Da setzte sich Oline auf den Hocker und wollte durchaus nicht schweigen. Und was Inger betrifft, sagte sie, wenn ich ein so großes Wort überhaupt in den Mund nehmen darf. — Du kannst sagen, was du willst, ich kümmere mich nicht darum. — Sie kommt heim und hat alles gelernt. Und dann hat sie wohl Perlen und Federn auf dem Hut? — Ja, das hat sie wohl. — Ja, ja, sagte Oline, nun kann sie sich bei mir ein bißchen für alle diese Größe bedanken, die sie erreicht hat. — Bei dir? entfuhr es Isak. — Oline antwortete demütig: Da ich ja als geringes Werkzeug dazu gedient habe, sie fortzubringen.
Darauf konnte Isak nichts mehr sagen, die Worte blieben ihm im Halse stecken, er saß still da und starrte vor sich hin. Hatte er recht gehört? Oline sah aus, als habe sie gar nichts Besonderes gesagt. Nein, in einem Wortstreit zog Isak den kürzeren.
Düsteren Sinnes trieb er sich draußen herum. Oline, dieses Vieh, das sich von Bosheit nährte und fett dabei wurde — oh, es war wohl verkehrt von ihm gewesen, daß er sie nicht gleich im ersten Jahr erschlagen hatte, dachte er und tat vor sich selbst groß. Dazu hätte er der Mann sein sollen, dachte er weiter. Mann — er? O ja, niemand konnte fürchterlicher sein.
Und nun folgt ein komischer Auftritt: er geht in den Stall und zählt seine Ziegen; da stehen sie mit ihren Zicklein und sind vollzählig. Er zählt die Kühe, das Schwein, vierzehn Hühner, zwei Kälber. Und die Schafe habe ich fast vergessen! sagt er laut zu sich selbst. Er zählt auch die Schafe und tut, als sei er sehr gespannt, ob sie vollzählig sind. Isak weiß sehr wohl, daß ein Schaf fehlt, ja, er hat es schon lange gewußt, warum also tun, als wüßte er es nicht? Die Sache ist die: Oline hatte ihn ja damals verwirrt gemacht und eine Ziege verleugnet, obgleich alle Ziegen dagewesen waren. Damals war er tüchtig ins Zeug gefahren, es war aber nichts dabei herausgekommen. Bei einem Streit mit Oline kam nie etwas heraus. Als er im Herbst schlachten wollte, hatte er gleich gemerkt, daß ein Mutterschaf fehlte, aber er hatte nicht das Herz gehabt, sofort Rechenschaft dafür zu verlangen, und auch später war ihm der Mut dazu nicht gekommen.
Aber heute ist er grimmig, ja, heute ist Isak grimmig, Oline hat ihn wütend gemacht. Er zählt die Schafe noch einmal, legt den Zeigefinger auf jedes einzelne und zählt laut. — Oline darf es gern hören, falls sie draußen steht und horcht. Und er sagt mit lauter Stimme viel Schlechtes über Oline: sie habe eine ganz neue Art, die Schafe zu füttern, so daß plötzlich eines verschwinde, ein Mutterschaf! Sie sei eine abgefeimte Diebshure, ob sie das verstehe! Oh, Oline dürfe gern vor der Tür stehen und einen ordentlichen Schrecken bekommen!
Er schreitet zum Stall hinaus, geht in den Pferdestall und zählt das Pferd, von da will er ins Haus gehen und sich aussprechen. Er geht so schnell, daß sein Kittel wie ein erregter Kittel von seinem Rücken wegsteht. Aber Oline hat vielleicht vom Fenster aus dies und jenes gemerkt, sie tritt ruhig und sicher zur Haustür heraus, die Milcheimer in den Händen, und will in den Stall gehen.
Was hast du mit dem Mutterschaf mit den flachen Ohren gemacht? fragt er. — Mit dem Mutterschaf? — Ja, und wenn es hier gewesen wäre, hätte es jetzt schon zwei Lämmer; was hast du mit ihm gemacht? Es hatte immer zwei Lämmer. Auf diese Weise hast du mir drei Schafe genommen; verstehst du das?
Oline ist ganz überwältigt, vollständig vernichtet von der Beschuldigung, sie wackelt mit dem Kopf, und ihre Beine scheinen unter ihr wegzuschmelzen, so daß sie schließlich umfallen und sich einen Schaden antun kann. Aber ihr Kopf überlegt die ganze Zeit, ihre Geistesgegenwart hat ihr immer geholfen, hatte ihr immer Vorteile gebracht, sie durfte sie auch jetzt nicht verlassen.
Ich stehle Ziegen und ich stehle Schafe, sagt sie still. Ich möchte wissen, was ich mit ihnen tue. Ich esse sie wohl auf. — Ja, das weißt du selbst, was du damit tust. — So, dann müßte ich hier in deinem Haus, Isak, nicht Essen und Trinken im Überfluß haben, ich wäre gezwungen, mir dazu zu stehlen. Aber das kann ich hinter deinem Rücken sagen, daß ich das in all diesen Jahren nicht nötig gehabt habe. — Aber was hast du dann mit dem Schaf gemacht? Hat Os-Anders es bekommen? — Os-Anders? Oline muß geradezu die Melkeimer abstellen und die Hände zusammenschlagen: Wenn ich nur so frei von aller Schuld wäre! Was ist denn das für ein Schaf mit seinen Lämmern, von dem du redest? Ist es die eine Ziege, die flache Ohren hat? — Kreatur! sagt Isak und will gehen. — Du bist doch ein komischer Kauz, Isak. Da hast du nun genug Vieh von jeder Art und ein wahres Sternenheer von Tieren in deinem Stall, aber du hast noch nicht genug! Kann ich wissen, welches Schaf und welche Lämmer du von mir verlangst? Du müßtest Gott für seine Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied danken. Wenn jetzt dieser Sommer und ein Stück vom Winter vorbei sind, dann werfen deine Schafe wieder Lämmer, und du bekommst dreimal soviel, als du jetzt hast!
O diese Oline!