Da mußte der Ingenieur Isak eine gute Weile ansehen, ehe er die folgende erstaunte Frage tat: Kannst du damit mehr verdienen? — Verdienen? sagte Isak. — Ob du an den Tagen, die du bei der Aufsicht der Telegraphenlinie verbringen mußt, mit Feldarbeit mehr verdienen kannst? — Das weiß ich nicht, antwortete Isak. Aber es ist nun einmal so, daß ich wegen der Felder hier bin. Ich habe für das Leben von vielen Menschen und von noch mehr Haustieren zu sorgen. Wir leben von dem Grundstück. — Ja, ja, ich kann den Posten auch einem andern anbieten, versetzte der Ingenieur.
Diese Drohung schien wahrhaftig Isak das Herz nur zu erleichtern, er wollte dem hohen Herrn wohl nur ungern eine abschlägige Antwort geben, und so erklärte er: Ich habe ein Pferd und fünf Kühe, dazu einen Stier. Dann habe ich zwanzig Schafe und sechzehn Ziegen. Die Tiere geben uns Nahrung und Wolle und Felle, sie müssen Futter haben. — Ja, das ist klar, sagte der Ingenieur kurz. — Jawohl. Und nun sage ich nichts weiter als, wie sollte ich das Futter für sie herschaffen, wenn ich mitten in der Heuernte fortgehen müßte und nach dem Telegraphen sehen? — Der Ingenieur erwiderte: Wir wollen gar nicht mehr darüber reden. Der Mann da unten, Brede Olsen, soll die Aufsicht bekommen, er übernimmt sie wohl gerne. — Dann wendete er sich an seine Leute und befahl: Kommt, wir wollen weitergehen!
Nun erriet wohl Oline an dem Ton, daß Isak steif und unvernünftig gewesen war, das mußte ihr zugute kommen. Was hast du gesagt, Isak? Sechzehn Ziegen? Es sind doch nicht mehr als fünfzehn. — Isak sah sie an, und Oline sah ihn an, sah ihm mitten ins Gesicht. — Sind es nicht sechzehn Ziegen? — Nein, versetzte sie und sah den fremden Herrn über Isaks Unvernunft ratlos an. — So, sagte Isak leise. Er nahm einen Büschel seines Bartes zwischen die Zähne und begann darauf zu kauen.
Der Ingenieur und seine Leute entfernten sich.
Wenn es nun Isak darum zu tun gewesen wäre, sich mit Oline unzufrieden zu zeigen und sie vielleicht zu schlagen, so hätte er jetzt eine gute Gelegenheit, oh, eine herrliche Gelegenheit dazu gehabt. Sie waren wieder allein in der Stube, die Kinder waren mit den Fremden hinausgelaufen und verschwunden. Isak stand mitten im Zimmer, und Oline saß am Herd. Isak räusperte sich ein paarmal, um sie verstehen zu lassen, daß er nicht weit davon entfernt sei, sich auszusprechen. Aber er schwieg. Das war seine Seelenstärke. Sollte er etwa nicht wissen, wie viele Ziegen er hatte, konnte er sie nicht an den Fingern herzählen, war das Weib verrückt? Sollte eines von den Tieren im Stall, mit denen er persönlich umging, mit denen er täglich plauderte, verschwunden sein, eine von den Ziegen, die sechzehn an der Zahl waren! Dann hatte wohl Oline die eine Ziege um irgend etwas vertauscht, gestern, als die Frau von Breidablick dagewesen war und sich umgesehen hatte.
Hm! sagte Isak, und er war nahe daran, noch mehr zu sagen. Was hatte Oline getan? Es war vielleicht nicht geradezu ein Mord, aber doch nicht weit davon. Er konnte in tödlichem Ernst von der sechzehnten Ziege reden.
Er konnte jedoch nicht in alle Ewigkeit hier mitten in der Stube stehen und schweigen. Er sagte: Hm! So, es sind also jetzt nicht mehr als fünfzehn Ziegen? — Nein, antwortete Oline freundlich. Ja, du kannst sie ja selbst zählen, ich bekomme nicht mehr als fünfzehn heraus.
Jetzt, in diesem Augenblick hätte er es tun können: die Hände ausstrecken und Oline in der Gestalt bedeutend verändern, nur mit einem guten Griff. Das hätte er tun können. Er tat es nicht, aber er sagte laut, indem er nach der Tür ging: Ich sage jetzt nichts weiter! Damit ging er hinaus, wie wenn es beim nächsten Male von seiner Seite nicht an deutlichen Worten fehlen sollte.
Eleseus! rief er.
Wo war Eleseus, wo waren beide Jungen geblieben? Der Vater wollte eine Frage an sie stellen, sie waren jetzt große Jungen und hatten Augen im Kopfe. Er fand sie unter dem Scheunenboden, sie waren da ganz hineingekrochen und vollständig unsichtbar, aber sie verrieten sich durch ein ängstliches Flüstern. Dann kamen sie zum Vorschein wie zwei Sünder.