Übrigens hatten die Kinder alle Tiere des Hofes zur Unterhaltung, und Eleseus hatte außerdem noch seinen farbigen Bleistift. Er gebrauchte ihn sehr vorsichtig und lieh ihn dem Bruder nur höchst ungern; mit der Zeit waren indes alle Wände mit Zeichnungen bedeckt, und der Bleistift wurde bedenklich kleiner. Schließlich sah sich Eleseus gezwungen, Sivert auf Ration zu setzen und ihm den Bleistift nur noch am Sonntag zu einer Zeichnung zu leihen. Das war nun nicht nach Siverts eigenem Wunsch, aber Eleseus war nicht der Mann, der sich etwas abhandeln ließ. Nicht gerade, weil Eleseus der Stärkere gewesen wäre, aber er hatte längere Arme und konnte sich bei Streitigkeiten besser herauswinden.

Aber dieser Sivert! Ab und zu fand er ein Schneehuhnnest im Walde, einmal redete er von einem Mäusenest und machte sich groß damit, wieder einmal faselte er von einer Forelle im Fluß, die so groß sei wie ein Mensch; aber es war die reine Erfindung von ihm, er war nicht ganz frei davon, zu schwarz weiß zu sagen, aber sonst war er ein guter Kerl. Als die Katze Junge bekam, war er es, der ihr Milch brachte, weil sie Eleseus zu wütend anzischte, und Sivert wurde nicht müde, in die unruhige Kiste hineinzuschauen, diese Heimstätte, wo es von kleinen Pfoten wimmelte.

Und dann die Hühner, die er täglich beobachtete! Da war der große Hahn mit seinem Kamm und seiner Federnpracht, die Hühner, die umherliefen und gackerten und Sand aufpickten und nach dem Eierlegen plötzlich ungeheuer verletzt zu schreien anfingen. Da war auch der große Widder. Der kleine Sivert war jetzt im Vergleich zu früher sehr belesen, konnte aber doch nicht von dem Widder sagen: Gott, welch eine römische Nase er hat! Nein, das konnte er nicht. Aber Sivert konnte das, was besser war: er kannte den Widder von klein auf, wo er noch ein kleines Lamm gewesen war; er liebte ihn und war eins mit ihm, wie mit einem Verwandten, einem Mitgeschöpf. Einmal war ein geheimnisvoller Ureindruck durch seine Sinne geflattert, und das war ein Augenblick, den Sivert nie mehr vergaß. Der Widder war draußen auf der Wiese und weidete, plötzlich warf er den Kopf zurück und fraß nicht mehr, blieb nur stehen und starrte geradeaus. Sivert sah unwillkürlich in dieselbe Richtung. — Nein, nichts Merkwürdiges! Aber da fühlte Sivert etwas Merkwürdiges in seinem Innern. Es ist fast, als sehe er in den Garten Eden hinein! dachte Sivert.

Von den Kühen hatten die Kinder auch jeder zwei für sich, große, schwer schreitende Tiere, gutmütige, freundliche Tiere, die sich von den kleinen Menschenkindern jeden Augenblick einholen und streicheln ließen. Dann war da das Schwein, weiß und peinlich sauber mit seiner Person, wenn es gut gehalten wurde, das auf jeden Ton horchte, ein Komiker, gierig auf sein Futter aus, dabei kitzlig und scheu wie ein junges Mädchen. Und dann der Bock — es war immer ein alter Ziegenbock auf Sellanraa; wenn der eine das Leben lassen mußte, rückte ein anderer an seine Stelle. Aber etwas so Bockmäßiges im Gesicht wie ein Bock! Gerade in diesen Tagen hatte er auf sehr viele Geißen aufzupassen; bisweilen jedoch wurde er seiner ganzen Gesellschaft überdrüssig und legte sich, grüblerisch und langbärtig wie er war, auf den Boden, ein Vater Abraham! Und dann plötzlich richtete er sich wieder auf die Knie auf und trottete den Geißen nach. Wo er ging, hinterließ er eine Wolke von scharfem Geruch.

Das tägliche Leben auf dem Hofe geht weiter. Wenn ein seltenes Mal ein Wanderer, der über das Gebirge will, vorbeikommt und fragt: Und euch geht es wohl gut?, da antwortet Isak und antwortet Inger: Ja, danke für die Nachfrage!

Isak schafft und schafft, und für jede einzelne Arbeit zieht er den Kalender zu Rat, er gibt auf den Mondwechsel acht und richtet sich nach den Wetterzeichen, schafft, schafft.

Nun hat er ja durch das Ödland einen einigermaßen ordentlichen Weg hergestellt, so daß er mit Wagen und Pferd bis ins Dorf hinunterfahren kann, aber meist geht er lieber schwerbeladen zu Fuß, und da trägt er dann Ziegenkäse oder Felle oder Birkenrinde, Butter und Eier, lauter Waren, die er verkauft, und für die er andere Waren einholt. Nein, im Sommer fährt er nicht oft, weil der Weg von Breidablick bis vollends hinunter sehr schlecht ist. Er hat Brede Olsen aufgefordert, beim Herstellen des Weges mit Hand anzulegen, und Brede hat es wohl auch versprochen, aber nie Wort gehalten. Nun will Isak ihn nicht noch einmal darum bitten. Lieber trägt er schwere Lasten auf seinem Rücken. Inger sagt dann: Ich verstehe gar nicht, wie du das kannst! Du hältst alles aus! Ja, er hielt alles aus. Er hatte Stiefel, die waren so abenteuerlich dick und schwer, unter den Sohlen ganz mit Eisen beschlagen, sogar die Schnürriemen waren mit Nietnägeln angeheftet — schon das, daß ein Mann in solchen Stiefeln gehen konnte, war etwas Merkwürdiges!

Als er nun wieder einmal ins Dorf hinuntergeht, trifft er an mehreren Stellen kleine Gruppen von Arbeitern. Sie mauern steinerne Grundpfeiler ein und stellen Telegraphenstangen auf. Die Leute sind teilweise aus der Gemeinde, Brede Olsen ist auch dabei, obgleich er sich hier niedergelassen hat, um Ackerbau zu treiben. Daß er Zeit übrig hat! denkt Isak.

Der Aufseher fragt Isak, ob er Telegraphenstangen verkaufen wolle. — Nein. — Auch nicht gegen gute Bezahlung? — Nein. — Oh, Isak ging es jetzt rascher von der Hand, er konnte nun schneller antworten. Wenn er jetzt Stangen verkaufte, bekam er nur etwas mehr Geld, einige Taler mehr, aber er hatte keinen Wald mehr, was für ein Vorteil war dann dabei? Nun kommt der Ingenieur selbst herbei und wiederholt sein Verlangen; aber Isak schlägt es auch ihm ab. — Wir haben Stangen genug, sagte der Ingenieur, aber es wäre uns nur bequemer, sie in deinem Walde zu holen und die lange Herbeischaffung zu sparen. — Ich habe selbst zuwenig Stangen und Stämme, erwiderte Isak; ich wollte mir übrigens ein kleines Sägewerk einrichten, denn ich habe keine Scheune und keine Wirtschaftsgebäude.

Jetzt mischt Brede Olsen sich darein und sagt: Wenn ich du wäre, würde ich die Stangen verkaufen, Isak. — Da blitzten die Augen des geduldigen Isak Brede wahrhaftig scharf an, und er erwiderte: Ja, das glaube ich schon. — Wieso? fragte Brede. — Aber ich bin eben nicht du, sagte Isak.