Wollen Sie jetzt gehen? fragte sie und blieb noch beim Kamin stehen.
Ich antwortete nicht. Ich war gedemütigt und verwirrt und sah sie an, ohne etwas zu sagen. Nein, was hatte ich zerstört! Es schien sie nicht zu berühren, daß ich zum Gehen bereit war, sie war mit einem Mal vollkommen verloren für mich, und ich suchte nach etwas, um es ihr zum Abschied zu sagen, ein schweres, tiefes Wort, das sie treffen und ihr vielleicht ein wenig imponieren könnte. Und meinem festen Entschluß vollkommen entgegen, verwundet, anstatt stolz und kalt, unruhig, beleidigt, fing ich geradezu von Unwesentlichem zu sprechen an; das treffende Wort kam nicht, ich betrug mich äußerst gedankenlos. Wieder wurde es Suada und Büchersprache.
Warum sage sie nicht einfach klar und deutlich, daß ich meines Weges gehen solle, fragte ich. Ja, ja, warum nicht? Es lohne sich nicht, sich zu genieren. Anstatt mich an das Mädchen zu erinnern, das bald heimkommen würde, hätte sie einfach folgendes sagen können: Jetzt müssen Sie verschwinden, denn jetzt muß ich meine Mutter abholen und ich will nicht Ihre Begleitung auf der Straße haben. So, das hätte sie nicht gedacht? O doch, das hätte sie wohl gedacht, ich habe es sofort verstanden. Es brauche so wenig, um mich auf die Spur zu bringen; schon die Art und Weise, wie sie nach dem Mantel gegriffen und ihn wieder liegen gelassen habe, habe mich sogleich überzeugt. Wie gesagt, ich hätte Ahnungen. Und es sei im Grunde wohl nicht soviel Wahnsinn darin....
Aber Gott im Himmel, verzeihen Sie mir nun dieses Wort! Es entfuhr mir! rief sie. Aber sie blieb immer noch stehen und kam nicht zu mir her.
Ich war unerschütterlich und sprach weiter. Ich stand da und schwätzte, mit dem peinlichen Gefühl, daß ich sie langweilte, daß nicht ein einziges meiner Worte traf, und trotzdem hörte ich nicht auf: Im Grunde könne man ja ein ziemlich zartes Gemüt haben, auch wenn man nicht verrückt sei, meinte ich; es gäbe Naturen, die sich von Bagatellen nährten und an einem harten Wort stürben. Und ich ließ verstehen, daß ich eine solche Natur wäre. Die Sache sei die, daß meine Armut gewisse Eigenschaften in einem Grad geschärft habe, daß es mir geradezu Unannehmlichkeiten bereite, — ja, geradezu Unannehmlichkeiten, leider. Aber es habe auch seine Vorteile, es helfe mir in gewissen Situationen. Der arme Intelligente sei ein viel feinerer Beobachter als der reiche Intelligente. Der arme sieht um sich, bei jedem Schritt, den er tut, lauscht mißtrauisch auf jedes Wort, das er von den Menschen hört; jeder Schritt stellt somit seinen Gedanken und Gefühlen eine Aufgabe, eine Arbeit. Er ist hellhörig und feinfühlig, er ist ein erfahrener Mann, seine Seele hat Brandwunden ....
Und ich sprach recht lange von diesen Brandwunden, die meine Seele hatte. Aber je länger ich sprach, desto unruhiger wurde sie; zuletzt sagte sie in der Verzweiflung ein paarmal Gott im Himmel! und rang die Hände. Ich sah wohl, daß ich sie plagte, und ich wollte sie nicht plagen, aber ich tat es trotzdem. Endlich meinte ich, ihr in groben Zügen das Notwendigste gesagt zu haben, ihr verzweifelter Blick ergriff mich und ich rief:
Jetzt gehe ich! jetzt gehe ich! Sehen Sie nicht, daß ich die Hand schon auf der Klinke habe? Leben Sie wohl! Leben Sie wohl! sage ich. Sie dürften mir schon antworten, wenn ich zweimal Lebewohl sage und fix und fertig zum Fortgehen dastehe. Ich bitte Sie nicht einmal, Sie wieder treffen zu dürfen, denn das würde Sie quälen; aber sagen Sie mir: Warum ließen Sie mich nicht in Frieden? Was habe ich Ihnen getan? Ich stand Ihnen nicht im Wege; nicht wahr? Warum wenden Sie sich plötzlich von mir ab, als ob Sie mich gar nicht mehr kennten? Nun haben Sie mich so gänzlich beraubt, mich noch elender gemacht, als ich jemals war. Herrgott, aber ich bin ja doch nicht wahnsinnig. Sie wissen sehr gut, wenn Sie sich nur besinnen, daß mir jetzt gar nichts fehlt. Kommen Sie doch und geben Sie mir die Hand! Oder erlauben Sie mir zu Ihnen hinzukommen! Wollen Sie das? Ich werde Ihnen nichts Schlimmes tun, ich will nur einen Augenblick vor Ihnen niederknien, auf dem Boden vor Ihnen niederknien, nur einen Augenblick; darf ich? Nein, nein, dann werde ich es nicht tun, ich sehe, daß Sie Angst haben, ich werde es nicht, werde es nicht tun, hören Sie. Herrgott, warum erschrecken Sie so? Ich stehe doch still, ich rühre mich nicht. Ich hätte eine Minute lang auf dem Teppich gekniet, genau hier, auf diesem roten Fleck gleich bei Ihren Füßen. Aber Sie erschraken, ich konnte es sofort an Ihren Augen sehen, daß Sie erschraken, deshalb stand ich still. Ich machte keinen Schritt, als ich Sie darum bat; nicht wahr? Ich stand ebenso unbeweglich wie jetzt, da ich Ihnen die Stelle zeige, wo ich mich vor Ihnen niedergekniet haben würde, dort auf die rote Rose im Teppich. Ich zeige nicht einmal mit dem Finger hin, ich zeige durchaus nicht hin, ich lasse es sein, um Sie nicht zu erschrecken, ich nicke nur und sehe hin, so! Und Sie verstehen sehr wohl, welche Rose ich meine, aber Sie wollen es mir nicht erlauben, dort zu knien; Sie haben Angst vor mir und trauen sich nicht, mir nahe zu kommen. Ich begreife nicht, daß Sie es übers Herz bringen können, mich verrückt zu nennen. Nicht wahr, Sie glauben das auch nicht mehr? Das war im Sommer einmal, vor langer Zeit, da war ich verrückt; ich arbeitete zu schwer und vergaß rechtzeitig zum Mittagessen zu gehen, wenn ich viel zu denken hatte. Das geschah Tag für Tag; ich hätte daran denken sollen, aber ich vergaß es immer wieder. Bei Gott im Himmel, das ist wahr! Gott möge mich nicht mehr lebendig von der Stelle kommen lassen, wenn ich lüge! Da können Sie es sehen, Sie tun mir Unrecht. Ich tat es nicht aus Not; ich habe Kredit, großen Kredit, bei Ingebret und Gravesen. Ich hatte oft auch viel Geld in der Tasche und kaufte trotzdem nichts zu essen, weil ich es vergaß. Hören Sie! Sie sagen nichts, Sie antworten nicht, Sie rühren sich nicht vom Kamin weg, Sie stehen bloß da und warten darauf, daß ich gehen soll....
Sie kam rasch auf mich zu und streckte ihre Hand aus. Voll Mißtrauen sah ich sie an. Tat sie das auch leichten Herzens? Oder tat sie es nur, um mich los zu werden? Sie legte ihren Arm um meinen Hals, sie hatte Tränen in den Augen. Ich stand nur da und sah sie an. Sie reichte mir ihren Mund; ich konnte ihr nicht glauben, ganz bestimmt brachte sie ein Opfer, es war nur ein Mittel, um der Sache ein Ende zu machen.
Sie sagte etwas, es klang wie: Ich habe Sie trotzdem lieb! Sie sagte es sehr leise und undeutlich, vielleicht hörte ich nicht richtig, sie sagte vielleicht nicht gerade diese Worte; aber sie warf sich mir heftig an die Brust, hielt beide Arme eine Weile um meinen Hals geschlungen, hob sich sogar auf die Zehen, um gut heraufzureichen und blieb so stehen.
Ich fürchtete, daß sie sich zu dieser Zärtlichkeit zwang, ich sagte nur: