Die Grubenarbeit geht ihren Gang, und das Erz wird mit Pferden an die See hinuntergefahren; ein Dampfschiff ist schon damit beladen worden und nach Südamerika abgedampft, und dafür ist ein neues angekommen. Großer Betrieb. Jedermann, der überhaupt gehen kann, ist im Gebirge gewesen und hat sich die Wunder angeschaut, auch Brede Olsen ist mit seinen Gesteinsproben dort gewesen, ist jedoch abgewiesen worden, weil der Sachverständige wieder nach Schweden abgereist war. An den Sonntagen war große Völkerwanderung aus dem Dorfe, ja sogar Axel Ström, der keine Zeit zu verlieren hat, ist ein paarmal, als er die Linie nachsah, dagewesen. Jetzt gibt es bald niemand mehr, der die Wunder noch nicht gesehen hat. Da zieht wahrhaftig sogar Inger Sellanraa ihre schönen Kleider an, steckt den goldenen Ring an den Finger und geht in die Berge.
Was will sie dort?
Sie will eigentlich gar nichts, sie ist nicht einmal neugierig, zu sehen, wie der Berg geöffnet wird, sie will nur sich sehen lassen. Als Inger sah, daß andere Frauen in die Berge gingen, spürte sie, daß auch sie ihnen nach mußte. Sie hat eine entstellende Narbe an der Oberlippe und hat erwachsene Kinder, aber sie will den andern nach. Es ärgert sie, daß diese jung sind, aber sie will versuchen, es mit ihnen aufzunehmen; sie hat noch nicht angefangen, dick zu werden, sie ist groß und hübsch und sieht gut aus. Natürlich ist sie nicht mehr rot und weiß, und ihre zarte Pfirsichhaut ist schon längst vergangen, aber man würde schon sehen, sie kamen sicher, nickten und sagten: Die ist recht!
Die Arbeiter kommen ihr mit großer Freundlichkeit entgegen, sie haben von Inger manchen Topf Milch erhalten und kennen sie; sie führen sie in den Gruben, in den Baracken, in den Ställen, in der Küche, im Keller, im Vorratshaus umher, die dreistesten unter ihnen rücken ihr auf den Leib und nehmen sie ein wenig in den Arm; aber das macht Inger nichts, das tut ihr wohl. Wenn sie Stufen hinauf- oder hinuntergeht, hebt sie den Rock hoch auf und läßt ihre Waden sehen, aber sie ist ganz gelassen dabei und tut, als ob nichts geschehen wäre. Die ist recht! denken die Arbeiter.
Das alte Ding, sie ist trotz allem rührend: es war leicht zu merken, ein ihr zugeworfener Blick von diesen warmblütigen Mannsleuten kam ihr unerwartet, sie war dankbar dafür und vergalt ihn, es tat ihr ordentlich wohl, in Gefahr zu sein, sie war ein Frauenzimmer wie andere. Sie war wohl aus Mangel an Versuchung bisher ehrbar gewesen.
Das alte Ding!
Gustaf kam auch dazu. Er überließ zwei Mädchen aus dem Dorf einem Kameraden, nur um herbeikommen zu können. Gustaf wußte, was er tat; er schüttelte Inger mit überflüssiger Wärme die Hand zum Gruße, aber er drängte sich nicht auf. — Na, Gustaf, kommst du nicht bald und hilfst uns beim Stallbau? fragte Inger und wird dabei dunkelrot. — Gustaf antwortet, ja, nun komme er bald. Seine Kameraden hören das und sagen, sie kämen nun bald alle miteinander. — Ja, werdet ihr denn nicht den ganzen Winter hier in den Bergen bleiben? fragt Inger. Die Arbeiter antworten zurückhaltend, nein, es sehe nicht danach aus. Gustaf ist kecker, er sagt lachend, sie hätten nun bald alles vorhandene Kupfer herausgekratzt. — Das ist nicht dein Ernst! ruft Inger. — Nein, erwiderten die andern Arbeiter, Gustaf solle sich in acht nehmen, so etwas zu sagen.
Aber Gustaf nahm sich nicht in acht, er sagte lachend noch viel mehr, und was Inger betrifft, so gewann er sie für sich allein, obgleich er nicht zudringlich war. Ein anderer junger Mann spielte die Ziehharmonika, aber das war lange nicht dasselbe, wie wenn Gustaf die Mundharmonika blies. Ein dritter junger Mann, auch ein Tausendsassa, suchte dadurch die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, daß er auswendig ein Lied zur Ziehharmonika sang; aber es war auch das nichts Besonderes, obgleich er eine rollende Stimme hatte. Nach kurzer Zeit hatte Gustaf wahrhaftig Ingers goldenen Ring an seinem kleinen Finger stecken. Und wie war das zugegangen, da er sich doch nicht aufgedrängt hatte? Ei, er drängte sich genügend herzu, aber er machte es in aller Stille, gerade wie sie auch, es ging ohne Worte, sie tat, wie wenn sie es gar nicht merkte, als er sich mit ihrer Hand zu schaffen machte. Als sie dann später in der Barackenküche saß und Kaffee trank, hörte sie draußen etwas Lärm und Streit, und sie begriff, daß dies sozusagen ihr zu Ehren war. Das reizte sie auf, das alte Birkhuhn saß da und lauschte auf ein angenehmes Geräusch.