Natürlich wurde es nicht ein bißchen besser, sondern eher schlimmer, als das dritte Kind kam, ein Mädelchen, das bei Nacht schrie und den müden Versorger aufweckte. Nun konnte Oliver seiner Lust zum Umherschweifen wieder nachgehen, von Hause verschwinden, in seinem Boot weit hinausfahren und tage- und nächtelang fortbleiben. Gott mochte wissen, was er da suchte und was er fand. Besonders nach einem Sturm auf dem Meere machte er diese Ausflüge, er war vielleicht so kindlich, auf ein neues, havariertes Schiff zu hoffen. Einmal fand er übrigens einen umhertreibenden Handkoffer; er enthielt nur etwas Leibwäsche, etwas weiblichen Staat, aber Oliver trug ihn heim und tat groß damit, und es fiel ihm nicht ein, an diesem Tag noch irgendwie Hand an eine Arbeit zu legen. Ein andermal fand er eine leere, aber verkorkte Paraffinkanne, ab und zu kam er mit einem Häufchen Eiderdaunen an, das er von den Nestern auf den Brutinseln geraubt hatte. Er wußte, daß dieser Flaum sehr wertvoll war, aber er wagte nicht, ihn in der Stadt zu verkaufen, er mußte ihn aufheben.
Das Ärgerliche war, daß Petra seine Fundstücke so wenig schätzte, o, sie pfiff darauf. Er konnte sich vom Bollwerk aus heimschleichen, um von niemand gesehen zu werden, mit geschwellter Brust in die Stube treten und seine Beute auf den Tisch legen. „Hier, da ist etwas zum Verwundern, bitte!” Aber Petra murrte dann: „Das ist der Verdienst von drei Tagen! Was sollen wir mit Eiderdaunen! Und was sollen wir mit einer leeren Paraffinkanne?”
Da fiel Oliver kopfüber wieder auf die Erde herunter, und er antwortete wohl: „Jetzt hast du mal wieder deinen Koller!”
Doch Petra entgegnete auffahrend. „Was hab' ich, einen Koller? Sieh die Kleine dort in der Wiege an, liegt sie etwa auf Eiderdaunen?”
Oliver richtet seine Augen auf das Kind; es liegt in Lumpen, aber es fehlt ihm nichts, es schreit nur, weil es zahnt. Doch plötzlich steht Oliver auf und sieht näher hin, zum erstenmal betrachtet er das Kind genau.
„Was zum Kuckuck, hat sie blaue Augen?” fragt er.
Petra zuckt zusammen und antwortet: „Das siehst du doch!”
„Woher kommt das?”
„Woher es kommt? Kann ich das wissen? Wie du nur fragen kannst!”
Oliver bleibt wie angewurzelt stehen und starrt und starrt. Wie verwirrt er ist und wie dumm: sollte ein Kind von blauäugigen Eltern nicht blaue Augen haben? Aber die andern, die Jungen, sie hatten braune Augen. Da steckte etwas Neues dahinter. O, Oliver hatte wohl in all diesen Jahren seine eigenen Gedanken gehabt und sie in stumpfer Gleichgültigkeit mit sich herumgetragen; jetzt stand er vor einem Rätsel. Wo war Petra gewesen? Daheim. Daheim. Eine Frau, die Scheldrup Johnsen Backpfeifen gab, war nicht auf dem Strich.