Isak ging fort, wie ein Bär brummend. Was für ein Dummkopf war ich, daß ich sie nicht am ersten Tag erschlagen habe! sagte er sich und warf sich selbst allerlei Schimpfnamen an den Kopf. Was für ein Narr, ein Roßdreck war ich doch! Aber es ist noch nicht zu spät, warte nur, mag sie in den Stall gehen! Es ist nicht ratsam, an diesem Abend noch etwas mit ihr anzufangen, aber morgen, da ist es ratsam. Drei Schafe verloren! Kaffee! sagte sie.

10

Der nächste Tag sollte ein großes Ereignis bringen: Gäste kamen auf die Ansiedlung, Geißler kam. Auf den Mooren war es noch nicht einmal Sommer, aber Geißler machte sich nichts aus dem Weg, er kam zu Fuß in prächtigen Schaftstiefeln mit breitem lackiertem Umschlag; gelbe Handschuhe hatte er an, und er sah vornehm aus. Ein Mann aus dem Dorfe trug sein Gepäck.

Er komme nun eigentlich, um eine Strecke Bergland von Isak zu kaufen, eine Kupfermine, welchen Preis er dafür verlange? Übrigens könne er von Inger grüßen — eine tüchtige Frau, sehr beliebt; er komme von Drontheim und habe sie da gesprochen. Isak, du hast ja hier mächtig gearbeitet! — O ja. So, Ihr habt mit Inger gesprochen? — Was ist das dort drüben? Hast du eine Mühle errichtet? Und mahlst du dein eigenes Mehl? Ausgezeichnet. Und du hast sehr viel Boden umgebrochen, seit ich das letztemal hier war. — Und es ging ihr gut? — Ja, es geht gut. Ach so, deiner Frau! Ja, jetzt sollst du hören. Komm, wir wollen in die Kammer gehen. — Nein, es ist nicht so schön drinnen, sagt Oline, aus mehreren Gründen abwehrend.

Aber die beiden gingen doch in die Kammer und machten die Tür hinter sich zu; Oline stand allein in der Stube und bekam nichts zu hören.

Der Lensmann Geißler setzte sich, schlug sich einmal kräftig auf die Knie und saß da mit Isaks Schicksal in der Hand. Du hast doch wohl dein Kupferfeld nicht verkauft? fragte er. — Nein. — Gut. Ich kaufe es. Ja, ich habe mit Inger und mit mehreren andern gesprochen. Sie wird gewiß in allernächster Zeit frei, es liegt jetzt beim König. — Beim König! — Beim König. Ich bin zu deiner Frau gegangen, für mich hatte es natürlich keine Schwierigkeiten, hineinzukommen, und wir haben lange miteinander gesprochen: Nun, Inger, es geht dir ja gut, richtig gut? — Ja, ich habe nichts zu klagen. — Sehnst du dich nicht nach Hause? — Doch, das kann ich nicht leugnen. — Du sollst bald heimkommen, sagte ich. Und das kann ich dir sagen, Isak, sie ist ein tüchtiges Weib; keine Tränen, im Gegenteil, sie lächelte und lachte — ihr Mund ist übrigens operiert und zusammengenäht worden. Nun lebe wohl, sagte ich zu ihr, du sollst nicht mehr lange hierbleiben, mein Wort darauf.

Dann ging ich zum Direktor, es hätte ja nur gefehlt, daß er mich nicht empfangen hätte. Sie haben eine Frau hier, die hinaus und wieder heim gehört, sagte ich, Inger Sellanraa. — Inger? versetzte er. Ja, sie ist ein guter Mensch, ich würde sie gerne zwanzig Jahre hier behalten, sagte er. — Davon kann keine Rede sein, sagte ich, sie ist schon zu lange hier gewesen. — Zu lange? sagte er. Kennen Sie den Fall? — Ja, ich kenne den Fall von Grund aus, ich bin ihr Lensmann gewesen. — Bitte, setzen Sie sich, sagte er da. — Es hätte auch gerade noch gefehlt! — Ja, wir sorgen so gut wie möglich für Inger, sagte der Direktor, und auch für ihr kleines Mädchen, jawohl. So, die Frau ist also aus Ihrer Gegend? Wir haben ihr zu einer eigenen Nähmaschine verholfen, sie hat ihr Gesellenstück in der Werkstatt gemacht, und wir haben sie in Verschiedenem unterrichtet; sie hat ordentlich weben, ordentlich nähen, färben und schneidern gelernt. Und Sie sagen, sie sei schon zu lange hier gewesen? — Ich wußte wohl, was ich zu antworten hatte, aber ich wollte damit noch etwas warten, und so sagte ich: Ja, der Fall ist schlecht geführt worden und muß wieder aufgenommen werden, jetzt nach der Revision des Strafgesetzes würde sie vielleicht ganz freigesprochen werden. Es ist ihr ein Hase zugeschickt worden, als sie schwanger war. — Ein Hase? fragte der Direktor. — Ein Hase, sagte ich. Und das Kind bekam eine Hasenscharte. — Der Direktor lächelte. So also. Ihrer Meinung nach ist also auf diesen Punkt nicht genug Rücksicht genommen worden? — Nein, antwortete ich, dieser Punkt wurde gar nicht berührt. — Nun, das ist wohl auch nicht so gefährlich. — Für sie war es gefährlich genug. — Meinen Sie, ein Hase könne Wundertaten verrichten? — Ich erwiderte: Wieweit ein Hase Wundertaten verrichten kann oder nicht, damit will ich Sie nicht unterhalten, Herr Direktor. Die Frage ist die, welche Wirkung der Anblick eines Hasen unter gewissen Umständen auf eine Frau, die eine Hasenscharte hat, haben kann! — Der Direktor überlegte eine Weile, dann sagte er: Ja, ja, aber hier in der Anstalt haben wir die Verurteilten ja nur aufzunehmen, wir revidieren das Urteil nicht. Nach dem Urteil ist Inger nicht zu lange hier gewesen.

Jetzt kam ich mit dem heraus, was gesagt werden mußte. Bei der Inhaftnehmung von Inger Sellanraa sind Fehler gemacht worden. — Fehler? — Erstens hätte sie in dem Zustand, in dem sie war, gar nicht transportiert werden dürfen. — Der Direktor sah mich scharf an. — Das ist richtig, sagte er dann. Aber das ist nicht unsere Sache hier im Gefängnis. — Zweitens, fuhr ich fort, hätte sie nicht zwei Monate lang in vollem Gewahrsam sein dürfen, bis ihr Zustand der Behörde hier am Gefängnis offenbar wurde. Das saß. Der Direktor schwieg lange. — Haben Sie Vollmacht, für die Frau zu handeln? fragte er. — Ja, sagte ich. — Wie gesagt, wir sind hier zufrieden mit Inger und behandeln sie auch danach, schwatzte der Direktor, und wieder zählte er auf, was Inger alles gelernt habe, ja, sie hätten sie auch schreiben gelehrt, sagte er. Und die kleine Tochter hätten sie bei jemand gut untergebracht und so weiter. — Ich erklärte ihm, wie die Verhältnisse in Ingers Heim seien: da auch zwei kleine Kinder, gemietete Hilfe, um sie zu versorgen, und so weiter. Ich habe eine Darlegung von ihrem Manne, sagte ich, die kann beigelegt werden, ob der Fall nun wieder aufgenommen werden soll oder ob man für die Frau um Begnadigung einkommen will. — Lassen Sie mich diese Darlegung sehen, sagte der Direktor. — Ich werde sie Ihnen morgen in der Besuchszeit bringen, versetzte ich.

Isak hörte aufmerksam zu, das war ergreifend, ein Märchen aus fremdem Land. Unverwandt hingen seine Augen an Geißlers Mund.