Aber in der langen Zeit hatte sich Oliver nun daran gewöhnt, daß ein Krüppel mit Rücksicht behandelt wurde, und hier war mit ihm gesprochen worden, wie wenn er keinen Stelzfuß gehabt hätte! Des Schreiners Benehmen kränkte ihn, und er mußte sich großen Zwang auferlegen, aber er überwand sich und sagte: „Du kannst mir den Buckel runter rutschen, wenn du willst! Meinst du, ich hätte Angst vor dir?”
Der Schreiner ermannte sich, er nahm seine Jacke von der Wand und sagte: „Ich geh' sofort mit dir und nehm' sie mit.”
Diesem Ernst gegenüber wurde Oliver wieder klein, er riß die Tür weit auf und ging schnell hinaus. „Ich hab' die Türen gar nicht mehr,” gestand er, „ich hab' sie auf dem Hügel verkauft.”
Danach wurde es ganz still hinter ihm, der Schreiner war wohl wortlos stehen geblieben. Mag er dort stehen, mag er da in seinem Türloch stehen bleiben und keine Worte mehr finden!
Aber Oliver fühlte sich vielleicht nicht ganz sicher; er trieb sich eine gute Weile in den Straßen herum, ehe er sich heimwärts wendete, dem Schreiner könnte es ja doch noch einfallen, ihn aufzusuchen. Wahrlich ein schönes Benehmen einem Krüppel gegenüber!
Da ging Petra über die Straße. Sie sah ihn an und nickte ihm zu. Ja, es war also etwas mit Petra, was es nun auch sein mochte, sie hatte wohl den Schreiner nicht haben wollen, nein, nicht den Mattis mit der Nase. Und hatte er nicht mitten vor den Augen anderer geweint, anstatt sich als ein richtiger Mann zu zeigen! Oliver fiel es plötzlich ein, er müßte doch wirklich der Mann dazu sein, jetzt die Langfahrt zu unternehmen, die auf so merkwürdige Weise abgebrochen worden war. Aber Jörgen würde sich wohl wieder sperren, ihm sein Boot zu leihen, die Leute konnten doch recht sonderbar sein! Es war jetzt freilich vollständig zu spät, Eier zu sammeln, aber er konnte Treibholz finden. Und man konnte ja nicht wissen, was ihm alles noch widerfahren mochte. Das Glück konnte auf der Lauer liegen.
Am Nachmittag sah er Petra wieder auf der Straße, und sie nickte ihm abermals zu. Wie merkwürdig, in den nächsten Tagen sah er sie immer öfter ganz zufällig, sie, die wochen- und monatelang unsichtbar gewesen war! Er selbst tat durchaus nichts dazu, ihr zu begegnen, es war der reine Zufall. Ja, er war wieder mehr ein Mann geworden, hatte ein Schiff geborgen und war in die Zeitung gekommen. Er trug einen neuen Anzug und grüßte mit einem gelben Strohhut; aber er lief den Mädchen durchaus nicht in den Weg und stellte sich nicht zur Schau. Nein, jetzt war er im Gegenteil darauf versessen, weit hinaus auf Langfahrt zu ziehen.
Allmählich gab es wieder Zwistigkeiten zwischen ihm und der Mutter, und eines Tages wurde es geradezu ernst, als die Mutter fragte: „Na, jetzt soll ich wohl wieder um Unterstützung einkommen?”
„Was geht das mich an?” fuhr er sie an.
„Das sollte dein Vater hören, wenn er am Leben wäre!” versetzte sie, dem Weinen nahe.