Die Sache war die, daß Eleseus ein Stück farbigen Bleistift gefunden hatte, das dem Ingenieur gehörte; aber als er ihm damit nachlaufen wollte, waren die weitausschreitenden erwachsenen Männer schon ein Stück droben im Walde drin, und Eleseus blieb stehen. Der Gedanke stieg in ihm auf, er könnte am Ende den Bleistift behalten — ach, wenn er das könnte! Er zog den kleinen Sivert mit sich fort, damit er die Verantwortung nicht allein hätte, und dann krochen die zwei mit ihrer Beute in einen Winkel unter dem Scheunenboden. Ach, dieses kurze Stück Bleistift — es war eine Merkwürdigkeit in ihrem Leben, ein Wunder! Sie suchten sich Holzspäne und bedeckten sie mit allerlei Strichen, und der Bleistift zeichnete rot mit dem einen Ende und blau mit dem andern; die Jungen wechselten ab, wer ihn haben durfte. Als nun der Vater so eindringlich und laut rief, flüsterte Eleseus: Die Fremden sind wohl zurückgekommen, um den Bleistift zu holen! Da war die Freude daran plötzlich verschwunden, sie war wie aus ihrer Seele weggewischt, und die kleinen Herzen begannen ängstlich zu schlagen und zu hämmern. Die Brüder krochen hervor; Eleseus hielt dem Vater den Bleistift auf Armlänge entgegen, um ihm zu zeigen, daß sie ihn nicht zerbrochen hatten, aber sie wünschten, sie hätten ihn nie gesehen.
Doch sie sahen keinen Ingenieur, da beruhigten sich ihre Herzen wieder und fühlten einen wahren Gottesfrieden nach der Spannung.
War gestern eine Frau hier? fragte der Vater. — Ja. — Die Frau von drunten? Habt ihr sie gesehen, als sie wegging? — Ja. — Hatte sie eine Ziege bei sich? — Nein, sagten die Kinder. Eine Ziege? — Hatte sie nicht eine Ziege bei sich, als sie wieder heimging? — Nein. Was für eine Ziege?
Isak überlegte und grübelte nach, und am Abend, als das Vieh von der Weide zurückkam, zählte er die Ziegen zum erstenmal: es waren sechzehn. Er zählte sie noch einmal, zählte fünfmal — es waren sechzehn Ziegen. Keine fehlte.
Isak atmete erleichtert auf. Wie war das zu verstehen? Oline, diese Kreatur, hatte wohl nicht bis sechzehn zählen können. Er sagte in ärgerlichem Ton zu ihr: Was faselst du denn, es sind ja sechzehn Ziegen! — Sind es sechzehn? fragte sie unschuldig. — Ja. — So, ja, ja. — Ja, du bist mir ein guter Rechenmeister. — Darauf erwiderte Oline ruhig und gekränkt: Nun, wenn alle Ziegen da sind, dann hat Oline Gott sei Dank keine von ihnen aufgefressen. Ich bin recht froh für sie!
Sie verwirrte ihn mit diesem Streich und brachte ihn dazu, sich die Sache aus dem Kopf zu schlagen. Er zählte nun den Viehstand nicht mehr, es fiel ihm auch nicht ein, die Schafe zu zählen. Natürlich war Oline nicht so schlimm, sie führte ihm gewissermaßen das Hauswesen, versorgte sein Vieh, sie war nur sehr dumm — aber dadurch schadet sie sich selbst und nicht ihm. Mochte sie dableiben und weiterleben, sie war nicht mehr wert. Aber es war düster und freudlos, in einem solchen Leben der Isak zu sein.
Die Jahre waren vergangen. Jetzt war Gras auf dem Hausdach gewachsen, ja, sogar das Scheunendach, das mehrere Jahre jünger war, stand grün. Die Eingeborene des Waldes, die Feldmaus, hatte längst im Vorratshaus ihren Einzug gehalten. Es schwirrte von Meisen und anderen kleinen Vögeln auf der Ansiedlung, auf der Halde gab es Auerhähne, ja, auch Krähen und Elstern waren herbeigekommen. Aber das Merkwürdigste hatte sich doch im letzten Sommer begeben, da waren Möwen von der Meeresküste heraufgeflogen und hatten sich auf dieses Grundstück im Ödland herabgesenkt. So bekannt war die Ansiedlung unter der ganzen Schöpfung geworden. Und was meint ihr, welche Gedanken in Eleseus und dem kleinen Sivert aufstiegen, als sie die Möwen sahen? Oh, es waren fremde Vögel von weit her, und sie waren nicht sehr zahlreich, aber es waren doch sechs Stück, weiße Vögel, alle ganz gleich; sie spazierten auf den Feldern umher, zuweilen bissen sie Gras ab. — Vater, warum sind sie hierhergekommen? fragten die kleinen Buben. — Weil sie auf dem Meer einen Sturm erwarteten. — Ach, wie sonderbar und geheimnisvoll war das mit den Möwen!
Und vieles andere Gute lehrte Isak seine Kinder. Sie waren jetzt so alt, daß sie in die Schule gehen sollten, aber die Schule war drunten im Dorfe, viele Meilen entfernt und nicht zu erreichen. An den Sonntagen hatte Isak den Kindern selbst das Abc beigebracht, aber irgendeinem höheren Unterricht war er nicht gewachsen, nein, dazu war dieser geborene Landmann nicht geschaffen. Der Katechismus, die biblische Geschichte lagen deshalb ruhig auf dem Wandbrett neben den Ziegenkäsen. So wie Isak die Kinder heranwachsen ließ, mußte er wohl denken, Unkenntnis in Buchweisheit sei für den Menschen bis zu einem gewissen Grad eine Kraft. Beide Jungen waren ihm eine Herzensfreude; Isak mußte oft daran denken, wie ihre Mutter, als sie noch ganz klein waren, ihm verboten hatte, sie anzufassen, weil er Harz an den Händen habe. Oh, Harz, das Reinste auf der Welt! Teer und Ziegenmilch und zum Beispiel Mark — sind auch gesund und vortrefflich; aber Harz, Tannenharz — o schweigt!
Ja, da gingen also die Kinder in einem Paradies von Schmutz und Unwissenheit umher; aber es waren hübsche Kinder, wenn sie sich ein seltenes Mal wuschen, und Klein-Sivert war geradezu ein Prachtkerl; aber Eleseus war feiner und tiefer angelegt. — Ja, aber woher können die Möwen wissen, daß ein Sturm droht? fragte er. — Sie werden wetterkrank, antwortete der Vater. Aber außerdem sind sie nicht mehr wetterkrank als die Fliegen, fuhr er fort, was diese auch haben mögen, ob sie Gicht bekommen oder ob ihnen schwindlig wird oder so etwas. Aber schlagt nie nach einer Fliege, denn dann wird sie nur schlimmer, sagte er. Vergeßt das nicht, Jungen! Die Bremse ist von anderer Art, sie stirbt von selbst. Ganz unversehens kommt die Bremse im Sommer eines Tages daher, und hast du nicht gesehen, so ist sie auch wieder verschwunden! — Wo bleibt sie? fragte Eleseus. — Wo sie bleibt? Das Fett erstarrt in ihr, und dann bleibt sie liegen!
An jedem Tag mehr Gelehrsamkeit: Wenn die Kinder von hohen Felsblöcken heruntersprangen, sollten sie die Zunge gut im Munde behalten, damit sie ihnen nicht zwischen die Zähne komme. Wenn sie größer würden und für die Kirche gut riechen wollten, sollten sie sich mit etwas Rainfarn, der auf der Halde droben wuchs, einreiben. Der Vater war voller Weisheit. Er erzählte den Kindern von den Steinen und vom Feuerstein, und daß der weiße Stein härter sei als der graue; aber wenn er einen Feuerstein fand, mußte er auch einen Feuerschwamm suchen, den er in Lauge kochte und aus dem er dann Zunder machte. Dann schlug er Feuer. Er erzählte ihnen vom Mond und sagte, wenn sie mit der linken Hand in die Mondsichel hineingreifen könnten, dann sei der Mond im Zunehmen, könnten sie das aber mit der rechten tun, dann sei er im Abnehmen. — Vergeßt das nicht, Jungen! Ein seltenes Mal ging Isak indes zu weit, und da wurde er sonderbar und unverständlich: einmal kam er mit einem Ausspruch daher, der darauf hinauslief, es sei schwieriger für ein Kamel in den Himmel zu kommen, als für einen Menschen durch ein Nadelöhr zu gehen. Ein anderes Mal, als er ihnen von dem Glanz der Engel berichtete, sagte er, die Engel hätten die Sterne statt Beschlägen an die Absätze ihrer Schuhe genagelt. Das war ein guter, treuherziger Unterricht, der auf die Ansiedlung paßte, der Schullehrer im Dorf drunten würde darüber gelächelt haben; Isaks Kinder dagegen nährten ihre Phantasie ziemlich stark damit. Sie wurden für ihre eigene enge Welt erzogen und unterrichtet; was hätte besser sein können? Beim Schlachten im Herbst waren die Jungen höchst neugierig; für die Tiere, die geschlachtet werden sollten, hatten sie große Angst, und ihre kleinen Herzen waren tief betrübt. Da mußte nun Isak mit der einen Hand das Tier festhalten und mit der andern zustechen, und Oline rührte das Blut um. Jetzt wurde der alte Bock herausgeführt, weiß und bärtig war er, die beiden kleinen Burschen standen an der Hausecke und guckten hervor.