Ich hatte ihn damit geschlagen, er glaubte mir unbedingt. Ich log ihn voll, um ihn wieder los zu werden; wir bekamen das Bier, tranken und gingen.

Guten Morgen!.... Hören Sie, sagte er plötzlich. Ich bin Ihnen noch einige Kronen schuldig und es ist eine Schande, daß ich sie nicht längst zurückbezahlt habe, aber nächstens sollen Sie sie bekommen.

Ja, danke, antwortete ich. Doch ich wußte, daß er mir diese Kronen niemals zurückgeben werde.

Das Bier stieg mir leider gleich zu Kopf, mir wurde sehr heiß. Der Gedanke an das Abenteuer des Abends überwältigte mich, machte mich beinahe verstört. Wie, wenn sie sich nun am Dienstag nicht einfände! Wie, wenn sie nachzudenken begänne und Mißtrauen faßte! .... Mißtrauen gegen was?.... Meine Gedanken wurden mit einem Schlag lebendig und begannen mit dem Geld zu spielen. Ich wurde ängstlich, tödlich erschrocken über mich selbst. Der Diebstahl stürmte mit allen seinen Kleinigkeiten auf mich ein; ich sah den kleinen Laden, den Tisch, meine magere Hand, als ich nach dem Geld griff, und ich malte mir das Verfahren der Polizei aus, wenn sie käme, mich festzunehmen. Eisen um Hände und Füße, nein, nur um die Hände, vielleicht nur an die eine Hand; die Schranke, das Protokoll des Wachthabenden, der Laut seiner kratzenden Feder, sein Blick, sein gefährlicher Blick: Na, Herr Tangen? Die Zelle, die ewige Finsternis....

Hm. Ich ballte heftig die Hände zusammen, um mir Mut zu machen, ging schneller und kam zum Stortorv. Hier setzte ich mich.

Keine Kinderstreiche! Wie in aller Welt konnte man beweisen, daß ich gestohlen hatte? Außerdem wagte der Ladenbursche gar nicht Alarm zu schlagen, selbst wenn er eines Tages sich erinnern würde, wie das Ganze zugegangen war; er hatte wohl seinen Platz zu lieb. Keinen Lärm! keine Szenen, wenn ich bitten darf! Aber dieses Geld in meiner Tasche beschwerte mich nun trotzdem ein wenig und ließ mich nicht in Frieden. Ich fing an, mich selbst zu prüfen und fand auf das klarste heraus, daß ich früher glücklicher gewesen war, damals, als ich in aller Ehrlichkeit litt. Und Ylajali! Hatte ich nicht auch sie mit meinen sündigen Händen herabgezogen! Herrgott, Herr mein Gott! Ylajali!

Ich fühlte mich betrunken wie ein Alk, stand plötzlich auf und ging zu der Kuchenfrau bei der Elefantenapotheke. Noch konnte ich mich von der Schande befreien, es war noch lange nicht zu spät, ich wollte der ganzen Welt zeigen, daß ich dazu imstande war! Unterwegs hielt ich das Geld in Bereitschaft, hielt jeden Ör in der Hand; ich beugte mich zu dem Tisch der Frau hinunter, als ob ich etwas kaufen wollte und drückte ihr ohne weiteres die Münzen hastig in die Hand. Ich sagte kein Wort und ging gleich weg.

Wie wunderbar schmeckte es, wieder ein ehrlicher Mensch zu sein! Meine leere Tasche beschwerte mich nicht mehr, es war ein Genuß, von neuem blank und bar zu sein. Wenn ich richtig nachdachte, hatte mir dieses Geld im Grund viel heimlichen Kummer bereitet, ich hatte wirklich ein über das andere Mal mit Schaudern daran gedacht; ich war keine verstockte Seele, meine ehrliche Natur hatte sich gegen diese niedrige Handlung aufgebäumt, ja. Gott sei Dank, ich hatte mich vor meinem eigenen Bewußtsein wieder erhoben. Macht mir das nach! sagte ich und sah über den wimmelnden Markt hin. Macht mir das nur nach! Ich hatte eine alte, arme Kuchenfrau erfreut, daß es eine Art hatte; sie wußte weder aus noch ein. Heute abend sollten ihre Kinder nicht hungrig zu Bett gehen.... Ich geilte mich mit diesen Gedanken auf und fand, daß ich mich ausgezeichnet betragen hatte. Gott sei Dank, das Geld war ich nun los.

Betrunken und nervös brach ich auf und ging die Straße entlang. Die Freude, Ylajali rein und ehrlich entgegengehen und ihr ins Antlitz sehen zu können, ging in meiner Trunkenheit mit mir durch; ich hatte keine Schmerzen mehr. Mein Kopf war klar und leer, es war, als sei es ein Kopf aus eitel Licht, der auf meinen Schultern stand und leuchtete. Ich bekam Lust, Narrenstreiche zu machen, erstaunliche Dinge zu begehen, die Stadt auf den Kopf zu stellen und zu lärmen. Durch die ganze Graensenstraße hinauf führte ich mich wie ein Wahnsinniger auf. Es sauste leicht in meinen Ohren, und in meinem Gehirn war der Rausch in vollem Gang. Begeistert vor Dummdreistigkeit, kam es mir in den Sinn, einem Dienstmann, der übrigens kein Wort gesprochen hatte, mein Alter anzugeben, ihm die Hand zu drücken, ihm eindringlich ins Gesicht zu sehen und ihn dann wieder ohne eine Erklärung zu verlassen. Ich unterschied die Abschattungen in den Stimmen und dem Lachen der Vorübergehenden, beobachtete einige kleine Vögel, die vor mir auf der Straße umherhüpften, studierte den Ausdruck der Pflastersteine und fand allerhand Zeichen und wunderliche Figuren darin. Mittlerweile war ich bis zum Stortingsplatz hinuntergekommen.

Ich stehe plötzlich still und starre zu den Droschken hin. Die Kutscher wandern schwätzend umher, die Pferde stehen da und beugen sich vornüber gegen das häßliche Wetter. Komm! sagte ich und puffte mich selbst mit dem Ellbogen. Ich ging schnell zum ersten Wagen vor und stieg ein. Ullevaalsweg Nummer 37! rief ich. Und wir rollten davon.