Jetzt hatte Inger nichts mehr vorzuweisen, aber als sie wieder zusammenpackte, saß sie so, daß ihre Waden in den rotgestreiften Strümpfen zum Vorschein kamen. — Hm! Das sind wohl Stadtstrümpfe? fragte er. — Ja, es ist Garn aus der Stadt, aber ich habe sie selbst geknüpft — gestrickt, wie wir dort sagten. Es sind ganz lange Strümpfe, bis über die Knie, sieh her ... Kurz darauf hörte sie sich selbst flüstern: Du — du bist noch ganz derselbe — wie früher!

Eine Weile später fuhren sie weiter, Inger sitzt jetzt droben und lenkt das Pferd. Ich habe auch ein Paket Kaffee mitgebracht, sagt sie, aber heute abend kannst du ihn nicht mehr versuchen, denn er ist noch nicht gebrannt. — Du sollst dich auch nicht damit plagen, erwidert er.

Wieder nach einer Weile ist die Sonne untergegangen, und es wird kühl. Inger will absteigen und gehen. Sie decken Leopoldine dichter mit dem Fell zu und lächeln darüber, daß sie so lange schlafen kann. Dann unterhalten sich Mann und Frau wieder im Weitergehen. Es ist ein wahres Vergnügen, Inger jetzt sprechen zu hören, niemand hätte besser sprechen können, als Inger jetzt sprach.

Haben wir nicht vier Kühe? fragt sie. — O nein, wir haben jetzt mehr, antwortet er stolz, wir haben acht. — Acht Kühe! — Ja, wenn man den Stier mitrechnet. — Habt ihr Butter verkauft? — O ja, und Eier. — Haben wir denn auch Hühner? — Ja, das versteht sich. Und ein Schwein. — Inger muß sich über die Maßen verwundern, sie kann das Gehörte kaum fassen und hält einen Augenblick das Pferd an: Ptro! Und Isak ist stolz und legt es darauf an, sie ganz zu überwältigen. Der Geißler, sagt er, du weißt, der Geißler, der ist vor kurzem hier gewesen. — So? — Ja, und er hat uns einen Kupferberg abgekauft. — So, was ist denn das, ein Kupferberg? — Ein Berg aus Kupfer. Er liegt droben im Gebirge an der ganzen Nordseite des Sees. — So. Und das ist etwas, für das du eine Bezahlung bekommen hast? — Jawohl, der Geißler ist nicht der Mann, der nicht bezahlt. — Was hast du bekommen? — Hm. Du wirst es nicht glauben wollen, aber es sind zweihundert Taler. — Die hast du bekommen! ruft Inger und hält wieder einen Augenblick das Pferd an: Ptro! — Habe ich bekommen, jawohl. Und den Hof habe ich auch längst bezahlt. — Ach, du bist großartig!

Es war in Wahrheit ein Vergnügen, Inger in Verwunderung zu setzen und sie zu einer reichen Frau zu machen; deshalb fügte Isak noch hinzu, daß er auch weder beim Kaufmann noch bei sonst jemand Schulden stehen habe. Und er habe nicht allein Geißlers zweihundert Taler noch unberührt daliegen, sondern noch mehr, noch hundertsechzig Taler darüber. Sie hätten also allen Grund, Gott dankbar zu sein. Sie sprachen noch weiter von Geißler, und Inger konnte Aufklärung über das geben, was er für ihre Freilassung getan hatte. Es war doch nicht alles so glatt gegangen; er hatte lange damit zu tun gehabt und war sehr oft beim Direktor gewesen. Geißler hatte auch ein Schreiben an die Staatsräte selbst oder an einige andere von der Behörde geschickt, aber das hatte er hinter dem Rücken des Direktors getan, und als der Direktor das erfuhr, war er böse geworden und hatte sich gekränkt gefühlt, was ja auch nicht anders zu erwarten gewesen war. Aber Geißler hatte sich dadurch nicht einschüchtern lassen, er verlangte ein neues Verhör und ein neues Gerichtsverfahren und alles miteinander. Und da hatte der König unterschreiben müssen.

Der frühere Lensmann Geißler war für diese beiden Menschen immer ein guter Herr gewesen, und sie hatten sich oft besonnen, aus welchem Grunde er es wohl getan haben mochte, er hatte alles miteinander um den einfachen Dank getan, es war nicht zu begreifen. Inger hatte in Drontheim mit ihm gesprochen, war aber dadurch nicht klüger geworden. Alle andern in der Gemeinde sind ihm ganz einerlei, ausgenommen wir, erklärte Inger. — Hat er das gesagt? — Ja, er ist wütend auf die Gemeinde hier. Und er werde es ihr schon noch zeigen! sagte er. — So. — Und sie würden es schon noch bereuen, daß sie ihn verloren hätten, sagte er.

Jetzt kamen sie aus dem Wald heraus, und da lag Sellanraa vor ihnen. Es waren mehr Gebäude als früher, die Häuser waren hübsch angestrichen; Inger kannte sich nicht mehr aus und hielt jäh an: Du willst doch nicht sagen, daß das da — daß das da bei uns ist! rief sie aus.

Die kleine Leopoldine erwachte endlich und richtete sich auf. Sie war ganz ausgeruht, wurde heruntergehoben, durfte zu Fuß gehen! Gehen wir dorthin? fragte sie. — Ja, ist es nicht schön?

Drüben am Haus bewegten sich kleine Gestalten; das waren Eleseus und Sivert, die Ausguck hielten, nun kamen sie dahergelaufen. Inger schien plötzlich erkältet zu sein, sie hatte heftigen Husten und Schnupfen. Ja, die Erkältung zog ihr sogar in die Augen, sie standen voll Wasser. Man erkältet sich so leicht an Bord, ganz nasse Augen bekommt man vor lauter Schnupfen.

Aber als die kleinen Burschen näher herankamen, hielten sie mitten in ihrem Lauf inne und starrten nur noch. Wie ihre Mutter aussah, das hatten sie vergessen, und ihre kleine Schwester hatten sie ja noch nie gesehen. Aber der Vater — ihn erkannten sie erst wieder, als er ganz nahe herangekommen war. Er hatte sich seinen großen Bart abgeschnitten.