„Ja.”
„Und mit himmelblauen Augen diesmal.”
Petra sah zu Boden und schwieg.
„Nicht alle können himmelblaue Augen haben,” sagte der spaßhafte Mann. „Nein!” tat er dann plötzlich kund, „ich habe keinen Platz für deinen Mann, hörst du? Probier' es beim Grütze-Olsen!”
Wieder mußte Petra unverrichteter Sache heimgehen, heim zu ihrer Familie und dem Elend. Es war ein Zustand, niemand wurde so hart geprüft. Ab und zu weinte sie und hatte aufrichtig Mitleid mit sich selbst; aber sie war zu jung und zu gesund, um ganz mutlos zu werden, nicht so sehr selten stand sie unter ihrer Tür, lachte und schwatzte mit den auf der Straße Vorübergehenden — tiefer war sie nicht getroffen.
Die Jahreszeiten wechselten, und die Zeit verging, Olivers Buben waren nun beide in der Schule; Frank hatte die besten Gaben, er hatte einen Freiplatz und glänzende Zeugnisse, aber das Eichhörnchen Abel war auch nicht dumm, nur ein unglaublicher Bandit war er, mit ganz anderen Neigungen. Es ging und ging, die Gewohnheit half dazu, und Gott verlieh der Familie zur Stärkung einen gewissen zähen Willen, nicht unterzugehen. Der kleine Abel zum Beispiel kleidete und ernährte sich meist selbst ringsum in der Stadt. Übrigens war es für ihn selbst oft am schmählichsten, so ein kleines Eichhörnchen zu sein: als er eines Tages draußen auf dem Lande war, plagte ihn der Hunger über die Maßen. Da er aber weder etwas zu essen noch ein Wams, das er auf einem Waschseil „fand”, geschenkt bekommen konnte, fragte er ganz einfach, ob er nicht eine Tasse Kaffee kaufen könnte. Aber da wurden die Leute auf dem Hofe schändlich gegen das Eichhörnchen, sie erwiderten, ob er denn überhaupt Kaffee trinken dürfe. Was, dürfe? Diesem Hof wollte er nie mehr nahe kommen, ehe er erwachsen war!
Bruder Frank ging nicht auf Erlebnisse aus, dazu war er zu klug. Auch er bekam manche Mahlzeit und manches Kleidungsstück im Städtchen, ja, einmal im Jahre bekam er einen vollständigen Anzug in Konsul Johnsens Geschäft und kam vom Scheitel bis zur Sohle erneuert heim. Ein solcher Mann war Johnsen am Landungsplatz, herrlich dazu geeignet, zu leben und andere leben zu lassen.
Es ging und ging. Bisweilen zog auch die Großmutter wieder hinaus und kehrte dann mit guten Sachen heim, mit Kartoffeln, Speck, einer Tüte Mehl, einem Käslaib. O, die Großmutter war nicht zu verachten; wenn sie nur die Unterstützungskasse nicht in Anspruch zu nehmen brauchte und die andern Weiber am Brunnen sie nicht schmähten, dann konnte sie mehrere Kirchspiele durchwandern, und ihre Vorräte aus den Dörfern waren eine gute Hilfe. Wahrlich, sehr oft war es nur der Großmutter zu verdanken, wenn die Familie etwas zum Beißen und in den Ofen zu legen hatte, so fleißig war die Großmutter geworden.
Oliver selbst ging es am schlechtesten. Seine Krankheit wollte nicht weichen. Jetzt war er wieder kurze Zeit auf dem Fischfang gewesen, und zwar nur, weil er ein neues Boot bekommen hatte, daher kam's. Seht, er hatte ja eine Fahrt aufs Meer hinaus gemacht, und da hatte er das Boot herrenlos umhertreibend gefunden; das war ausgezeichnet, das Boot hatte wohl irgendwo vertäut gelegen und war abgetrieben worden, es konnte von weit her sein, vielleicht vom Ausland. Nun hätte er allerdings das Boot anmelden sollen, wer zweifelte daran; aber wie es nun ging oder nicht ging, Oliver behielt das Boot und kam auch nicht in Verlegenheit dadurch. Niemand machte ihm einen Vorhalt, der Krüppel brauchte das Boot, er konnte in seinem eigenen elenden Fahrzeug sonst eines Tages untergehen. Zuerst hatte Oliver ja gedacht, er könnte das Boot verkaufen und Geld dafür bekommen, aber das verbot ihm die Stadt, das wäre zu weit gegangen. „Nein,” sagten die Leute im Ort, „wenn du es gefunden hast, dann sollst du es haben!” Also fischte Oliver in allen Freistunden und gebrauchte sein neues Boot.
In allen Freistunden.