Was sind das für Narrenstreiche? Von wem ist der Brief?

Ja, das weiß ich nicht, antwortet er, eine Dame hat ihn mir gegeben.

Ich stand still. Der Dienstmann ging. Da stecke ich den Schein wieder in den Umschlag, knülle das Ganze fest zusammen, kehre um und gehe zur Wirtin, die mir vom Tor aus immer noch nachschaut, und werfe ihr den Schein ins Gesicht. Ich sagte nichts, äußerte keine Silbe, ich beobachtete nur, ehe ich ging, daß sie das verknüllte Papier untersuchte....

He, das konnte man ein Auftreten nennen! Nichts sagen, das Pack nicht anreden, sondern einen großen Geldschein ganz ruhig zusammenknüllen und ihn seinen Verfolgern vor die Füße werfen. Das konnte man ein würdiges Auftreten nennen! So mußte man sie behandeln, diese Tiere!....

An die Ecke der Tomtestraße und des Bahnhofsplatzes gekommen, begann die Straße plötzlich sich vor meinen Augen rund herum zu drehen, es sauste leer in meinem Kopf, und ich fiel an eine Hauswand. Ich konnte einfach nicht mehr weitergehen, konnte mich nicht einmal aus meiner schiefen Stellung aufrichten; ich blieb so stehen, wie ich an die Wand gefallen war und fühlte, daß ich die Besinnung verlor. Mein wahnsinniger Zorn wurde durch diesen Anfall der Erschöpfung nur vermehrt, und ich hob den Fuß und stampfte auf das Pflaster. Ich versuchte noch alles mögliche, um zu Kräften zu kommen, biß die Zähne zusammen, runzelte die Stirn, rollte verzweifelt die Augen, und schließlich begann es zu helfen. Meine Gedanken wurden klar, ich verstand, daß ich im Begriff war, mich aufzulösen. Ich hielt die Hände vor und stieß mich von der Mauer ab; die Straße tanzte immer noch um mich. Vor Wut begann ich zu schluchzen, und ich stritt aus innerster Seele mit meiner Schwäche, hielt tapfer stand, um nicht umzufallen; ich wollte nicht zusammensinken, ich wollte stehend sterben. Ein Lastkarren rollte langsam vorbei, und ich sehe, daß Kartoffeln auf dem Karren liegen, aber aus Wut, aus Halsstarrigkeit, behaupte ich, daß es durchaus nicht Kartoffeln seien, sondern Kohlköpfe, und ich schwor grausam darauf, daß es Kohlköpfe wären. Ich hörte gut, was ich sagte, und bewußt beschwor ich immer wieder diese Lüge, nur um die angenehme Befriedigung zu haben, daß ich einen groben Meineid begehe. Ich berauschte mich an dieser beispiellosen Sünde, ich streckte meine drei Finger in die Luft und schwor mit zitternden Lippen im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, daß es Kohlköpfe seien.

Die Zeit verging. Ich ließ mich auf eine Stufe niederfallen und trocknete mir den Schweiß von Hals und Stirn, sog die Luft ein und zwang mich, ruhig zu sein. Die Sonne glitt nieder, es ging auf den Abend zu. Wieder begann ich über meine Lage nachzugrübeln; der Hunger wurde schamlos, und in einigen Stunden würde es wiederum Nacht sein. Es galt Rat zu schaffen, solange noch Zeit war. Meine Gedanken fingen wieder an, um das Logishaus zu kreisen, aus dem ich vertrieben worden war; ich wollte durchaus nicht dahin zurückkehren, konnte aber trotzdem nicht unterlassen, immer wieder daran zu denken. Eigentlich war die Frau in ihrem guten Recht gewesen, als sie mich hinauswarf. Wie konnte ich erwarten, bei jemand wohnen zu dürfen, wenn ich nicht dafür bezahlte? Sie hatte mir obendrein hie und da Essen gegeben; sogar gestern, als ich sie gereizt hatte, hatte sie mir zwei Butterbrote angeboten, sie mir aus Gutmütigkeit angeboten, denn sie wußte, daß ich sie brauchte. Ich hatte mich also über nichts zu beklagen, und während ich auf der Treppe saß, begann ich sie im stillen wegen meines Betragens um Vergebung zu bitten und zu betteln. Bitterlich bereute ich besonders, daß ich mich ihr zuletzt undankbar gezeigt und ihr den Geldschein ins Gesicht geworfen hatte....

Zehn Kronen! Ich stieß einen Pfiff aus. Woher kam der Brief, den der Bote gebracht hatte? Erst in diesem Augenblick dachte ich klar darüber nach und ahnte sofort, wie das Ganze zusammenhing. Krank vor Schmerz und Scham, flüsterte ich mehrere Male Ylajali mit heiserer Stimme und schüttelte den Kopf. Hatte ich mich nicht erst noch gestern entschlossen, stolz an ihr vorbeizugehen, wenn ich sie träfe, und ihr die größte Gleichgültigkeit zu zeigen? Und statt dessen hatte ich nur ihr Mitleid erregt und ihr einen Barmherzigkeitsschilling entlockt. Nein, nein, nein, meine Erniedrigung nahm kein Ende! Nicht einmal ihr gegenüber hatte ich eine anständige Stellung behaupten können; ich sank, sank nach allen Seiten, wohin ich mich wandte, sank in die Knie, sank unter, tauchte unter in Unehre und kam niemals wieder empor, niemals! Tiefer ging es nicht mehr! Zehn Kronen als Almosen anzunehmen ohne sie dem heimlichen Geber zurückschleudern zu können, mit beiden Händen die Schillinge, wo sie sich mir boten, aufzuraffen und sie zu behalten, sie als Bezahlung für die Unterkunft zu verwenden, trotz eigenen innersten Widerwillens ....

Konnte ich diese zehn Kronen nicht auf irgendeine Weise wieder herbeischaffen? Zur Wirtin zurückzugehen, um den Schein von ihr wieder ausgehändigt zu bekommen, nützte wohl kaum. Wenn ich nachdachte, mußte es wohl auch noch eine andere Lösung geben, wenn ich mich nur richtig anstrengte und nachdachte. Hier war, bei Gott, nicht genug damit getan, auf gewöhnliche Art zu denken, ich mußte denken, daß es mir durch den ganzen Körper ging, und einen Ausweg wegen dieser zehn Kronen finden. Und ich begann aus Leibeskräften nachzudenken.

Es war wohl ungefähr vier Uhr, in ein paar Stunden hätte ich vielleicht den Theaterchef aufsuchen können, wenn ich nur mein Drama fertiggehabt hätte. Ich hole mein Manuskript hervor und will mit aller Gewalt die letzten drei, vier Szenen beenden; ich denke und schwitze und lese alles vom Anfang an durch, komme aber nicht vorwärts. Keinen Blödsinn, sage ich, keine Halsstarrigkeit! Und ich schreibe darauf los, schreibe alles nieder, was mir einfällt, nur um schnell fertig zu werden und vorwärtszukommen. Ich wollte mir einbilden, daß ich einen neuen großen Augenblick hatte, ich log mich an, betrog mich offensichtlich und schrieb in einem Zug, als wenn ich nicht nach den Worten zu suchen brauchte. Das ist gut! das ist wirklich ein Fund! flüsterte ich dazwischen; schreib es nur nieder!

Schließlich aber erschienen mir meine letzten Repliken bedenklich; sie stachen so stark gegen die Repliken in den ersten Szenen ab. Außerdem war durchaus kein Mittelalter in den Worten des Mönches. Ich zerbeiße den Bleistift zwischen meinen Zähnen, springe auf, zerreiße das Manuskript, reiße jedes Blatt entzwei, werfe meinen Hut auf die Straße und trample darauf. Ich bin verloren! flüstere ich vor mich hin; meine Damen und Herren, ich bin verloren! Und ich sage nichts als diese Worte, während ich auf meinem Hut herumtrample.