Am nächsten Morgen war Barbro beinahe wie sonst, nur gänzlich stimmlos vor Heiserkeit, und sie hatte sich einen langen Strumpf um den Hals gewickelt. Sie konnten nichts miteinander reden. Die Tage vergingen, und das Ereignis wurde alt, andere Dinge traten in den Vordergrund. Der Neubau sollte eigentlich leer stehen, daß die Balken sich setzen konnten, damit das Haus dicht und zugfrei werde, aber es blieb keine Zeit, das abzuwarten, es mußte sofort beziehbar gemacht und der Stall eingerichtet werden. Nachdem dies geschehen und der Umzug vollendet war, wurden die Kartoffeln herausgenommen und nachher das Korn geschnitten. Das Leben lief im gewohnten Geleise.
Aber an vielen kleinen und großen Dingen merkte Axel, daß ihre Beziehungen lockerer geworden waren, Barbro fühlte sich in Maaneland jetzt nicht mehr zu Hause und auch nicht mehr gebunden als jedes andere Dienstmädchen. Das Band zwischen ihnen hatte sich gelockert, als das Kind starb. Axel hatte immer so großartig gedacht: Warte nur, bis das Kind da ist! Aber das Kind kam und ging wieder. Zuletzt legte Barbro auch noch die Fingerringe ab und trug keinen mehr davon. — Was soll das bedeuten? fragte er. — Was das bedeuten soll? sagte sie und warf den Kopf zurück.
Aber das konnte doch nichts anderes als Arglist und Verrat von ihrer Seite sein.
Jetzt hatte er die kleine Leiche am Ufer des Baches gefunden. Nicht als ob er weiter danach gesucht hätte, er wußte ja beinahe genau das Plätzchen, wo sie liegen mußte, aber er ließ es träge auf sich beruhen. Der Zufall wollte, daß er es nicht ganz vergaß: Vögel fingen an, über dieser Stätte zu kreisen, schreiende Elstern und Raben und eine Weile später auch ein Adlerpaar in schwindelnder Höhe. Es war gerade, als ob zuerst eine einzelne Elster gesehen hätte, daß hier etwas niedergelegt worden war, und als ob sie dann auch gerade wie ein Mensch nicht darüber hätte schweigen können, sondern hätte darüber schwatzen müssen. Dadurch wurde auch Axel aus seiner Gleichgültigkeit geweckt, und er wartete einen passenden Augenblick ab, sich hinzuschleichen. Er fand die Leiche unter Moos und Zweigen und ein paar Steinplatten in ein Tuch, einen großen Lappen, gewickelt. Mit einer Mischung von Neugier und Grausen öffnete er das Bündel ein wenig — geschlossene Augen, dunkle Haare, ein Junge, gekreuzte Beine, mehr sah er nicht. Der Lappen war naß gewesen und war halb getrocknet, das Ganze sah aus wie ein halb ausgewundenes Bündel von Wäsche.
Axel konnte die Leiche nicht so offen liegenlassen, im Innersten hatte er wohl auch Angst für sich selbst und für sein Haus; er lief heim, holte einen Spaten und machte das Grab tiefer; aber da es so nah am Bach war, sickerte das Wasser herein, und er mußte weiter oben am Hügel ein neues Grab schaufeln. Währenddem schwand seine Furcht, Barbro könnte kommen und ihn hier finden, er wurde trotzig und dachte, seinetwegen könne sie wohl kommen, ja, dann könnte sie, bitte, die kleine Leiche nett und ordentlich einhüllen, ob das Kind nun totgeboren war oder nicht. Er sah sehr wohl ein, was er mit dem Tode dieses Kindes verloren, daß er nun alle Aussicht hatte, in seinem Neubau ohne Hilfe zu sitzen, und zwar gerade jetzt, wo sein Viehstand mehr als dreimal so groß war wie vorher. Bitte schön, es wäre gar nicht zu viel, wenn sie käme! Aber Barbro — es kann gut sein, daß sie entdeckt hatte, womit er beschäftigt war, jedenfalls kam sie nicht, er mußte selbst die kleine Leiche einhüllen, so gut er konnte, und sie in das neue Grab legen. Dann breitete er schließlich die Rasenstücke wieder darüber und verwischte jede Spur; nun war nichts weiter zu sehen als ein kleiner grüner Hügel im Gebüsch.
Als er heimkehrte, traf er Barbro im Hofe. Wo bist du gewesen? fragte sie. — Die Bitterkeit in seinem Herzen hatte sich wohl verloren, denn er antwortete: Nirgends. Wo bist denn du gewesen? Aber Barbro las wohl eine Warnung aus seinem Gesichtsausdruck, sie ging ins Haus, ohne noch ein Wort zu sagen.
Axel ging ihr nach.
Was soll denn das bedeuten, daß du deine Fingerringe nicht mehr trägst? fragte er geradezu. — Vielleicht fand sie es am ratsamsten, ein klein wenig nachzugeben, sie lachte und sagte: Du bist so grimmig, daß ich lachen muß. Wenn du aber willst, daß ich die Ringe zuschanden arbeite, wenn ich sie werktags trage, so kann ich es ja tun! Damit suchte sie sie hervor und steckte sie an.
Aber nun sah sie wohl, daß sein Gesicht einen dumm-zufriedenen Ausdruck annahm, und sie fragte dreist: Hast du noch mehr an mir auszusetzen? — Ich habe nichts an dir auszusetzen, erwiderte er. Du sollst nur wieder sein, wie du früher gewesen bist, ganz zu Anfang, als du herkamst. Das meine ich. — Es ist nicht so leicht, immer gleich zu sein, sagte sie. — Er fuhr fort: Daß ich deines Vaters Gut kaufte, geschah nur deshalb, daß wir dorthin ziehen könnten, wenn du lieber dort wohnen möchtest. Was meinst du dazu? — Ho, nun hatte er verspielt, oh, er hatte nur Angst, er könnte seine weibliche Hilfe verlieren und mit seinem Viehstand und seinem Haushalt allein bleiben, das merkte sie gut. — Das hast du schon einmal gesagt, erwiderte sie abweisend. — Jawohl, aber ich habe keine Antwort erhalten. — Antwort? sagte sie. Ich ertrage es nicht, das noch einmal zu hören.
Axel meinte, er sei ihr weit entgegengekommen. Er hatte die Familie Brede weiter auf Breidablick wohnen lassen, und obgleich er den kleinen Ertrag mit dem Gut gekauft hatte, so hatte er doch nur einige Fuhren Heu eingeführt und die Kartoffeln der Familie überlassen. Es war eine große Ungereimtheit von Barbro, jetzt böse zu werden, aber ihr war das ganz einerlei; sie fragte, als ob sie tief gekränkt wäre: Sollten wir nach Breidablick ziehen und meine ganze Familie obdachlos machen?