Im Frühjahr pflegte Oliver aufzuwachen und bis zum Herbst fleißig zum Fischen hinauszurudern; dann lebten sie daheim wieder besser, er bezahlte bei den Kaufleuten für das im Winter geborgte Mehl und für die Margarine, und so schlugen sie sich durch. Auf diese Weise ging es auch. Die Achtung, die er sich einmal sozusagen erarbeitet hatte, ging allerdings flöten, er wurde von den Menschen einfach übersehen und gering geachtet, was er vielleicht auch verdiente, weiß Gott!

Diesmal bekam Frank ein kleines Brüderchen, ein braunäugiges Eichkätzchen lag in der Wiege, der Vater nahm das so auf, wie es seine Pflicht war, und verzweifelte nicht. Er war gegen beide Kinder gut, aber Frank, der Erstgeborene, war und blieb sein Junge, mit Abel, dem zweiten, gab er sich nicht viel ab. Sogar auch die Mutter zog Frank vor, vielleicht, weil er der hübschere war; wenn die Kleider für Frank zu klein wurden, mußte der Bruder sie weiter tragen, deshalb lief Abel Jahr um Jahr in zerschlissenen Hosen herum. Nicht, daß Abel sich darüber gekränkt gefühlt hätte, im Gegenteil, er fand meist noch etwas in den Taschen dieser abgelegten Anzüge, wenn er sie übernahm, ein Taschenmesser, eine Pfeife, einen Bleistiftstumpf, Knöpfe, Angeln, Nägel; diese Sachen tauschte er sofort um andere Dinge ein und ließ sie vorsichtshalber den Besitzer wechseln. Dies war einer von Abels Kunstgriffen, sich irdisches Gut zuzulegen. Er hatte übrigens auch noch andere Kunstgriffe; er tat sich eifrig mit Eduard, dem Sohn des Fischer Jörgen zusammen, der etwas älter war als Abel und von dem er deshalb außerordentlich viel lernte; die beiden verdienten sich ein paar Pfennige durch Besorgungen für andere, durch gelegentliche Handlangerdienste und durch den einen und andern glücklichen „Fund”. Einmal „fanden” sie wahrhaftig Kaffee im Lagerhaus des Grütze-Olsen; wie hätten sie das vermeiden können? Der Kaffee stand da mitten auf dem Boden und mußte deshalb von jemand vergessen worden sein, ein ganzer Sack, nur eben geöffnet, die Jungen meinten, er werde wohl etwas Ordentliches wert sein. Die Taschen reichten nun da eigentlich nicht aus, aber andererseits waren Taschen auch noch nie so nützlich gewesen. Auf dem Heimwege stiegen Eduard indes Zweifel auf, ob er mit seinem Warenanteil nach Hause gehen sollte, Abel aber ging mit dem seinen geradeswegs in die elterliche Wohnung. Die Mutter erhielt den Kaffee, sie versprach ihm auch etwas dafür, im übrigen aber verbot sie ihm, noch mehr Kaffee zu „finden”. Als sich Abel am nächsten Tag im Lagerraum einfand und etwas mitbrachte, in dem er den Kaffee forttragen wollte, mußte ihm sein Kamerad eine schändliche Geschichte mitteilen. Zuerst war Eduard gezwungen worden, sich mit dem Kaffee zu dem Sack hinzuschleichen, und als er von diesem Gang zurückkam, hatte er Schläge bekommen. Eduard war nun im Zweifel, ob er seine Eltern noch länger haben wollte.

Dieser Kaffee, der eine Quelle dauernden Wohlstandes hätte werden können, brachte übrigens auch Abel Ärger, die Mutter hielt ihr Versprechen nicht und gab ihm nichts dafür, er versuchte es im Guten und Bösen, aber nein. Dann ging er zu Oliver, zum Vater, und weinte.

„Wenn man einem Menschen etwas versprochen hat, so soll man es ihm auch geben,” sagte Oliver rechtlich gesinnt.

„Na,” sagte Petra, „so soll ich ihm also den Kaffee abkaufen, den er gestohlen hat? Du gibst ihm ja gute Lehren!”

Aber der Vater fühlte sich durch das Ersuchen des Sohnes geschmeichelt, und da er an diesem Tage reichlich Fische gefangen hatte, schenkte er Abel eine blanke Krone. „Man soll dir nicht unrecht tun,” sagte er in Gegenwart aller. Und dank dieser freigebigen Handlungsweise sah sich Abel instand gesetzt, sich am nächsten Tag eine gebrauchte Angelschnur zu verschaffen. Er kaufte sie von Olaus am Wiesenrain, von demselben Olaus, der einen Minenschuß bekommen, davon lauter blaue Flecken im Gesicht hatte und von dem Tag an keinerlei Schönheit mehr aufweisen konnte. Später hatte er auch eine Hand verloren. Er trank wie ein Loch und verkaufte alles, was er hatte, jetzt verkaufte er Abel seine Fischgeräte.

„Hast du Geld?” fragte Olaus.

„Jawohl,” antwortete Abel, „eine Krone.”

„Eine Krone? Ich verkaufe sie nicht für fünf.”

Sie betrachteten die Angelschnur. Olaus rauchte und spuckte aus.