Das waren gute Tage! Petra wurde ja auch wieder hübsch und wollte an den Sonntagen gern ein wenig ausgehen. Ja, sie solle nur gehen, Oliver habe nichts dagegen, die Großmutter könne auch gehen, er verstehe nicht, wie gesunde, ruhige Menschen daheim sitzen bleiben möchten.

Er selbst hielt sich in der Stube auf, und wenn das Kind schlief, döste er am Tisch. Träumte er? Zogen die Erinnerungen aus der früheren Zeit durch sein schwerfälliges Gehirn? Er hätte wohl Ursache gehabt, über sein furchtbares Schicksal nachzugrübeln, aber dieses hatte ihn vielleicht schon stumpfsinnig gemacht.

Dann kam Petra in der Abenddämmerung heim, und es war auch Zeit, denn nun schrie das Kind, wie wenn es am Spieße steckte. Die Sache aber war die: Oliver wollte ihn ja lesen lernen, mitten in dem Unterricht jedoch fing der Junge an zu brüllen, Vater wiegte ihn herrlich auf und ab und redete ihm gut zu. „So, so, so, es geht schon, du darfst den Mut nicht verlieren, du lernst es, so wahr ich Oliver Andersen heiße!” Doch der Junge wollte ja Milch haben, deshalb schrie er, sonst wegen nichts.

Wenn nun Petra nur ein wenig demütig und reuevoll gewesen wäre, weil sie so lange aufgehalten worden war, aber keine Rede davon! Es war wohl ein jäher Sturz für sie, da kam sie geradeswegs vom Leben auf der Straße und wurde daheim mit Kindergeschrei empfangen. So jung noch und schon so gebunden, so unterdrückt! „Ach, so schweig doch, jetzt bin ich ja da!” sagte sie zu dem Kinde. Aber sie ließ sich gut Zeit, den Sonntagsstaat auszuziehen, und dann stand sie vor dem Spiegel und besah sich von allen Seiten; das war recht widerlich, und Oliver war mehr als geduldig, daß er ihr nicht die Krücke zu schmecken gab.

Nachdem er ihr eine Weile zugesehen hat, ruft er rasend: „Warum, beim Satan, nimmst du den Jungen nicht?”

„Warum ich ihn nicht nehme? Jetzt nehm' ich ihn.”

„Ja, — nachdem er sich ganz blau geschrien hat.”

„Laß ihn schreien! Es handelt sich nicht ums Leben.”

O, es war kein Zweifel, Oliver hätte die Krücke benützen sollen. Handelte es sich nicht ums Leben? Was für eine Kuh! Aber es handelte sich ums Essen. Das konnte er gleich sehen: als das Kind das bekam, was es haben sollte, schwieg es sofort. „Du solltest deinen Verstand gebrauchen,” sagte Oliver und fühlte sich höchst ehrbar.

O ja, sie verstand es sehr wohl.