Da lachte die Dame, und sie dachte nichts weiter, als er sei reizend, der Erste Konsul sei reizend. Und dann rückte sie mit ihrer Bitte heraus, ob der Herr Konsul einmal zu ihnen hereinsehen wolle, zu ihnen, Henriksens auf der Werft, er und seine Frau Gemahlin?
„Kommt ihr nicht?” rief Frau Johnsen, indem sie stehen blieb.
Da war nichts anderes zu machen, sie mußten vorgehen zu den andern. Aber der Konsul gelobte sich selbst, er wolle mit Frau Henriksen noch mehr reden, später, wenn ihr Mann von dem Punschbrauen ganz in Anspruch genommen sei. Dann wolle er der gute Gastgeber sein und sagen: „Ja, bitte Henriksen, tun Sie ganz, als ob Sie zu Hause wären,” und sich dann mit Frau Henriksen unterhalten.
Der Postmeister sprach von Nachkommenschaft. Er war ein magerer, unbedeutender Mann, und man hielt ihn eigentlich für eine recht verfehlte Existenz. Man hielt ihn auch für fromm, und er pflegte mit einer recht gedankenvollen Miene zu sagen. „Ja, was soll man glauben!” Als junger Student hatte er meist von der Kunst geträumt, von Schlössern und Domen, von Architektur, er kam indes nie soweit, sich für einen bestimmten Beruf zu entschließen, und landete schließlich beim Postfach. Jetzt zeichnete er Gotteshäuser und Menschenhäuser in seinen Freistunden; er hatte den Plan für die höhere Schule im Ort gezeichnet, das hübsche Haus mit Säulen, das man schon weit draußen im Fjord am Ufer sehen konnte; er nahm nichts für seine Arbeit, aber die Stadtverwaltung hatte ihm viel Lobenswertes darüber gesagt. Seine Frau war in keiner Weise verfehlt, aber keine Schönheit, nur gut und ein Segen für ihr Heim. Sie war älter als ihr Mann, aber nicht so viel, daß es etwas ausgemacht hätte. Unter Fremden war sie schweigsam, auch jetzt zog sie sich zurück und redete nicht von sich selbst.
„Nachkommenschaft,” sagte der Postmeister. Seine Theorie war, daß den Eltern im allgemeinen weniger Bedeutung zugemessen werden sollte, als den Kindern. Ja durchaus. Alles sollte sich um die Nachkommen drehen. „An dem heutigen Abend haben die Eltern leere Wände entlang auf schlechten Bänken gesessen und doch einen Genuß und eine Festfreude an ihren Kindern gehabt. Die Mütter sind nicht im Staat gewesen, die Kinder dagegen sehr fein angezogen. So fein angezogen waren auch einst die Mütter, als sie kleine Töchter gewesen waren, damals vor dreißig Jahren, als die Damen ungeheuer weite Kleiderröcke trugen. Du lieber Gott! dachte ich und erinnerte mich an alte Zeiten.”
„Elegie!” sagte der Rechtsanwalt, der Junggeselle Fredriksen.
„Jawohl, ganz richtig!” erwiderte der kinderlose Doktor. Und da es sich um den unschädlichen Postmeister handelte, der im Grunde genommen ein feiner Mann war, wollte er ihm ein paar Worte sagen. „Nachkommen,” sagte er, „was wollen Sie damit? Ist dies eine Welt, um Nachkommen hineinzusetzen? Wie lange halten wir uns hier im Leben auf und zu welchem Zweck, außer für uns selbst? Lassen Sie uns die Zeit ausnützen, Herr Postmeister, der Tod ist uns auf den Fersen und wird uns gleich ergreifen. Wir liegen zwischen dem untersten und dem obersten Mühlstein. Die einen sind weich und nachgiebig, sie werden ohne Murren zermahlen, andere winden sich, wie Sie, Herr Postmeister, sie drehen den Kopf zurück und haben Angst für ihr Gesicht — o, aber in der nächsten Sekunde sind auch sie schon zermahlen. Es muß ein sonderbares Gefühl sein, und wir werden dieses Gefühl alle einmal kennen lernen; wenn es von unten beginnt, muß man ja fühlen, wie die Beine und der Leib allmählich —”
Als der Doktor nun Beifall erntete, scherzte er weiter, der witzige Kerl, und brachte alle zum Schaudern: „Schließlich liegt wohl nur noch ein Stückchen von einem da, das sich vielleicht ganz unabhängig vom andern bewegt. Alles ist geradezu herrlich, alles ist vollendet.”
Schweigen.
„Es ist so trostlos, dergleichen zu denken,” sagt der Postmeister. „Aber selbst unter diesen Voraussetzungen ist es gut, man hinterläßt —”