„Aber ich hab' den Konsul doch schon mehrere Male gebeten,” wendet Petra ein.

Oliver erwidert: „Das ist eben nicht so, wie wenn ein Mann kommt.”

Das bedeutete Veränderung, jawohl! Aber Oliver, der weiß, worauf er eingegangen ist, denkt wohl: ein buchstäbliches Sparkassenbuch und den Garten Eden bedeutet es nicht; der Johnsen am Landungsplatz ist nicht überflott gewesen; aber auf der andern Seite war er der Erste Konsul, für die Familie Oliver war er also eine Art Retter geworden.

Im Lagerhaus war keine schwere Arbeit zu verrichten; Oliver konnte da Tag um Tag hingehen, bloß um überhaupt da zu sein. Seine geschäftvollsten Tage hatte er, wenn ein Frachtschiff an dem kleinen Bollwerk anlegte, Mehl und Sirup, Kaffee, Paraffin und Leinöl auslud und Fisch und Tran dafür einnahm. Da mußte Oliver die empfangenen Waren im Lagerhaus und Keller unter Dach schaffen, und bei solchen Gelegenheiten erreichte er es, abends wirklich müde zu sein. Außerdem hatte er zu scheuern, aufzuräumen und alles in gehöriger Ordnung zu halten. Ein offener Kaffeesack durfte nicht mitten auf dem Boden stehen bleiben, daß nicht etwa kleine Jungen daherkommen und ihn als Fund erklären könnten. Wenn sich dann die Kunden mit einem Zettel vom Kramladen einfanden, las Oliver den Zettel und lieferte dem einen Sack Mehl, zwanzig Meter Tauwerk oder jenem ein Liespfund Fische aus. Dem Lagerhausvorsteher lag es ob, jeden Morgen die Schiebladen im Kramhandel mit Kolonialwaren vom Lagerhaus aufzufüllen; schließlich mußte er aufschreiben, welche Waren im Lagerhaus knapp wurden, damit das Kontor beizeiten neue Bestände bestellen konnte.

Alles in allem war es gar keine so geringe Stellung, die Konsul Johnsen für Oliver eingerichtet hatte, und die Leute hatten wieder einmal guten Grund, seine Handlungsweise zu loben. Allerdings war ja Oliver auf seinem Schiff ein Krüppel geworden; aber das verpflichtete den Konsul zu nichts, höchstens zu allgemeiner Barmherzigkeit und Gnade. Und von diesen hatte der Erste Konsul ein gut Teil, er war ein großer Mann und ein Wohltäter.

Was war also dagegen zu sagen? Nichts. Es konnte ja oft im Lagerhaus wohl ein häßlicher Geruch nach alten Fischen und verfaulten Lebern sein, besonders im Sommer war oft ein durchdringender Gestank darin — aber was war dabei! Im ganzen war Oliver auch jetzt ebenso wie früher eine genügsame Seele, er verdiente genug für Margarine aufs Brot, für faule Sonntage, für etwas Staat, einen herrlichen bunten Schlips, frischgebürstete Schuhe, einen neuen, schief auf den Kopf gesetzten Hut. Konsul Johnsens Wohltätigkeit gegen ihn wirkte auch noch auf weitere Kreise, Oliver merkte an Kleinigkeiten, daß die Stadt ihn nicht mehr übersah, und der Rechtsanwalt Fredriksen wollte auch nicht zurückstehen, sondern hielt Frieden wegen des Hauses.

O ja, das Glück war eingekehrt! Aber das beste war, daß Oliver der Vorstand seines Lagerhauses geworden war, seines eigenen kleinen Bereichs; er war nicht weit davon entfernt, ein Herrscher zu sein, sozusagen eine Person von Stande. Das gefiel ihm, es kitzelte ihn förmlich, wenn die Leute aus der Stadt als Kunden daherkamen und guten Tag sagten, ehe sie ihre Zettel vorwiesen. „Guten Tag!” grüßte er dann wohl wieder, so ein Mensch war er, auch er übersah niemand. Jetzt war es nicht so ohne, ja, es lohnte sich, gegen den Krüppel ein wenig höflich zu sein, er konnte bei mancher Gelegenheit allerlei davon oder dazu tun, durch volles oder geringes Maß, durch schlechtes oder gutes Gewicht.

Der Fischer Jörgen kam mit einem Zettel — Kaspar, der Matrose auf der Fia gewesen war und seine Frau jetzt nicht mehr zu verlassen wagte, damit sie nicht zu neuen Auslandsreisen verführt würde — ja, dieser Kaspar kam auch mit einem Zettel; Martin vom Hügel kam, der Schreiner Mattis und der Polizei-Carlsen kamen und später alle von nah und fern; und Oliver war der, der sie unter der Tür des Lagerhauses empfing und ihre Wünsche anhörte. Wahrlich, Josef war ein großer Herr bei Pharao in Ägypten geworden.

„Ja, jetzt bist du ja ordentlich hoch hinaufgekommen,” sagte Fischer Jörgen in all seiner Gutmütigkeit.

„Ich kann nicht klagen,” gab Oliver wohl zur Antwort. „Die Vorsehung hat mich hierhergestellt und mich nicht vergessen.”