Nach Gewohnheit blieb ich vor jeder ausgehängten Zeitung, an der ich vorbeikam, stehen, um die Bekanntmachungen von ledigen Stellen zu studieren, und ich war so glücklich, eine zu finden, die ich übernehmen konnte: Ein Kaufmann im Grönlandsler suchte einen Mann, der ihm jeden Abend für ein paar Stunden die Bücher führen könnte; Lohn nach Übereinkunft. Ich notierte mir die Adresse des Mannes und betete im stillen zu Gott um diesen Platz; ich wollte für die Arbeit weniger verlangen als irgendein anderer, fünfzig Öre waren reichlich, oder vielleicht vierzig Öre; ganz gleich, wie es sich eben gab.
Als ich heimkam, lag auf meinem Tisch ein Zettel von meiner Hauswirtin, worauf sie mich bat, meine Miete im voraus zu bezahlen oder auszuziehen, sobald ich könnte. Ich möge das nicht ärgerlich aufnehmen, es sei einzig und allein ein notwendiges Verlangen. Freundschaftlichst Madam Gundersen.
Ich schrieb ein Gesuch an den Kaufmann Christie im Grönlandsler Nummer 31, legte es in einen Umschlag und brachte es hinunter zum Briefkasten an der Ecke. Dann ging ich wieder in mein Zimmer hinauf, setzte mich in den Schaukelstuhl und begann nachzudenken, während das Dunkel dichter und dichter wurde. Nun fing es an schwierig zu werden, sich über Wasser zu halten.
Gegen Morgen erwachte ich sehr früh. Es war noch ziemlich dunkel, als ich die Augen aufschlug, und erst lange danach hörte ich die Uhr in der Wohnung unter mir fünfmal anschlagen. Ich wollte wieder einschlafen, aber es gelang mir nicht mehr, ich wurde immer munterer und lag wach und dachte an tausend Dinge.
Plötzlich fallen mir ein oder zwei gute Sätze ein, zu einer Skizze, einem Feuilleton, feine sprachliche Glückstreffer, wie ich noch nie ihresgleichen gefunden hatte. Ich liege da und wiederhole diese Worte vor mich hin und finde, daß sie ausgezeichnet sind. Bald fügen sich mehr hinzu, ich werde mit einem Mal vollkommen wach und stehe auf und greife nach Papier und Bleistift, die auf dem Tisch hinter meinem Bett liegen. Es war, als sei eine Ader in mir aufgesprungen, ein Wort folgt dem anderen, die Worte ordnen sich im Zusammenhang, bilden sich zu Situationen; Szene häuft sich auf Szene, Handlungen und Repliken quellen in meinem Gehirn auf, und ein wundervolles Behagen erfaßt mich. Ich schreibe wie ein Besessener und fülle eine Seite nach der anderen, ohne einen Augenblick Pause. Gedanken kommen so plötzlich über mich und strömen weiterhin so reichlich, daß ich eine Menge Nebensächlichkeiten verliere, weil ich sie nicht schnell genug niederschreiben kann, obwohl ich aus allen Kräften arbeite. Immer noch dringt es auf mich ein, ich bin von meinem Stoff erfüllt, und jedes Wort, das ich schreibe, wird mir in den Mund gelegt.
Es dauert, dauert so gesegnet lange, ehe dieser seltsame Augenblick aufhört; ich habe fünfzehn, zwanzig beschriebene Seiten vor mir auf den Knieen liegen, als ich endlich anhalte und den Bleistift weglege. War da nun wirklich irgendein Wert in diesen Papieren, so war ich gerettet! Ich springe aus dem Bett und kleide mich an. Es wird immer heller, ich kann die Bekanntmachung des Leuchtfeuerdirektors unten an der Türe halbwegs unterscheiden, und beim Fenster ist es bereits so hell, daß ich zur Not zum Schreiben sehen könnte. Und ich mache mich sogleich daran, meine Papiere reinzuschreiben.
Ein seltsam dichter Dampf von Licht und Farben schlägt aus diesen Phantasien empor. Überrascht bäume ich vor einem guten Einfall nach dem anderen zurück und sage zu mir selbst, daß dies das beste sei, was ich jemals gelesen hätte. Ich werde trunken vor Zufriedenheit, die Freude bläht mich auf, und ich fühle mich großartig gehoben; ich wäge meine Schrift in der Hand und taxiere sie auf der Stelle auf fünf Kronen, nach losem Schätzen. Es würde keinem Menschen einfallen, bei fünf Kronen zu feilschen, im Gegenteil müßte zugestanden werden, es wäre ein Raubkauf, dies für fünf Kronen zu erwerben, sofern es auf die Beschaffenheit des Inhaltes ankam. Ich hatte nicht im Sinn, eine so eigentümliche Arbeit umsonst herzugeben; soviel ich wußte, fand man Romane dieser Art nicht auf der Straße. Und ich entschloß mich zu zehn Kronen.
Es wurde heller und heller im Zimmer, ich warf einen Blick an der Türe hinunter, und konnte ohne besondere Mühe die feinen, skelettartigen Buchstaben von Jungfer Andersens Leichenwäsche, rechts im Torweg, lesen; es war nun auch eine gute Weile vergangen, seit es sieben Uhr geschlagen hatte.
Ich erhob mich und stellte mich mitten ins Zimmer. Wenn ich alles wohl überlegte, kam Madam Gundersens Kündigung ziemlich gelegen. Dies war eigentlich kein Zimmer für mich; hier waren recht simple grüne Vorhänge an den Fenstern, — und sonderlich viele Nägel für die Garderobe waren auch nicht an den Wänden. Der arme Schaukelstuhl dort in der Ecke war im Grund nur ein Witz von einem Schaukelstuhl, über den man sich leicht zu Tode lachen konnte. Er war viel zu niedrig für einen erwachsenen Mann, außerdem war er so eng, daß man sozusagen den Stiefelknecht brauchte, um wieder herauszukommen. Kurz gesagt, das Zimmer war nicht dazu eingerichtet, sich darin mit geistigen Dingen zu beschäftigen, und ich hatte nicht vor, es länger zu behalten. Auf gar keinen Fall wollte ich es behalten! Ich hatte allzulange geschwiegen und geduldet und es in diesem Schuppen ausgehalten.