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Ältere Leute erinnern sich deutlich an Tage und Daten aus der Vergangenheit; sie finden es so herrlich, allerlei Kleinigkeiten im Kopfe zu behalten, als sei das etwas Wertvolles, etwas, das ihnen einmal nützlich sein könnte. Sie heben auch Zeitungsausschnitte auf.
Jetzt hören die Leute eine fremde Dampfpfeife in der Bucht ertönen. Das ist keiner der Postdampfer, und es ist auch nicht das kleine Frachtboot, das jede Woche einmal zu jeder Haustür kommt, deshalb steigen die Leute auf ihre Hausdächer und halten Ausschau.
„Es ist die Fia!” sagen sie. „Seht, wie sie geflaggt hat!”
Und in demselben Augenblick denken sie unwillkürlich an die große Volksmenge, die an jenem längstvergangenen Sonntag ans Bollwerk hinuntergewandert war; sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und wissen am Alter ihrer Kinder, in welchem Jahr das gewesen ist. Es war eine wahre Völkerwanderung, dessen entsinnen sie sich wohl, und damals sollte die Fia nach dem Mittelmeer fahren. Nun kehrt sie zurück nach den langen Fahrten auf den weiten Meeren, an Bord ist alles festlich geschmückt, und die Herzen sind wohl von Stolz geschwellt. Auch der Matrose Oliver Andersen war damals an Bord gewesen.
Jetzt humpelt Oliver ans Bollwerk hinunter, er wirft sich mit dem Stelzfuß vorwärts, strengt sich an; er ist so unschuldig, zu glauben, die Kameraden werden nach ihm ausschauen, sie würden ihn als den ersten am Bollwerk erwarten. Nein, sie erwarten ihn nicht, er ist vergessen. Sie betrachten von der Reling aus diesen Krüppel und erkennen ihn; aber sie bezeugen keine Freude, er muß sie zuerst grüßen und zu den alten Freunden hintreten. Da steht nun Oliver; er ist etwas ergraut, und sein Haar ist dünn, obgleich er noch ein junger Mann ist, dagegen ist er merkwürdig dick geworden, mit wahren Hängebacken. Hat er es auf der lieben Gotteserde so gut bekommen? Ist sein Unglück ein verkapptes Glück gewesen?
Von der Reling aus werden einige teilnehmende Worte mit ihm gewechselt, weil er ein Krüppel geworden ist, aber die Matrosen halten sich nicht mit ihm auf; sie haben wohl keine Zeit, ihre Augen laufen suchend den Weg hinauf — gerade jetzt kommt ihr Mädchen, ihre Mutter oder ihre Frau mit den Kindern, sie müssen sich nun in aller Eile noch ein wenig putzen, ehe sie da sind.
Natürlich ist auch Olaus vom Wiesenrain mit seiner Pfeife da, und er ist so, wie er immer war, betrunken und großsprecherisch. Wenn die Mannschaft der Fia beabsichtigt hatte, sich bei ihrer Heimkehr aus unglaublich fernen Landen etwas aufzuspielen, so verdarb ihnen Olaus das gründlich, er bewies ihnen auch nicht das kleinste bißchen Hochachtung.