Es war fast gut, daß Isak so viel Zeit vor sich hatte, denn es war noch sehr viel zu tun. Sollte er alles vergessen und seine Felder vernachlässigen? Er geht heim und fährt den Dung hinaus. Das ist bald geschehen. Er sticht mit dem Spaten in die Erde und verfolgt das Auftauen von Tag zu Tag. Die Sonne steht jetzt kräftig und groß am Himmel, der Schnee ist verschwunden, es grünt überall, auch das Rindvieh ist aus dem Stalle. An einem Tag pflügt Isak, ein paar Tage darauf sät er sein Korn und legt Kartoffeln. Die kleinen Jungen legen die Kartoffeln wie mit Engelshänden, sie haben sehr geschickte Hände und kommen dem Vater weit voraus.
Dann wäscht Isak seinen Wagen am Fluß und befestigt den Sitz darauf. Dann spricht er mit den Kindern von einem Ausflug, den er nach dem Dorfe machen müsse. — Aber gehst du denn nicht zu Fuß? fragen sie. — Nein, ich habe die Absicht, diesmal mit Wagen und Pferd zu fahren. — Dürfen wir nicht auch mitfahren? — Nein, ihr müßt artige Jungen sein und diesmal zu Hause bleiben. Jetzt kommt eure Mutter heim, und dann könnt ihr vieles bei ihr lernen. — Eleseus, der gerne lernen will, fragt: Als du damals auf Papier geschrieben hast, wie war denn das? — Ich habe es fast nicht gefühlt, antwortete der Vater, es ist, als sei die Hand ganz leer dabei. — Will sie nicht davonlaufen, gerade wie auf dem Eis? — Wer? — Die Feder, mit der du geschrieben hast? — O doch. Jawohl, aber man muß eben lernen, sie zu lenken.
Der kleine Sivert jedoch war von anderer Art und sagte nichts von der Feder, er wollte aufsitzen, wollte nur auf dem Wagenbrett sitzen, einen unbespannten Wagen antreiben und ungeheuer schnell fahren. Er brachte es so weit, daß der Vater beide Jungen ein großes Stück Wegs mitfahren ließ.
11
Isak fährt, bis er an ein Moorloch kommt. Da hält er an. Ein schwarzes, tiefes Moorloch, die blaue Wasserfläche liegt regungslos da; Isak wußte, wozu sie gut war, er hatte wohl kaum je in seinem Leben einen anderen Spiegel gebraucht als ein solches Moorloch. Seht, er ist heute in seinem roten Hemd sehr hübsch und ordentlich angezogen, jetzt zieht er eine Schere heraus und schneidet sich den Bart. Der eitle Mühlengeist, wollte er sich geradezu prachtvoll machen und sich von seinem fünf Jahre alten Vollbart trennen? Er schneidet und schneidet und besieht sich im Wasser. Natürlich hätte er diese Arbeit heute auch daheim verrichten können; aber er scheute sich vor Oline, es war schon sehr viel gewesen, daß er gerade vor ihrer Nase das rote Hemd angezogen hatte. Er schert und schert, ein gutes Teil Barthaare fallen auf den Spiegel. Als das Pferd nicht länger ruhig stehen will, hört er auf und erklärt sich für fertig. O jawohl, er fühlt sich bedeutend jünger. — Ja zum Kuckuck, wenn er es verstand, auch bedeutend schlanker sogar.
Dann fährt er ins Dorf.
Am nächsten Tag kommt das Boot. Isak sitzt auf einem Felsblock neben dem Schuppen des Kaufmanns und späht hinaus, aber auch diesmal erscheint Inger nicht. Lieber Gott, es stiegen ziemlich viel Reisende aus, Erwachsene und Kinder, aber Inger war nicht darunter. Isak hatte sich im Hintergrund gehalten, sich auf diesen Felsblock gesetzt, nun hatte er keinen Grund mehr, noch länger da sitzenzubleiben, und so ging er zum Boot hin. Immer noch kamen Kisten und Tonnen, Leute und Postsachen aus dem Achtriemer heraus, aber Isak sah Inger nicht. Dagegen sah er eine Frau mit einem kleinen Mädchen, die schon drüben an der Tür des Bootshauses stand, aber die Frau war hübscher als Inger, obgleich Inger nicht häßlich war. — Aber wie — das war ja Inger. Hm! sagte Isak und eilte hinüber. Sie begrüßten einander; Inger sagte guten Tag und reichte ihm die Hand, etwas erkältet und blaß noch von der Seekrankheit und der Reise. Isak stand ganz still da, schließlich sagte er: Ja, es ist recht schönes Wetter! — Ich habe dich gut dort drüben gesehen, sagte Inger, aber ich wollte mich nicht durchdrängen. Bist du heute ohnedies im Dorf? fragte sie. — Ja. Hm. — Es geht euch allen doch wohl gut? — Ja, danke der Nachfrage. — Dies ist die Leopoldine, sie ist auf der Reise viel wohler gewesen als ich. Sieh, das ist dein Vater, nun mußt du deinen Vater begrüßen, Leopoldine. — Hm! sagte Isak auch jetzt wieder; es war ihm höchst sonderbar zumute, oh, er war ein Fremder unter ihnen. — Inger sagte: Wenn du am Boot drunten eine Nähmaschine siehst — sie gehört mir. Und dann habe ich noch eine Kiste. — Isak ging sofort; mehr als gerne ging er. Die Bootsleute zeigten ihm die Kiste, aber wegen der Nähmaschine mußte Inger selbst kommen und sie heraussuchen. Es war ein schöner Kasten von unbekannter Form, mit einem runden Deckel und einem Henkel zum Tragen — eine Nähmaschine in dieser Gegend! Isak lud sich die Kiste und die Nähmaschine auf und sagte zu seiner Familie: Ich laufe rasch mit diesem hinauf ins Dorf, komme aber gleich wieder und trage dann sie, sagte er. — Wen tragen? fragte Inger lächelnd. Meinst du, das große Mädchen könne nicht gehen?
Sie gingen miteinander zu dem Pferd und dem Wagen hin. Hast du ein neues Pferd gekauft? fragte Inger. Und hast du einen Wagen mit einem Wagenstuhl? — Ja, das versteht sich. Doch was ich sagen wollte: Möchtest du nicht erst ein wenig essen? Ich habe Mundvorrat mitgebracht. — Das kann warten, bis wir das Dorf hinter uns haben, sagte sie. Was meinst du, Leopoldine, kannst du allein da sitzen? — Aber das wollte der Vater nicht leiden. Nein, sie könnte auf die Räder herunterfallen. Setz du dich mit ihr hinauf und nimm selbst die Zügel.
So fuhren sie ab, und Isak ging hinter dem Wagen her.
Er betrachtete die beiden auf dem Wagen. Da war nun Inger gekommen, fremd nach Anzug und Aussehen, vornehm, ohne Hasenscharte, nur mit einem roten Streifen auf der Oberlippe. Sie zischte nicht mehr, das war das Merkwürdige, sie sprach ganz rein. Ein grau und rot gestreiftes wollenes Kopftuch mit Fransen daran sah prachtvoll aus zu ihrem dunklen Haar. Sie wendete sich auf dem Sitz um und sagte: Es wäre gut, wenn du ein Fell mitgebracht hättest, es kann heute abend kühl für das Kind werden. — — Sie kann meine Jacke haben, und wenn wir erst im Wald sind, so ist dort ein Fell, ich habe es dort hinterlegt. — So, du hast ein Fell im Wald! — Ja, ich habe es nicht den ganzen Weg auf dem Wagen mitnehmen wollen, falls ihr heute nicht gekommen wäret. — So. Was hast du gesagt, geht es den beiden Jungen auch gut? — Jawohl, danke der Nachfrage. — Sie werden jetzt groß sein, das kann ich mir denken. — Ja, daran fehlt's nicht. Sie haben jetzt gerade die Kartoffeln gelegt. — Ach so, sagte die Mutter und schüttelte den Kopf. Können sie schon Kartoffeln legen? — Eleseus geht mir bis hierher und Sivert bis hierher, versetzte Isak und maß an sich.