Am nächsten Morgen ging Geißler nach dem Flusse und besah sich die Mühle. Alles war klein und roh zusammengezimmert, ja, es war wie eine Mühle für die Unterirdischen, aber stark und nützlich zum Gebrauch für Menschen. Isak führte seinen Gast noch etwas weiter den Fluß hinauf und zeigte ihm eine zweite Stromschnelle, wo er auch schon etwas gearbeitet hatte; es sollte ein kleines Sägewerk werden, wenn ihm Gott die Gesundheit erhielt.
Das einzige ist, daß wir hier so weit von der Schule entfernt sind, sagte er. Ich muß die Jungen drunten im Dorf in Kost geben. — Der bewegliche Geißler sah darin keine größere Unannehmlichkeit. Gerade jetzt lassen sich immer mehr Ansiedler hier in dieser Gegend nieder, und dann kommt eine Schule her. — Ach, das kommt wohl erst so weit, wenn meine Kleinen groß sind. — Und was tut's, wenn du sie drunten unterbringst? Du fährst mit den Jungen und mit Lebensmitteln hinunter und holst sie nach drei oder sechs Wochen wieder ab, das ist doch gar nichts für dich. — Nein.
Nein, eigentlich war es gar nichts, wenn Inger jetzt heim kam. Haus und Hof, Nahrung und sonst viel Schönes hatte er, viel Geld hatte er also jetzt auch und dazu eine eiserne Gesundheit. O diese Gesundheit, stark und ungeschwächt in jeder Beziehung, die Gesundheit eines ganzen Mannes!
Als Geißler abgezogen war, begann Isak über viele hoffärtige Dinge nachzudenken. Jawohl, denn dieser gute Geißler hatte zum Schlusse noch die aufmunternden Worte gesagt, daß er Isak gleich Nachricht schicken wolle, sobald er zum Telegraphen komme. In vierzehn Tagen kannst du drunten auf der Post einmal nachfragen, hatte er gesagt. Das allein war schon etwas Großen, und Isak machte sich nun daran, eine Sitzbank auf seinem Karren zu verfertigen. Wahrhaftig einen Wagenstuhl, der zu den Feldarbeiten abgenommen, aber wieder aufgesetzt wurde, wenn man ins Dorf fuhr. Als jedoch der Wagenstuhl fertig war, sah er so weiß und neu aus, daß er etwas dunkler angestrichen werden mußte. Und außerdem, was war nicht alles zu machen! Der ganze Hof mußte angestrichen werden. Hatte Isak nicht schon seit Jahren daran gedacht, eine große Scheuer mit einer Einfahrtsbrücke zu bauen, um das Heu in den oberen Raum hineinfahren zu können? Und hatte er nicht das Sägewerk bald fertigstellen, sein ganzes Grundstück einfriedigen und ein Boot für den Gebirgssee bauen wollen? Vieles hatte er sich vorgenommen. Aber es half alles nichts, und wenn er auch seine Kräfte vertausendfachen könnte, die Zeit reichte nicht aus. Es war Sonntag, ehe er sich's versah, und gleich darauf war es schon wieder Sonntag.
Aber anstreichen wollte er jedenfalls. Die Häuser standen ja jetzt so nackt und grau da wie Häuser in Hemdärmeln. Er hatte noch Zeit vor der Feldarbeit, es war ja noch gar nicht eigentlich Frühling, das Kleinvieh war zwar schon draußen, aber der Boden war noch überall gefroren.
Isak packt einige Mandeln Eier ein, um sie zu verkaufen, geht ins Dorf und kehrt mit Ölfarbe zurück. Sie reichte zu einem Gebäude, zu der Scheune, diese wurde rot angestrichen. Er holt neue Farbe und gelben Ocker fürs Wohnhaus. — Ja, es ist, wie ich sage, hier wird's jetzt vornehm, murmelt Oline täglich. O Oline, sie merkte wohl, daß ihre Zeit auf Sellanraa bald zu Ende sein würde, sie war zäh und stark genug, es zu ertragen, aber doch nicht ohne Bitterkeit. Isak seinerseits hielt nun keine Abrechnung mehr mit ihr, obgleich sie in der letzten Zeit gehörig stahl und unterschlug. Isak schenkte ihr sogar einen jungen Widder, denn sie war ja eigentlich jetzt schon recht lange um wenig Lohn bei ihm. Übrigens war Oline auch nicht schlecht gegen seine Kinder gewesen; sie war nicht streng und rechtschaffen und dergleichen, aber sie hatte eine bequeme Art für die Kinder, gab Rede und Antwort, wenn sie fragten, und erlaubte ihnen fast alles. Kamen sie herbei, wenn sie Käse machte, dann durften sie versuchen, und wenn sie an einem Sonntag einmal vor dem Gesichtwaschen auskneifen wollten, dann ließ sie sie laufen.
Als die Häuser mit der Grundfarbe angestrichen waren, holte Isak im Dorf so viel Farbe, als er nur tragen konnte, und das war nicht wenig. Dreimal strich er die Häuser an, und die Fensterkreuze und -rahmen machte er weiß. Wenn er jetzt aus dem Dorfe zurückkam und sein Heim da auf der Halde sah, war es ihm, als sehe er das Märchenschloß Soria Moria vor sich! Das Ödland war bebaut und nicht mehr zu erkennen, Segen ruhte darauf, Leben war entstanden aus einem langen Traum, Menschen lebten da, Kinder spielten um die Häuser her. Bis hinauf zu den blauen Bergen dehnte sich schöner großer Wald aus.
Und als Isak wieder einmal zum Kaufmann kam, gab dieser ihm einen blauen Brief mit einem Wappen drauf, und der Brief kostete fünf Schilling. Der Brief war ein Telegramm, das mit der Post weitergeschickt worden war, und es war vom Lensmann Geißler. Nein, dieser Geißler, was für ein merkwürdiger Mensch war er doch! Er telegraphierte die wenigen Worte: Inger frei, kommt baldigst, Geißler.
Aber jetzt drehte sich der Kaufladen im Kreise vor Isak, und es war, als wichen der Ladentisch und die Menschen weit, weit in den Hintergrund zurück. Er fühlte mehr, als er es vernahm, daß er sagte: Gott sei Lob und Dank! — Du kannst sie möglicherweise schon morgen hier haben, wenn sie zeitig genug von Drontheim abgereist ist. — So, sagte Isak.
Er wartete bis zum nächsten Tag. Das Boot, das die Post von der Dampfschiffstation mitbrachte, kam allerdings, aber Inger war nicht an Bord. — Dann kann sie erst in der nächsten Woche hier sein, sagte der Kaufmann.