„Ach, ich will es durchaus nicht größer machen, als es ist,” sagte Oliver; „ich hatte nie von einem Havaristen auf dem weiten Meere draußen geträumt. Aber wie ich da in meinem Boot saß und ruderte, kam es über mich: Weiter hinaus, weit hinaus! Es ist nun auch so, wie du weißt, ich bin weit in der Welt herumgekommen und bin von meinem vierzehnten Jahre an draußen gewesen. Die Weltkugel hab' ich auf der andern Seite gesehen, deshalb ist es nun fast, als sei ich gar nicht mehr aus dem Städtchen hier, das kann ich dir sagen. Aber jetzt muß ich hier leben und sterben, in Gottes Namen, das läßt sich nicht ändern!”
Es war auffallend, wie viel leichtlebiger Oliver wurde. Das zufällige Glück mit dem Havaristen änderte allmählich seine Ansichten, die Bitterkeit verließ ihn, er wurde freundlicher, wurde geduldiger. Nein, er nahm sich nicht zusammen und wurde nicht fleißig und arbeitsam, wanderte aber in seinem neuen Anzug umher, und die Hose blaffte recht leer um seinen Stelzfuß, aber er verfluchte sein Unglück nicht mehr. „Kauf' nur das für mich, was du selbst willst,” sagte er wohl zu seiner Mutter und war sehr nachgiebig. Eines Tages begegnete er einer alten Frau, die mit einer Tischdecke herumging und Lose darauf verkaufte. „Laß mich sehen! Ei, das ist eine feine Decke!” sagte Oliver und nahm Lose um des guten Zweckes willen. Es war fast eine Art Gottesfurcht, die über ihn gekommen war.
Es verging wohl eine Woche, dann ging es nicht mehr. Konsul Johnsen hatte ihm Vorschuß auf den Bergelohn gegeben, aber der Konsul konnte nicht ohne weiteres das Schiff und die Ladung verkaufen und Oliver die ganze Summe ausbezahlen. Hatte Oliver gemeint, er könne sich immer weiter Vorschuß holen? Jedenfalls hatte er wohl gedacht, es werde länger dauern, alles ging nun so gut, es war eine ausgezeichnete Zeit, Oliver konnte zum Havaristen hinunterschlendern, ihn jeden Tag auspumpen und ihn fast als sein Eigentum betrachten.
Aber dann tauchte die Mannschaft auf. O ja, die Mannschaft weit drunten vom Süden und sie kam gen Norden, der Schiffsführer und drei Mann, die Herren des Schiffes. O nein, es konnte keine Rede davon sein, das Schiff zu kassieren, sie fingen gleich an, es auszubessern. Da sie nun einmal nach Norwegen gekommen waren, wollten sie ihre Backsteine nicht wieder zurückfahren, sie verkauften sie an den Konsul und beluden dafür das Schiff mit Holzbalken. Dann machten sie über alles glatte Rechnung und fuhren ab.
Die goldenen Tage waren vorüber. Oliver saß wieder auf dem Trockenen. Wie war es eigentlich zugegangen? Jawohl, der Bergelohn, der war sicher, aber Oliver mußte ihn mit den beiden andern teilen, mit den beiden Fischern, es machte also für den einzelnen kein Vermögen aus. „Soll ich nicht einmal den Bruderteil haben?” fragte Oliver. Er bekam den Bruderteil und außerdem noch eine besondere Bezahlung für das Pumpen. Aber er hatte alles miteinander schon als Vorschuß bekommen; ei, wie war das zugegangen?
Diese kurze Zeit des Glücks hatte ihm unglaublich gut getan, aber jetzt war das vorbei. Er fühlte sich benachteiligt. Was dachte wohl Jörgen und was dachte Martin vom Hügel? Er ging hinüber zu Mattis, um dessen Ansicht zu hören.
Mattis war sonderbar an dem Tag, ein Rätsel. Er erwiderte Olivers Gruß nicht und machte dem Krüppel keinen Sitz zurecht. Eigentlich sah es aus, als ob er zornig sei; ja, wenn ein Mann mit den Zähnen knirscht und sich unruhig hin und her bewegt, kann beinahe kein Zweifel über seine Gemütsstimmung herrschen.
Oliver war von seinen eigenen Angelegenheiten erfüllt: daß er an der Nase herumgeführt worden, ja, daß er da in eine ordentliche Patsche geraten sei! „Sieh' nun zum Exempel, ich bin doch der gewesen, der das Schiff gefunden und geborgen hat, aber was hab' ich dafür bekommen? Es reut mich nur, daß ich einen einzigen Groschen dafür genommen hab', und ich werd' ihnen bei Gott das Geld wieder in den Rachen werfen!”
„So schweig doch mit deinem Geschwätz!” schrie der Schreiner plötzlich.
Oliver sah ihn an: er arbeitete wie verrückt, und seine Hände zitterten vor Aufregung. War er betrunken? Wenn es ihn gelüstete, in Feindschaft zu geraten, so konnte er das haben. Oliver richtete seinen gewaltig aussehenden Oberkörper auf.