Die Tage vergehen. Regen fällt, und Acker und Wiese stehen schön, in diesem Jahr darf man auf Gutes hoffen! Große und kleine Erlebnisse folgen einander, es gibt Mahlzeiten, Schlaf und Arbeit, Sonntage mit rein gewaschenen Gesichtern und gekämmten Haaren, Isak trägt sein neues rotes Hemd, das Inger gewebt und genäht hat. Da geschieht es, daß das gleichmäßige Leben durch ein großes Ereignis aufgescheucht wird. Ein Mutterschaf mit seinem Lamm hat sich in einem Felsenspalt eingeklemmt; die anderen Schafe kommen am Abend heim, Inger vermißt sofort die beiden, die fehlen. Isak geht hinaus, sie zu suchen. Sein erster Gedanke ist, wenn ein Unglück geschehen sei, so sei es nur gut, daß es gerade Sonntag sei und er somit nicht von der Arbeit weg müsse. Er sucht stundenlang, endlos ist das Weideland, er geht und geht. Daheim ist das ganze Haus in Aufregung; die Mutter beschwichtigt ihre Kinder mit kurzen Worten: Zwei Schafe fehlen, schweigt! Alle tragen an der Sorge mit, die ganze kleine Gesellschaft, selbst die Kühe merken, daß etwas Ungewöhnliches vorgeht, und brüllen, denn bisweilen ist Inger draußen und lockt mit lauter Stimme nach dem Walde hin, obgleich die Nacht schon herannaht. Dies ist ein Ereignis im Ödland, ein allgemeines Unglück. Als Inger die Kinder zu Bett gebracht hat, geht sie selbst hinaus und sucht auch; dazwischen ruft sie, bekommt aber keine Antwort, Isak ist wohl auch weit weg.
Wo können die Schafe nur sein, was ist ihnen geschehen? Sind Bären unterwegs? Sind Wölfe von Schweden und Finnland übers Gebirge herübergekommen? Keins von beiden. Als Isak die Vermißten findet, ist das Mutterschaf in eine Felsenspalte eingeklemmt mit einem gebrochenen Bein und stark verletztem Euter. Es muß lange in der Felsenspalte festgehalten worden sein, denn obgleich es ernstlich verwundet ist, hat es doch das Gras um sich her bis an die Wurzeln abgenagt. Isak hebt das Schaf heraus, und das erste, was dieses tut, ist, nach Futter zu suchen. Das Lamm saugt sofort an der Mutter, es ist die reine Heilung für das arme wunde Euter, daß es geleert wird.
Nun sucht Isak Steine und wirft sie in die gefährliche Felsenspalte; diese heimtückische Öffnung soll nie wieder ein Schafbein brechen! Isak trägt lederne Hosenträger, er zieht sie aus, legt sie um das Schaf und hält dadurch das aufgerissene Euter an seinem Platz. Dann hebt er das Schaf auf seine Schulter und trägt es heim. Das Lamm läuft hinter ihm her.
Und nachher? Schienen und Teerlappen. In einigen Tagen fängt das Schaf an, mit dem kranken Fuß zu zappeln, weil die Wunde beißt und heilt. Ja, alles miteinander wird wieder gut — bis sich wieder etwas ereignet.
Das tägliche Leben, Ereignisse, die das Leben der Ansiedler ganz ausfüllen. Ach, das sind keineswegs Kleinigkeiten, es ist das Schicksal, es gilt Glück, Behagen und Wohlfahrt.
Isak benutzt die Zeit zwischen Frühjahr- und Sommerarbeit, um ein paar neue Stämme zu behauen, die gefällt daliegen; er hat wohl einen Plan mit ihnen. Außerdem bricht er viele nützliche Steine aus und schafft sie zum Hofe hin. Wenn er genug Steine beisammen hat, schichtet er sie zu einer Mauer. Wäre es nun noch wie vor einem Jahr gewesen, so wäre Inger neugierig geworden und hätte sich gefragt, was denn ihr Mann im Sinne habe; aber jetzt beschäftigte sie sich lieber mit ihren eigenen Sachen und stellte keine Fragen mehr. Inger ist so fleißig wie früher; sie versorgt das Haus und die Kinder und die Tiere, aber sie hat angefangen zu singen, und das tat sie früher nicht. Sie hat Eleseus ein Abendgebet gelehrt, das hatte sie früher nicht getan. Isak vermißt ihre Fragen; ihre Neugierde und ihr Lob über das, was er leistete, waren es, die ihn zu einem zufriedenen und einem ausgezeichneten Mann gemacht hatten. Jetzt geht sie an ihm vorbei und sagt höchstens, er werde sich noch zu Tode schinden. Es muß ihr beim letztenmal doch recht schlecht gegangen sein! denkt Isak.
Oline kommt wieder zu Besuch. Wäre es nun noch wie im vorigen Jahre gewesen, so hätte man sie sehr willkommen geheißen; aber jetzt ist es anders. Inger begegnet ihr vom ersten Augenblick an feindselig; was nun auch der Grund sein mag, aber Inger ist ihr feindselig gesinnt.
Ich dachte halb und halb, ich würde zu rechter Zeit kommen, sagt Oline mit feiner Anspielung. — Wieso? — Ja, daß das dritte getauft werden sollte. Wie steht es damit? — Ach, sagte Inger, darum hättest du dich nicht herzubemühen brauchen. — So.
Dann fängt Oline an zu loben, die beiden Jungen seien so groß und hübsch geworden, und Isak sei so fleißig, und es sehe aus, als wolle er wieder bauen — großartig sei es hier, so einen Hof gebe es nicht wieder! Und kannst du mir sagen, was er jetzt bauen will? — Nein, das kann ich nicht, du mußt ihn selbst danach fragen. — Nein, sagt Oline, das geht mich nichts an. Ich wollte nur sehen, wie es euch geht, denn dies ist eine große Freude und Beruhigung für mich. Nach Goldhorn will ich gar nicht fragen oder ihren Namen in den Mund nehmen, sie hat es ja so gut wie nur möglich.
Eine Weile vergeht unter guter Unterhaltung, und Inger ist nicht mehr so unfreundlich. Als die Uhr an der Wand ihre herrlichen Schläge ertönen läßt, treten Oline die Tränen in die Augen; sie sagt, sie habe in ihrem ganzen armen Leben noch nie so eine Kirchenorgel gehört. Da fühlt sich Inger wieder reich und großmütig aufgelegt gegen die arme Verwandte, und sie sagt: Komm mit in die Kammer, ich zeig dir meinen Webstuhl.