Ganz unwillkürlich hatte ich wieder Bleistift und Papier in die Hände genommen und saß und schrieb mechanisch die Jahreszahl 1848 in alle Ecken. Wenn jetzt nur ein einziger brausender Gedanke mich gewaltig erfassen und mir die Worte in den Mund legen wollte! Es war dies doch früher geschehen; es war wirklich geschehen, daß solche Stunden über mich gekommen waren, in denen ich ohne Anstrengung ein langes Stück schreiben und es glänzend durchführen konnte.
Ich sitze hier auf der Bank und schreibe dutzende Male 1848, schreibe diese Zahl kreuz und quer in allen möglichen Formen und warte darauf, daß mir eine brauchbare Idee einfalle. Ein Schwarm loser Gedanken schwirrt in meinem Kopf umher, und die Stimmung des sinkenden Tages macht mich mißmutig und sentimental. Der Herbst ist gekommen und hat schon angefangen, alles in Erstarrung zu legen, Fliegen und kleine Insekten haben den ersten Stoß bekommen, und in den Bäumen und unten auf der Erde hört man den Laut des kämpfenden Lebens, raschelnd, sausend, unruhig arbeitend, um nicht zu vergehen. Alles Gewürm rührt sich noch einmal, streckt seine gelben Köpfe aus dem Moos, hebt seine Beine, tastet sich mit langen Fäden vor und sinkt dann plötzlich zusammen, fällt um und wendet den Bauch in die Luft. Jedes Gewächs hat sein eigenes Gepräge bekommen, einen feinen, hinatmenden Hauch der ersten Kälte; die Halme starren bleich zur Sonne auf, und das abfallende Laub zischelt über die Erde mit einem Laut wie von wandernden Seidenraupen. Es ist die Zeit des Herbstes, es ist mitten im Karneval der Vergänglichkeit; das Rot der Rosen ist krank, ein hektischer wunderbarer Schein liegt über der blutroten Farbe.
Ich fühlte mich selbst wie ein kriechendes Tier im Untergang, von der Zerstörung ergriffen, mitten in dieser schlafbereiten Allwelt. Ich erhob mich von Schrecken besessen und tat ein paar gewaltsame Schritte über den Weg. Nein! rief ich und ballte meine beiden Hände, dies muß ein Ende haben! Und ich setzte mich wieder, nahm wieder den Bleistift in die Hand und wollte Ernst mit einem Artikel machen. Es konnte gar nichts nützen, sich nachzugeben, wenn man mit einer unbezahlten Miete vor Augen dastand.
Langsam begannen meine Gedanken sich zu sammeln. Ich paßte auf und schrieb sacht und wohlüberlegt ein paar Seiten als eine Einleitung zu irgend etwas; das konnte ein Anfang zu allem möglichen sein, zu einer Reiseschilderung, einem politischen Artikel, je nachdem ich es selbst für gut hielt. Es war ein ganz vortrefflicher Anfang zu allem möglichen.
Dann fing ich an, nach einer bestimmten Frage zu suchen, die ich behandeln könnte, einen Mann, ein Ding, irgend etwas, worüber ich mich werfen konnte, aber ich vermochte nichts zu entdecken. Während dieser fruchtlosen Anstrengungen kam von neuem Unordnung in meine Gedanken, ich fühlte, wie mein Gehirn förmlich versagte, mein Kopf leer und leerer wurde, — er saß leicht und ohne Inhalt auf meinen Schultern. Ich empfand diese klaffende Leere in meinem Kopf mit dem ganzen Körper, erschien mir selbst von oben bis unten ausgehöhlt.
Herr, mein Gott und Vater! rief ich vor Schmerz, und ich wiederholte diesen Ruf in einem Zug mehrere Male, ohne etwas hinzuzufügen.
Der Wind raschelte im Laub, es zogen sich Wolken zusammen. Ich saß noch eine Weile und starrte verloren auf meine Papiere, legte sie dann zusammen und steckte sie langsam in die Tasche. Es wurde kühl, und ich hatte keine Weste mehr; ich knöpfte den Rock bis zum Hals hinauf zu und steckte die Hände in die Tasche. Dann stand ich auf und ging.
Wenn es mir nur dieses eine Mal geglückt wäre, dieses eine Mal! Wiederholt hatte mich bereits meine Hauswirtin mit den Augen nach der Bezahlung gefragt, und ich hatte mich niederducken und mich mit einem verlegenen Gruß an ihr vorbeischleichen müssen. Ich konnte das nicht wieder tun; wenn ich das nächste Mal diesen Augen begegnete, würde ich mein Zimmer aufsagen und ehrlich Rechenschaft ablegen; es konnte auf die Dauer doch nicht in dieser Weise weitergehen.
Als ich zum Ausgang des Parkes kam, sah ich den alten Zwerg wieder, den ich mit meiner Raserei in die Flucht gejagt hatte. Das mystische Zeitungspaket lag weit aufgeschlagen neben ihm, voll von Eßwaren verschiedener Art, von denen er abbiß. Plötzlich wollte ich gerade auf ihn zugehen und ihn für mein Betragen um Vergebung bitten, aber seine Art zu essen stieß mich zurück; die alten Finger, die wie zehn runzlige Krallen aussahen, umfaßten ekelhaft die fetten Butterbrote, ich fühlte Würgen und ging an ihm vorbei, ohne ihn anzureden. Er erkannte mich nicht, seine Augen starrten mich an, trocken wie Horn, und sein Gesicht verzog keine Miene.
Und ich setzte meinen Weg fort.