Dann fuhr Isak das Korn in die Mühle, es wurde gemahlen, und er brachte Mehl nach Hause. Dann ging er wieder in den Wald und fällte Bäume für das Klafterholz des nächsten Jahres. Sein Leben ging von einer Arbeit zur andern, je nach den Jahreszeiten vom Feld in den Wald und vom Wald wieder aufs Feld. Jetzt hatte Isak sechs Jahre auf seiner Ansiedlung gearbeitet und Inger fünf; alles war recht und gut, wenn es so weiter ging. Aber es ging nicht so weiter. Inger warf das Weberschiffchen hin und her und versorgte ihren Viehstand, sie sang auch fleißig geistliche Lieder, aber, ach, du lieber Gott, ihr Gesang war eine Glocke ohne Klöppel!

Sobald der Weg gangbar war, wurde sie zum Verhör ins Dorf hinuntergeholt. Isak mußte daheim bleiben. Während er da allein war, nahm er sich vor, nach Schweden hinüberzuwandern und Geißler aufzusuchen, der wohlwollende Lensmann würde den Leuten auf Sellanraa vielleicht noch einmal freundlich entgegenkommen. Aber als Inger zurückkam, hatte sie schon nach allem gefragt und wußte über das Urteil einigermaßen Bescheid. Eigentlich sei es lebenslänglich, Paragraph 1, aber ... Seht, sie hatte sich mitten vor den heiligen Richterstuhl des Gesetzes hingestellt und einfach alles gestanden; die beiden Zeugen der Gemeinde hatten sie mitleidig angesehen, und der Hardesvogt hatte sie freundlich ausgefragt; aber sie war den hellen Köpfen der Herren vom Gesetz doch unterlegen. Die hohen Herren Juristen sind so tüchtig, die kennen ihre Paragraphen, sie haben sie auswendig gelernt und im Gedächtnis, so helle Köpfe sind sie. Und sie sind auch nicht ohne Verstand neben ihrem Amt, nicht einmal ohne Herz. Inger konnte sich nicht über das Gericht beklagen; sie hatte nichts von dem Hasen gesagt, aber als sie unter Tränen gestand, daß sie ihrem mißgestalteten Kind nichts so Böses habe antun wollen, wie es am Leben zu lassen, da hatte der Hardesvogt ernst und sachte mit dem Kopf genickt. Aber, hatte er gesagt, du hast ja selbst eine Hasenscharte, und dir ist es doch gut ergangen. — Ja, Gott sei Dank! hatte Inger nur geantwortet. Und sie hatte nichts von den geheimen Leiden ihrer Kindheit und Jugend vorbringen können.

Aber der Hardesvogt mußte doch das eine und andere gemerkt haben, er schleppte selbst einen Klumpfuß herum und hatte niemals tanzen können. Das Urteil — nein, das weiß ich noch nicht. Eigentlich ist es lebenslängliches Gefängnis, aber ... Und ich weiß nicht, ob wir es in die nächsten Stufen hinunterbringen, in die zweite oder dritte Stufe, fünfzehn bis zwölf, zwölf bis neun Jahre. Da sitzen einige Männer und humanisieren das Strafgesetz, werden aber nicht damit fertig. Aber wir müssen das Beste hoffen, sagte er.

Inger kam in einer stumpfen Gelassenheit zurück, es war nicht nötig gewesen, sie in Haft zu behalten. Ein paar Monate vergingen, und als Isak eines Abends vom Fischen heimkam, waren der Lensmann und sein neuer Gerichtsbote auf Sellanraa gewesen. Inger war lieb und gut gegen Isak und lobte ihn, obgleich er nicht viel Fische gefangen hatte.

Was wollte ich doch sagen, sind Fremde hier gewesen? fragte er. — Fremde? Warum fragst du? — Ich sehe neue Fußstapfen draußen. Spuren von Stiefeln. — Es ist niemand anders dagewesen als der Lensmann und noch einer. — So. Was wollten sie? — Das wirst du dir denken können. — Wollten sie dich holen? — Mich holen? Nein, es war nur das Urteil. Und das kann ich dir sagen, Isak, Gott ist gnädig gewesen, es ist nicht so, wie ich gefürchtet habe. — So, sagte Isak gespannt, dann ist es vielleicht doch nicht sehr lang? — Nein, nur einige Jahre. — Wie viele? — Ja, ja, du wirst wohl finden, es seien viele Jahre, aber ich danke Gott, daß ich wenigstens mit dem Leben davonkomme.

Inger nannte die Zahl nicht. Später am Abend fragte Isak, um welche Zeit man sie holen würde; aber das wußte sie nicht, oder sie wollte es nicht sagen. Sie war jetzt wieder sehr nachdenklich, redete davon, daß sie nicht wisse, wie alles gehen solle, aber Oline werde wohl kommen, und Isak wußte auch keinen anderen Ausweg. Wo war übrigens Oline geblieben? Sie war in diesem Jahr nicht wie sonst gekommen. War es ihre Absicht, ganz wegzubleiben, nachdem sie bei ihnen alles aus dem Geleise gebracht hatte? Sie machten die Feldarbeit, aber Oline kam nicht. Sollte man sie vielleicht holen? Ach, sie würde schon dahergeschwankt kommen, der Fettwanst, das Untier!

Endlich eines Tages kam sie. Welch ein Frauenzimmer! Es war, als sei zwischen ihr und dem Ehepaar gar nichts vorgefallen, sie strickte sogar ein Paar gereifelte Strümpfe für Eleseus, wie sie sagte. Ich wollte nur sehen, wie ihr es hier auf dieser Seite des Gebirges habt, begann sie. Es zeigte sich, daß sie ihre Kleider und Sachen in einem Sack im Walde liegen hatte und darauf eingerichtet war, dazubleiben.

Am Abend nahm Inger ihren Mann auf die Seite und sagte: Hast du nicht gesagt, du wollest versuchen, Geißler aufzufinden? Jetzt ist ruhige Zeit. — Ja, antwortete Isak, da Oline jetzt da ist, breche ich gleich morgen früh auf. — Inger sagte, sie wäre ihm dankbar dafür. Und du mußt alles bare Geld mitnehmen, das du hast, sagte sie. — So. Kannst du es nicht aufheben? — Nein.

Inger machte reichlich Mundvorrat für ihn zurecht, und Isak wachte bereits in der Nacht auf und machte sich zum Aufbruch fertig. Inger begleitete ihn bis zur Haustür, sie weinte nicht und jammerte nicht, aber sie sagte: Jetzt können sie jeden Tag kommen, um mich zu holen. — Weißt du etwas? — Nein, wie sollte ich etwas wissen? Und es wird wohl auch noch nicht so bald sein, aber ... Wenn du jetzt nur den Geißler fändest und er dir irgendeinen guten Rat geben könnte!

Was hätte Geißler jetzt noch tun können? Nichts. Aber Isak ging doch.