„Nimm die Laufplanke weg!” ruft der Kapitän.

Olaus hebt die Laufplanke unnötig hoch auf, tritt mit ihr ein paar Schritte zurück und läßt sie dann fallen. Das Bollwerk erzittert. Dann fährt das Schiff ab.

O, aber an diesem Tag hatte Olaus vom Wiesenrain zum letztenmal da auf dem Bollwerk lose Reden geführt und seine Kräfte gezeigt; er verstummte in der darauffolgenden Nacht. Heibergs Trantonnen stürzten auf das Teertuch herunter, unter dem er lag, und zerschmetterten ihm den Brustkasten. Es nahm ein trauriges Ende mit diesem Olaus, und er hatte eigentlich auch nichts Besseres erwarten können. Vieles konnte gegen ihn vorgebracht werden, aber vielleicht war auch er vom Schicksal geschädigt worden, ein Gaul zerschmettert mitten im Gezähmtwerden. —

Die Leute an Bord der Brigg hatten wohl das Gepolter in der Nacht gehört, aber dann wurde alles wieder still, und sie schliefen weiter. Als es bei Tagesgrauen hell wurde, fand man Olaus. Etwas flacher als sonst lag er da, und um Nase und Mund zeigten sich Blutspuren, aber er lag nicht mit weit offenem Munde da, seine Zähne waren fest zusammengebissen. Im übrigen sah er träg und schlafend aus, mausetot natürlich, aber keine Spur von Spott und Zorn im Gesicht; er sah aus, als wolle er sagen: „Weckt mich nicht, ehe wir angekommen sind!”

Die Nachricht von dem Unglück verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt. Merkwürdigerweise war Oliver in der Nacht kurze Zeit draußen gewesen und hatte da ganz harmlos den Lärm von den Trantonnen gehört, aber geglaubt, das habe nichts auf sich. Oliver sagte, er habe einem guten Kameraden ein solches Ende nicht gewünscht, so einem in Grund und Boden guten Menschen, sagte er. Es war eigentlich fast beweglich, Oliver, einen so armen Kerl, der nicht einmal eine Nadel einfädeln konnte, so gute Worte sagen zu hören, aber Oliver hatte wohl selbst eine gute, interessante Erfahrung darüber gemacht, was ein wirkliches Unglück ist, und diese legte ihm nun die Worte in den Mund ...

Dann stand man wieder vor den Fragen über Leben, Schicksal und Gott, und manche sprachen sich talentvoll darüber aus. Da konnte man doch einmal sehen, was für ein unsicheres, sprödes Seil das Leben ist, und wir tanzen darauf! Olaus schwieg jetzt, aber andere schwatzten. Im übrigen war Olaus vom Wiesenrain doch eine zu geringe Persönlichkeit, als daß sein Tod die Menschen zu dauerndem Nachdenken hätte bringen können, man wurde es müde, immerfort in einen Gewehrlauf hineinzustarren, und man tanzte aufs neue. O, diese Tanzmadam, sie kehrte immer wieder in der Stadt ein, um Eitelkeit und Sünde am Leben zu erhalten. Es war, als werde sie von einer inneren Berufung getrieben. Manchmal konnt' es ihr schlecht gehen, aber sie hielt aus, was tut man nicht für die Kunst auf den Brettern? Als vor einiger Zeit die Fia unterging, und es still in der Stadt wurde, bekam sie keine Schüler, und sie reiste damals recht mager ab, aber als sie nun wiederkehrte, bekam sie die doppelte Zahl Anmeldungen. So sind die Menschen, irdisch und unverändert. Und so sind die Menschen, sie tanzen ebensowohl, ob der Tod in der Nacht wirklich zu ihnen kommt oder an ihnen vorbeigeht — für diesmal.

Manche Ungeduldige wollen in die Vorsehung eingreifen und reformieren; sie planen eine von der jetzigen höchst verschiedene Welt, sie stellen Programme auf, sie schaffen alle Schlechtigkeit ab. Dies tun sie nicht aus Übermut, sie verdrehen nicht den Hals und krähen den Himmel an, nein, sie beten und katzbuckeln sich vorwärts; sie wenden die Notenblätter um und flüstern zärtlich dabei. Aber es wird nicht nach den Noten der Menschen gespielt.

Wer hätte es ehrlicher verdient gehabt, in seinem Programm recht zu bekommen, als der alte Postmeister, aber wer wurde am meisten betrogen? Allerdings setzte ihn ein gewisser Postraub instand, für den Rest seines Lebens ein Idiot zu sein, aber als Idiot konnte er den damit verbundenen Segen nicht fassen. Oder wie, war er auch fernerhin zufrieden, wenn auch auf einer neuen Grundlage, fühlte er, sah er vielleicht tiefer als andere? Es war, als sei er in einer neuen Welt, sei gleichsam eins mit dem Wind und den Sternen, als ein Teil von allem, mit dem er auf der Strömung dahintrieb? Nahrung? Ja, Nahrung nahm er auch zu sich, aber wie gleichgültig war es ihm, woraus sie zubereitet war und ob er sie bekam! Ein Schatten, ein Schemen in Kleidern, ein Abgestorbener, das einzige war noch, daß er das Licht sah und mit den Augen blinzelte, er atmete ein und aus, wenn er erkältet war, nieste er. Aber leisten konnte er nichts mehr. War er deshalb das unglücklichste Geschöpf in der Stadt? Er redete nicht davon, er hätte zuviel sagen können. Die Leute, die ihn gesehen hatten, fanden ihn jetzt ruhig und gefaßt, er sah aufrichtig und natürlich aus, als ob er sagen wollte: „Hier sitz' ich und bin wegen nichts und wieder nichts Idiot, ich hab' meine Gründe dafür, ich hab' mich darein gefunden.”

Und die Dinge gehen ihren Lauf. Vielleicht hatte der Postmeister recht, der meinte, das Leben werde hinter der sichtbaren Welt von einem großen gerechten Gehirn geleitet. Es gab verschiedene in der Stadt, die wahrhaftig allmählich zu diesem Glauben hinneigten. Wie hätte es sich erklären lassen, daß alles eigentlich wieder ganz gut ging. Nun war zum Beispiel die Werft wieder in Gang gesetzt worden. Es gab auch noch andere freudige Ereignisse, aber daß die Werft ihre Tätigkeit wieder aufnahm, das war einfach ein großes Glück für die Stadt. Kaspar hatte wieder Arbeit, alle Arbeiter hatten ihren Verdienst wieder. Henriksen selbst ist zwar wohl nicht gerade auf einen Schlag ein reicher Mann, aber es ist ihm reiche Hilfe zuteil geworden. Es zeigte sich, daß der Doppelkonsul wirklich noch einmal wohltun konnte, wenn er sich in seinen Sessel setzte und die Leitung des Geschäfts übernahm.

Es geht also, alles miteinander geht, und vieles geht sogar gut. Was am allerbesten geht, wissen wir nicht; hinaufsteigen und herabsinken gehört wohl zum Ganzen, alles gehört zum Ganzen. Ein Licht brennt still im Leuchter, die Tür wird aufgemacht, und das Licht geht aus. Wessen Schuld ist es? Schuld, wieso?