„Wir nannten ihn den Konsul, als ich dort im Hause war.”
„Aber es sind doch noch andere Konsul geworden,” sagte Oliver. „Der Heiberg ist Konsul, der Grütze-Olsen ist Konsul.”
Ganz richtig, es gab allmählich mehrere Konsuln im Ort, o, so viele von diesen Vizekonsuln und Konsularagenten, so viele, die sich um die Knochen balgten, es wimmelte von ihnen in dem Küstenort. Nicht immer lief es ohne Streit und Mißgunst ab, es wurde im geheimen gearbeitet, der eine Handelsmann erlaubte dem andern nicht, hinter seinem Rücken zu florieren. Johnsen am Landungsplatz erlebte es, daß er viele Gleichgestellte hatte, und was erlebte nicht alles auch Frau Johnsen! Gott war ihr Zeuge.
Petra war vielleicht in einem besonders ungünstigen Augenblick zu C. A. Johnsen gekommen, er hatte keine Arbeit für ihren Mann. Oder hätte es sie vielleicht mehr genützt, wenn sie auch nur eine Spur niedlich und zart ausgesehen hätte? Die arme Petra, ihr Gesicht war fahl mit eingefallenen Wangen, und der Konsul sagte glatt weg nein, wahrhaftig, es sei nichts zu machen. Sie solle es bei einem von den neugebackenen Konsuln probieren, Gott mochte wissen, wofür die eigentlich Konsul geworden seien? Ob ihr Mann nicht bei Olsen ankommen und ihm die Grütze auswiegen könne? Aber es sei sehr richtig von ihr, daß sie zuerst zu ihm komme, zu C. A. Johnsen, er wolle versuchen, Oliver späterhin eine Unterstützung zu verschaffen, aber jetzt nicht. Sie solle doch nicht so niedergeschlagen aussehen, es gebe außer ihr noch andere, denen es in der letzten Zeit knapp gegangen sei, die Zeiten seien schwierig, das Dampfschiff Fia habe auch nicht so besonders gute Geschäfte gemacht. Und warum Oliver denn nicht auf den Fischfang hinausrudere?
Der Konsul betrachtete Petra und ihre Angelegenheit mit guten braunen Augen, und er wies sie nicht ohne Mitleid ab, aber sie mußte unverrichteter Sache fortgehen.
Was nun? Was sonst, als daß sich Oliver wieder zusammennahm und wieder männlich auf den Fischfang auszog, ja, jeden Tag, früh und spät. Er wollte es ihnen zeigen! Und nie kam er mit einem Fisch zu Johnsen am Landungsplatz, sondern er ging auffällig vorbei. Als er später mehr Fische fing, als er tragen konnte, stellte er sich leere Kisten am Bollwerk zurecht und richtete einen Fischmarkt ein, ein Abenteuer! Da stand er und war ein Großhändler. Einige Tage lang sträubten sich die Familien, den weiten Weg nach dem Bollwerk zu machen, da aber immer Fischnot herrschte, mußten sie sich fügen und zugreifen. Oliver hatte sehr matte Augen, und wenn man ihn sah, kam er einem fast etwas aufgedunsen und schwachsinnig vor; aber nicht immer, nicht, wenn es sich um einen Kniff, einen Streich handelte, da war er schlau genug. Da stand er nun mit seinen Fischen, er pries sie nicht an, schraubte im Gegenteil den Preis hinauf und machte ihn unerhört teuer. „Wollt ihr die Fische? Nicht, dann laßt es nur!” Oliver wußte, daß er die Fische an die regelmäßig verkehrenden Schiffe verkaufen konnte, und außerdem wußte er auch, daß anständige Leute mit einem Krüppel nicht so genau rechnen durften.
Den ganzen Herbst hindurch lebte Oliver mit seiner Familie besser als je, die Frauen schätzten ihren Versorger und ließen ihm das Beste zukommen, der Versorger bekam am Abend Sirup auf die Grütze, der Versorger bekam am Sonntag Waffeln zum Frühstück. Das war nicht mehr als recht und billig. Er verbesserte seine Stellung, er bezahlte den Kaufleuten etwas von seinen alten Schulden ab und strich sogar die beiden Türen des Anbaus an; auch stieg er in fachmännischem Ansehen bei den Fischern, bei Jörgen und Martin. Da hatten diese alle die Jahre her die Fische in die Häuser der Stadt geschleppt, ohne zu murren, bis Oliver daherkam und sie lehrte, hinter einem Tisch am Bollwerk zu stehen und die Fischpreise zu erhöhen. Sie bedankten sich bei ihm, weil er das erfunden hatte. „Ja ja, ich bin eben ein wenig in der Welt herumgekommen,” erwiderte Oliver.
Diese zunehmende Achtung von seinen Nächsten und den andern wirkte auf Oliver zurück und tat ihm gut. Wenn er von der Tagesarbeit heimkehrte und am Stubenfenster vorbeikam, konnte er hören, daß es drinnen sofort lebhaft wurde und daß Petra zu dem Kinde sagte: „Da kommt Vater!” Es war merkwürdig, wie diese ausgedachten Worte das Kind beruhigten, und Oliver behauptete sogar, der Junge in der Wiege verstehe sie. Es war auch gar nicht unmöglich, daß er sie verstand: Die Worte wurden jeden Tag zu einer bestimmten Zeit wiederholt, und ihnen folgte regelmäßig ein Knirschen der Tür, ein kalter Luftzug und ein eintretender Mann, der nach der Wiege hinnickte. Als der Junge ein paar Monate älter war und allein spielte, konnte kein Zweifel darüber herrschen, daß er den Ereignissen in der Stube mit vollen Sinnen folgte; seht nur das Würmchen, den kleinen Racker! Sobald die Mutter das Mieder aufknöpfte, fing er an zu schmatzen, und wenn die Mutter sagte: „Da kommt Vater!” richteten sich seine braunen Augen auf die Tür.
Zwischen dem Jungen und Oliver herrschte große Freundschaft. Und als das Kind die Ärmchen ausstreckte und zu Oliver wollte, da übermannte den Krüppel die Rührung. Dieses kleine Wesen — hat man je so etwas gesehen — dieses Nichts, dieser kleine Racker, he he, ein verflixter Kerl, zum Kuckuck! Es wurde vollends schlimm, als der Junge zu weinen anfing, wenn Vater fortging, das konnte Vater nicht ertragen, er hätte am liebsten selbst geweint und schrie Petra deshalb an: „Gib ihm die Brust, hab' ich dir gesagt!” Und darauf lief er mit seinem Stelzfuß zum Hause hinaus.
O ja, oftmals geriet er mit den Frauen im Hause in Streit über das, was das Kind verstand und nicht verstand. Er gab sich sehr viel mit ihm ab, zeigte ihm Bilder und Buchstaben und gab ihm alles mögliche in die Händchen, um damit zu spielen. Sie waren alle beide Kinder, blödsinnig und schnurrig. „Ich glaube, du bist verrückt!” schrien die Frauen. „Gibst du dem Kinde den Kaffeekessel in die Arme!” — „Ja, worauf soll er denn klopfen?” fragte Oliver. Er nahm die Zieraten von der Kommode und trug sie dem Jungen hin; als das Kind einen kleinen Spiegel auf den Boden schleuderte, sagte Oliver, er selbst habe den Spiegel fallen lassen und nahm die Schuld auf sich.