Die kleine Leopoldine bat um etwas zu essen. Ach, das nette kleine Geschöpf, ein Marienkäferchen auf einem Fuhrwerk. Sie sprach mit einem singenden Tonfall, in einer merkwürdigen Sprache von Drontheim, der Vater mußte es sich bisweilen übersetzen lassen. Sie hatte dieselben Züge wie die Jungen, die braunen Augen und die länglichen Wangen, die alle drei Kinder von der Mutter geerbt hatten; die Kinder waren der Mutter Kinder, und das war gut so! Isak war seinem Töchterchen gegenüber ein wenig schüchtern, angesichts ihrer kleinen Schuhe, der langen dünnen Wollstrümpfe und des kurzen Kleides! Als sie den fremden Vater begrüßte, hatte sie sich verneigt und ihm ein winziges Händchen hingereicht.

Im Walde angekommen, rasteten sie und aßen, das Pferd bekam sein Futter, und Leopoldine hüpfte mit ihrem Brot in der Hand im Heidekraut umher.

Du hast dich nicht sehr verändert, sagte Inger, indem sie ihren Mann betrachtete. — Isak sah auf die Seite und antwortete: So, meinst du? Aber du bist sehr vornehm geworden! — Haha! Nein, ich bin jetzt alt, erwiderte sie so recht scherzhaft. — Es war offenbar, Isak fühlte sich nicht recht sicher, er blieb zurückhaltend, war wie verschüchtert. Wie alt war wohl seine Frau? Sie konnte nicht jünger als dreißig sein — das heißt, sie konnte nicht mehr sein, unmöglich. Und obgleich Isak aß, riß er doch ein Zweiglein Heidekraut ab und kaute auch daran. Was, ißt du auch Heidekraut? rief Inger lachend. Isak warf das Heidekraut weg und steckte einen Bissen in den Mund, dann ging er hin und hob das Pferd vorne in die Höhe. Inger folgte diesem Auftritt mit Erstaunen, sie sah, daß das Pferd auf zwei Beinen stand. — Warum tust du das? fragte sie. — Es ist so zutraulich, sagte er von dem Pferd und ließ es wieder los. Warum hatte er das nur getan? Er hatte wohl eine mächtige Lust dazu verspürt. Vielleicht hatte er seine Verlegenheit dahinter verbergen wollen.

Dann brachen sie wieder auf, und alle drei gingen eine Strecke zu Fuß. Eine Ansiedlung kam in Sicht. Was ist das? fragte Inger. — Das ist Bredes Grundstück, er hat es gekauft. — Brede? — Und es heißt Breidablick! Es sind große Moore da, aber wenig Wald. — Als sie an Breidablick vorbei waren, sprachen sie weiter darüber, Isak aber hatte gesehen, daß Bredes Wagen unter freiem Himmel stand.

Doch jetzt wurde das Kind schläfrig, da nahm der Vater es fürsorglich auf den Arm und trug es. Sie wanderten weiter, Leopoldine war bald eingeschlafen, und Inger sagte: Nun legen wir sie in dem Fell auf den Wagen, dann kann sie schlafen, solange sie will. — Sie wird da so sehr gerüttelt, meinte der Vater und wollte sie lieber tragen. Sie kommen über das Moor und in den Wald hinein, und Ptro sagt Inger. Sie hält das Pferd an, nimmt Isak das Kind ab und sagt, er solle die Kiste und die Nähmaschine zusammenrücken, dann könne Leopoldine hinten im Wagen liegen. Da wird sie gar nicht geschüttelt und gerüttelt, was ist das für Unsinn! — Isak tut, wie sie sagt, hüllt seine kleine Tochter in das Fell und schiebt ihr seine Jacke unter den Kopf. Dann fahren sie weiter.

Der Mann und die Frau gehen zu Fuß und reden von Verschiedenem. Die Sonne scheint bis spät am Abend, und das Wetter ist warm. Oline — wo schläft sie für gewöhnlich? fragt Inger. — In der Kammer. — So, und die Buben? — Die liegen in ihrem eigenen Bett in der Stube. Es sind zwei Bettladen in der Stube, noch genau so wie damals, als du fortgegangen bist. — Ich betrachte dich immerfort, sagt Inger, du siehst genau so aus wie früher. Und allerlei Lasten haben deine Schultern durchs Ödland heraufgetragen, aber sie sind darum nicht schwächer geworden. — O nein. Aber was ich sagen wollte: ist es dir in allen den Jahren erträglich gegangen? — Oh, Isak war ganz bewegt, bei dieser Frage zitterte ihm die Stimme. Inger antwortete, ja, sie könne nicht klagen.

Es kam zu einer gefühlvollen Aussprache zwischen ihnen, und Isak fragte, ob sie nicht müde sei und lieber fahren wolle. — Nein, danke, antwortete Inger. Aber ich weiß nicht, was mit mir ist, seit sich die Seekrankheit ganz verzogen hat, bin ich immerfort hungrig. — Möchtest du noch etwas essen? — Ja, wenn ich uns nicht zu sehr aufhalte. O diese Inger, sie selbst war wohl nicht hungrig, aber sie gönnte Isak noch etwas, er hatte ja seine letzte Mahlzeit mit dem Heidekrautstengel unterbrochen.

Da der Abend warm und hell war und sie noch einen weiten Weg vor sich hatten, fingen sie wieder an zu essen.

Inger holte ein Paket aus ihrer Kiste heraus und sagte: Ich habe ein paar Sachen für die kleinen Buben. Komm, wir wollen zu dem Gebüsch hinübergehen, da ist es sonnig. — Sie setzten sich unter das Gebüsch, und Inger zeigte die Sachen für die Jungen: hübsche Hosenträger mit Schnallen daran, Schreibbücher mit Vorschriften darin, für jeden einen Bleistift, ein Taschenmesser für jeden. Für sich selbst hatte sie ein ausgezeichnetes Buch. Hier sieh, mein Name steht darauf, es ist ein Andachtsbuch. Sie hatte es von dem Direktor zur Erinnerung bekommen. Isak bewunderte alles mit leisen Worten. Sie zeigte auch eine Anzahl Kragen, die Leopoldine gehörten, und Isak gab sie ein schwarzes, wie Seide glänzendes Halstuch. — Soll ich das haben? fragte er. — Ja, das bekommst du. — Isak nahm es vorsichtig in die Hand und strich darüber hin. — Ist es nicht hübsch? — Ach, hübsch! Damit könnte ich in der ganzen Welt umherreisen! Aber seine Finger waren so rauh, daß sie an der merkwürdigen Seide überall hängen blieben.