Na, aber weshalb war ich nicht verhaftet worden? So wäre es zu einem Abschluß gekommen. Ich hatte doch die Hände schon förmlich nach den Fesseln ausgestreckt. Ich hätte gar keinen Widerstand geleistet, hätte im Gegenteil dazugeholfen. Herr des Himmels und der Erden, einen Tag meines Lebens für eine glückliche Sekunde! Mein ganzes Leben für ein Linsengericht! Erhöre mich nur dieses eine Mal!....
Ich legte mich in den nassen Kleidern nieder; ich hatte den unklaren Gedanken, daß ich vielleicht in der Nacht sterben würde, und verwandte meine letzte Kraft darauf, mein Bett ein wenig zu ordnen, damit es am Morgen einigermaßen ordentlich um mich herum aussehe. Ich faltete die Hände und wählte meine Lage.
Dann erinnerte ich mich mit einem Mal Ylajalis. Daß ich sie den ganzen Abend über so vollständig vergessen hatte! Und das Licht dringt wieder ganz schwach in mein Gemüt, — ein kleiner Sonnenstrahl, der mich so wohltuend wärmt. Und es kommt noch mehr Sonne, ein mildes, feines Seidenlicht, das mich betäubend herrlich streift. Und die Sonne wird stärker und stärker, brennt scharf auf meinen Schläfen, kocht schwer und glühend in meinem ausgezehrten Gehirn. Und zuletzt flammt ein wahnwitziger Strahlenhaufen vor meinen Augen. Himmel und Erde entzündet, Menschen und Tiere aus Feuer, Berge aus Feuer, Teufel aus Feuer, ein Abgrund, eine Wüste, eine Welt in Brand, ein rauchender jüngster Tag.
Und ich sah und hörte nichts mehr....
Ich erwachte am nächsten Tag in Schweiß gebadet, feucht am ganzen Körper; das Fieber hatte mich gewaltig erfaßt. Im ersten Augenblick war ich mir nicht klar darüber, was gestern mit mir vorgegangen war, ich sah mich mit Erstaunen um, fühlte mein Wesen vollständig vertauscht, kannte mich gar nicht wieder. Ich tastete Arme und Beine ab, fiel in Erstaunen darüber, daß das Fenster in dieser und nicht in der gerade entgegengesetzten Wand war und hörte das Stampfen der Pferde unten im Hof, als käme es von oben. Mir war ziemlich übel.
Das Haar lag mir naß und kalt um die Stirne; ich stützte mich auf den Ellbogen und sah aufs Kopfkissen nieder: auch hier lag nasses Haar in kleinen Büscheln. Meine Füße waren im Lauf der Nacht in den Schuhen angeschwollen; aber sie schmerzten nicht, ich konnte nur die Zehen nicht gut bewegen.
Als es gegen das Ende des Nachmittages ging und bereits ein wenig zu dämmern begonnen hatte, stand ich vom Bett auf und machte mir im Zimmer zu schaffen. Ich tat kleine vorsichtige Schritte, versuchte mich im Gleichgewicht zu halten und schonte meine Füße soviel als möglich. Ich litt nicht sehr und weinte nicht; ich war eigentlich nicht traurig, war im Gegenteil unendlich zufrieden; es kam mir nicht in den Sinn, daß irgend etwas anders sein könnte, als es war.
Dann ging ich aus.
Das einzige, was mich ein wenig störte, war trotz meines Ekels vor Essen der Hunger. Ich begann wieder einen schandbaren Appetit zu fühlen, eine innere gefräßige Eßlust, die ständig schlimmer wurde. Unbarmherzig nagte es in meiner Brust, vollführte eine schweigende, seltsame Arbeit da drinnen. Es war wie ein Dutzend winzig kleiner, feiner Tiere, die den Kopf auf die eine Seite legten und ein bißchen nagten, darauf den Kopf auf die andere Seite legten und ein bißchen nagten, einen Augenblick vollkommen still lagen, wieder anfingen, sich ohne Lärm und ohne Hast einbohrten und überall leere Strecken hinterließen....