dem Bollwerk, er hat die philologische Überlegenheit über die ganze Stadt, die ganze Küstenstadt, ist ein großer Mann, bis zur Übertreibung gelehrt in fremden Grammatiken und Sprachen als Lehrfach. Er steht ziemlich abseits neben einem Berg von Trantonnen, die an Bord der Brigg sollen; da er den neuen Gehrockanzug trägt, in dem er getraut worden ist, darf er den Trantonnen ja nicht zu nahe kommen, andererseits aber müssen sie ihn vor dem Zug auf dem windigen Bollwerk schützen. Er kann Zug nicht ertragen. Sein Vater steht am andern Ende des Bollwerks und schmiegt sich nicht an den Sohn an. Oliver kann sich schon richtig betragen.