Geißler erzählte weiter. Ich ging zurück ins Gasthaus und setzte eine Darlegung auf, ich machte die Sache zu der meinigen und unterschrieb Isak Sellanraa. Aber du mußt ja nicht glauben, ich hätte ein Wort davon verlauten lassen, daß im Gefängnis etwas Unrichtiges gemacht worden sei. Keine Silbe davon! Rührte nicht daran. Und am nächsten Tage brachte ich das Dokument hin. — Bitte setzen Sie sich! sagte der Direktor sofort. Er las meine Darlegung, nickte ab und zu, schließlich sagte er: Ausgezeichnet. Sie genügt zwar nicht zur Wiederaufnahme des Falles, aber ... — Doch, mit einer Beilage, die ich ebenfalls hier habe, sagte ich, und ich traf da wieder recht gut. Der Direktor beeilte sich zu sagen: Ich habe mir die Sache seit gestern überlegt und finde gute Gründe dafür, ein Gesuch um Begnadigung für Inger einzureichen. — Das Sie im gegebenen Fall unterstützen werden, Herr Direktor? fragte ich. — Ich werde es befürworten, es warm befürworten. — Da verbeugte ich mich und sagte: Dann ist die Begnadigung sicher. Ich danke Ihnen im Namen eines unglücklichen Mannes und eines verlassenen Hauses. — Ich glaube nicht, daß wir weitere Auskunft aus Ihrem Heimatort einzuholen brauchen, sagte der Direktor, Sie kennen sie ja? — Ich erriet wohl, warum die Sache sozusagen in aller Stille abgemacht werden sollte, und erwiderte: Die Auskunft von daheim würde die Sache nur in die Länge ziehen.
Da hast du die ganze Geschichte, Isak. — Geißler sah auf seine Uhr. Und nun zur Sache selbst! Kannst du mich noch einmal nach dem Kupferberg begleiten?
Isak war ein Stein und ein Klotz, er konnte nicht so augenblicklich von einem zum andern überspringen. Aufs höchste verwundert und in tiefe Gedanken versunken, saß er da; dann stellte er noch allerlei Fragen. Er erfuhr, daß das Gesuch an den König abgegangen war und in einer der ersten Sitzungen des Staatsrats entschieden werden konnte! Wunderbar! sagte er.
Sie gingen auf den Berg. Geißler, sein Begleiter und Isak, und sie blieben ein paar Stunden weg. In dieser kurzen Zeit verfolgte Geißler den Lauf der Kupferader über einen langen Berg hin und steckte die Grenzen für den Bereich ab, den er kaufen wollte. Wie ein Wiesel lief er. Aber dumm war der Mann nicht, sein rasches Urteil war merkwürdig sicher.
Als er auf den Hof zurückkam — mit einem Sack voll neuer Gesteinsproben —, bat er um Feder und Tinte und Papier und setzte sich zum Schreiben hin. Aber er schrieb nicht immerfort eilig, sondern plauderte auch dazwischen: Ja, Isak, große Summen bekommst du diesmal nicht für deinen Berg, aber ein paar hundert Taler kannst du haben! Dann schrieb er wieder. Vergiß nicht, mich daran zu erinnern, daß ich auch noch deine Mühle ansehen will, ehe ich gehe, sagte er. Dann fielen ihm einige rote und blaue Striche an dem Webstuhl auf, und er sagte: Wer hat das gezeichnet? — Ja, Eleseus hatte ein Pferd und einen Bock gezeichnet, er versuchte sich mit seinem bunten Bleistift auf dem Webstuhl und anderem Holzwerk, weil er kein Papier hatte. Geißler sagte: Das ist gar nicht schlecht gemacht, und schenkte Eleseus eine Münze.
Wieder schrieb Geißler eine Weile, dann sagte er: Es werden jetzt wohl bald mehrere neue Ansiedler durchs Ödland hier heraufkommen! — Sein Begleiter fiel ein: Sie sind schon gekommen. — Wer denn? — Vorerst ist da Breidablick, wie sie es nennen, der Brede auf Breidablick drunten. — Ach der! lächelte Geißler verächtlich. — Jawohl, und dann haben noch ein paar andere Grund und Boden gekauft. — Wenn sie nur etwas taugen, sagte Geißler. Und da er in demselben Augenblick entdeckte, daß zwei kleine Jungen in der Stube waren, zog er Klein-Sivert zu sich heran und gab auch ihm eine Münze. Ein merkwürdiger Mann, dieser Geißler! Jetzt waren überdies seine Augen wie etwas entzündet, die Ränder waren wie von rotem Reif umgeben. Das konnte von Nachtwachen kommen, manchmal kommt aber so etwas auch von starken Getränken. Aber er machte nicht den Eindruck, als gehe es bergab mit ihm; während er so über alles mögliche schwatzte, dachte er gewiß die ganze Zeit an das Dokument vor sich, denn plötzlich ergriff er rasch die Feder wieder und schrieb ein Stück weiter.
Jetzt schien er fertig zu sein.
Er wendete sich an Isak. Ja, wie gesagt, ein reicher Mann wirst du nicht bei diesem Geschäft. Aber es kann später noch mehr werden. Wir wollen es so aufsetzen, daß du später mehr bekommst. Zweihundert kannst du jedoch jetzt gleich haben.
Isak verstand nicht viel vom Ganzen, aber zweihundert Taler, das war jedenfalls wieder ein Wunder und eine großartige Bezahlung. Er würde sie wohl nur auf dem Papier bekommen, natürlich nicht bar, aber es war ihm auch so recht; er hatte ganz anderes im Kopf und fragte: Und Ihr glaubt, daß sie begnadigt wird? — Deine Frau? Wenn ein Telegraph im Dorf wäre, dann würde ich in Drontheim anfragen, ob sie nicht schon frei ist, antwortete Geißler. — Isak hatte wohl vom Telegraphen reden hören; das war etwas Merkwürdiges, ein Draht auf hohen Stangen, etwas Überirdisches — jetzt schlich sich fast etwas wie Mißtrauen gegen Geißlers große Worte in sein Herz, und er wendete ein: Aber wenn es der König abschlägt? — In dem Fall schicke ich meine Beilage zu der Darlegung ein, die alles enthält, und dann muß deine Frau frei werden. Zweifle nicht daran!