Oliver ist wieder in gutem Aufstieg begriffen. Er hat jetzt nicht mehr eine gute Stellung in einem Lagerhaus, aber er ist den ganzen Tag in der Schmiede bei Abel, bisweilen feilt er Eisen, und ein seltenes Mal rudert er auch hinaus und fischt Merlan in der Bucht. „Mein Sohn, der Schmiedemeister,” sagt er, „mein Sohn, der Schulvorsteher,” sagt er. Er stützt sich auf die Söhne und genießt ihre Achtbarkeit mit vollen Zügen.

Es hat es jetzt gut und ist zufrieden; wenn ihn das Schicksal nun in Ruhe läßt, klagt er nicht. Es ist selbstverständlich, daß die Jungen dem Vater ihres eigenen Schulvorstehers auf der Straße keine Schimpfworte nachrufen, und ebenso selbstverständlich ist es, daß Oliver nie wieder auf den Tanzboden geht und dort Skandal macht. Olaus vom Wiesenrain ist der einzige, der noch zu fürchten ist, und selbst der scheint die Feindseligkeiten eingestellt zu haben. O wahrhaftig, es vergeht jetzt ein Tag wie der andere. Oliver ist auch nicht der Geringste am Bollwerk, es sind viele Geringere da als er. Alle diese guten Leute da, wer sind sie? Gewöhnlichkeiten, ein Stand, Kleinstadtgrößen und langweilige Erscheinungen in Stärkwäsche. Oliver war etwas Besonderes. An dieser Stelle, wo alle fast gleich sind, mußte er als etwas Besonderes angesehen werden, als etwas für sich. Ein Opfer der unheilvollen Kräfte des Lebens, jawohl, gekaut, wieder gekaut und ausgespuckt, an einem Strand hinterlassen, aber mit einem unausrottbaren Lebenstrieb in sich. Die Zeitung konnte ja jetzt ihr Programm wieder abdrucken und die Leute auffordern, einen nützlichen Kurs in Frömmigkeit zu nehmen, das tue man anderen Ortes, die Leute hätten das nötig und die Zeit fordere dazu auf, kurz gesagt, man solle mit dem Ende anfangen. Oliver fing nichts mehr an, es war nicht seine Sache, etwas anzufangen, er stand nun da, wo er hingestellt worden war, der Menschengedanke zerschmetterte ihn nicht, die Weiber am Brunnen bekehrten ihn nicht. Natürlich waren Leben, Schicksal und Gott verflixt himmelhohe Fragen und gewaltig notwendige Fragen, aber sie wurden von Leuten gelöst, die lesen und schreiben gelernt hatten, was sollte Oliver dabei? Wenn sich ein Gehirn wie das seinige ans Forschen machte, würde sich sicher alles vor ihm im Kreise drehen, Oliver könnte dann nicht in seiner Arbeit fortmachen, sich nicht am Essen und an Zuckerwaren erfreuen, das nicht leisten, was er leistete. Mögen die andern darum sorgen, mehr zu sein, als sie sind!

Ja, er ist vergnügt, das sieht man seinem Gesicht an. Ganz keck steht er auf seinem Bein und seinem Stelzfuß, und er sieht aus, als habe er mächtige Angehörige im Rücken, falls er sie gebrauchen wollte. Und die Menschen achten ihn plötzlich wieder: er ist der Vater des Schulvorstehers, denken die Menschen ...

Dann legt das Postschiff an. Da stehen die beiden Neuvermählten, von ihrer ganzen Familie umgeben, an der Reling. Am Land und an Bord werden ruhig Hüte gelüftet. Fräulein Fia scheut sich nicht, mit viel Rot, mit Purpurrot an ihrem Anzug sehr auffallend zu sein. Nun hat sie sich auch für Schoßhunde begeistert, sie trägt auf dem Arm ein kleines, lockiges schneeweißes Kerlchen mit Zottelhaaren über den Augen und einer blauen Schleife um den Hals. Sie ist vornehm, wie das ihre Art ist, spricht gedämpft, eine Dame und Komtesse ohne Tadel, hätte sie einen Wunsch, so wäre es der, gesund und lebenszäh zu sein, noch recht lange ihre Kunst pflegen und indische Märchen illustrieren zu dürfen. Da sie wohlerzogen und unschädlich ist, wird ihr das Leben das wohl gewähren.

Ihre Mutter, Frau Johnsen, ist wieder zur Vernunft gekommen und nicht mehr von Sorgen niedergedrückt. Sie ist noch ebenso gelb im Gesicht wie früher, aber sie trägt wieder einen großen Hut. Das Gerücht ging um, der Untergang des Dampfschiffs Fia und der Bankerott sei nur eine Spiegelfechterei gewesen, es sei Frau Johnsen drei Wochen lang weisgemacht worden, sie sei arm, und dann sei sie wieder ebenso reich gewesen wie zuvor. Dick und umfangreich steht sie neben ihrer Tochter an der Reling, sie ist's, die ursprünglich C. A. Johnsen am Landungsplatz durch ihre Mitgift zum großen Manne gemacht hat, sie ist ihren großen Hut ehrlich wert und nimmt sich auch jetzt neben den Grütze-Olsens gut aus, steht da, wie wenn sie sagen wollte: „Jawohl, wir sind jetzt verwandt geworden, aber wir verkehren nicht viel miteinander!” Es war ein schändlicher Streich des Zufalls, daß ihr Mann den Kopf verloren und die Villa an diese Familie verkauft hatte. Was sollten diese Leute mit einer Villa? Sie sind nur einmal dort gewesen, seit sie sie gekauft haben, und sie fuhren nicht mit Wagen und Pferden hin, sie gingen zu Fuß, er, der Konsul Olsen und seine Frau. Sie hatten aber wohl an dieser einen Fußtour genug, denn jetzt in Christiania schenkten sie die Villa den Neuvermählten, das war ihr Hochzeitsgeschenk. Was sollten also die Leute mit einer Villa, wenn sie nichts damit anfangen konnten?

Aber da kommt Johnsen, der Doppelkonsul selbst, der einzige von der Gesellschaft, der einen hohen Hut trägt. Er trägt ein Plaid über dem Arm und kommt hastig daher, vielleicht ist er bei der Abrechnung aufgehalten worden, oder er hat mit der Aufwärterin ein wenig gescherzt; zum Henker noch einmal, der Doppelkonsul ist ein großer Mann, und steht über vielem, er hat viele Filialen! Ein eingestürzter Turm, er? Ein wieder aufgerichteter Turm. Er gleicht wieder einer Million oder etwas anderem Rundem; in Christiania hat er das Dannebrogkreuz auf der Brust getragen. Sollte wirklich etwas daran sein, daß bei dem Untergang der Fia und der Versicherung Spiegelfechterei mit im Spiele war, und was wäre der Zweck dabei gewesen? Konsul Johnsen hat jedenfalls jetzt wieder bessere Tage erlebt, er ruht nicht mehr aus, er hat offenbar wieder etwas zu sagen und mitzusprechen bei sich selbst und bei andern.

Um Frieden zu finden, hat dieser Mann in einer Stunde des Nachdenkens den alten Postmeister aufgesucht, später einmal und in einer viel schlimmeren Klemme ist er durch die Hintertür in derselben Angelegenheit zum Schmied Carlsen gegangen, danach konnte niemand behaupten, er sei ein gleichgültiger Mensch, er hat seine Lehre durchgemacht, aber es half ihm nichts. Und als die Tage vergingen, kam er ja aus der Patsche heraus und brauchte dann keine Hilfe mehr. Was sollte er damit? Wenn er an den Postmeister dachte und an dessen Bescheidenheit, mußte er wieder lächeln. Der Postmeister suchte und suchte Frieden, er hatte einen kleinen Stern gefunden und wandelte in dessen Schein seine Straße, es war kein starkes Licht, keine Sonne und heller Tag, aber man konnte dabei schon ein wenig sehen. Nur Genügsamkeit! Konsul Johnsen suchte nicht, das war eine zu große Mühe für ihn, er wollte nur fragen, wo Frieden zu erkaufen wäre.

Jetzt steht er da auf dem Schiff wieder sorglos und obenauf. Hoho! Er sieht aus, als könne er noch drei oder vier vernichtende Bankerotte überstehen. Ein verflixter Kerl, der Doppelkonsul, auf irgendeine Weise muß er seinen draufgängerischen Sohn an die Kandare genommen und ihm Grenzen gesetzt haben. „Wir” sagt er von dem Geschäft, „meine Angestellten”, sagt er. Es hat sich dann auch in dem Auftreten der Leute gegen ihn ein sehr rascher Umschwung vollzogen, sie sehen wieder zu ihm auf und lassen ihn nicht links liegen; im Grunde genommen ist es durchaus nicht der Sohn, sondern der Vater, um den sich die Leute ihr Leben lang gekümmert und den sie gern gehabt haben. Er hat ihre eigenen Eigenschaften, ist gewöhnlich wie sie, ein gutmütiger Mensch, ohne Ernst und Standhaftigkeit, aber eine Nummer in einem Dutzend, eine der großen Standespersonen in der Stadt, rund und reich, er bekommt wohl bald eine neue Fia. —

Konsul Johnsen ist auch der einzige, der laut nach dem Ufer hinüber grüßt. Das kann er tun, denn er ist der, der er ist. „Siehst du jemand, der das Gepäck in Empfang nehmen kann?” sagt er zu Scheldrup, und im selben Augenblick geht er wieder weg. Vielleicht hat er etwas in seiner Kajüte vergessen, oder er will noch jemand ein letztes Abschiedswort sagen. Der Teufel mag ihm trauen!

Da kommt schließlich Olaus vom Wiesenrain über das Bollwerk geschritten, und er kommt breitspurig daher. Ist er heute verschlafen, oder hat er bis zum letzten Augenblick Karten gespielt? Er faßt nach dem Landungssteg und wirft ihn aufs Boot hinüber, daß dieses schwankt. Das Pferd, das die jungen Eheleute für die Villa bekommen sollen, bäumt sich, Olaus kümmert sich nicht darum, er begrüßt den Matrosen beim Fallreep mit ein paar kräftigen Worten: „So, faß den Landungssteg an und steh nicht da und hab' Maulaffen feil!”