Ich antwortete: »Nein, — ich bin seine Witwe.«

Und ich trieb mich bis heute morgen auf der Straße herum. Und jetzt habe ich es nochmals gelesen. Wladimierz F. hieß er.

[Der Sohn der Sonne]

Über Nacht war der Schnee gekommen. Ein dichter, weißer Mantel lag über der Erde.

Er war mit der frohen Erinnerung erwacht, daß er gestern einen Brief erhalten hatte, eine überraschende, erlösende Nachricht, er fühlte sich jung und glücklich, und er fing an, ein wenig zu singen. Da geschah es, daß er ans Fenster trat, den Vorhang zurückzog und den Schnee sah. Sein Gesang verstummte plötzlich, ein trostloses Gefühl zog in seine Seele ein, und seine armen, schräg abfallenden Schultern zuckten.

Mit dem Winter kam eine böse Zeit für ihn, eine Qual wie keine andere, und die kein anderer verstand. Allein der Anblick des Schnees raunte ihm Tod, raunte ihm Vernichtung ins Ohr. Die langen Abende kamen mit ihrer Finsternis und ihrem dummen, sinnlosen Schweigen, er konnte nicht in seinem Atelier arbeiten, seine Seele fiel in Winterschlaf und blieb stumm. Während eines Sommers hatte er in einem kleinen Städtchen ein helles und großes Zimmer bewohnt, in dem die untersten Fensterscheiben geweißt waren. Dieser Anstrich von Kalk an den Fensterscheiben erinnerte ihn an Eis, und er konnte bei ihrem Anblick nicht Herr seiner Qual werden. Er wollte sich zwingen, er hielt sich mehrere Monate lang in dem Zimmer auf und sagte täglich zu sich selber, daß auch das Eis seine Schönheit für viele habe, daß Winter und Sommer beide Äußerungen derselben ewigen Idee seien und Gott angehörten, — aber es half alles nichts, seine Arbeit konnte er nicht anrühren, und die tägliche Qual zehrte an ihm. — — Späterhin im Leben wohnte er in Paris. Wenn die Stadt ihre frohen Feste feierte, pflegte er auf die Boulevards hinauszugehen und das Spiel zu beobachten. Es konnte mitten im warmen Sommer sein, die Abende waren schwül, und über der Stadt schwebte der Blumenduft aus den großen Parks; die Straßen schimmerten im Schein des elektrischen Lichts, lächelnde und jubelnde Menschen wogten auf und nieder, riefen, sangen, warfen Confetti; alles war eitel Freude. Er konnte mit dem redlichen Vorsatz ausgehen, sich unter die Menge zu mischen und mit zu jubeln; aber schon nach einer halben Stunde hatte er eine Droschke genommen und war wieder heimgekehrt. Weshalb? Eine Erinnerung hatte aus der Ferne zu ihm geredet; in dem elektrischen Licht wirbelte die große Menge Confetti wie Schnee vor seinen Augen, und sein Vergnügen nahm ein jähes Ende.

Dies hatte sich Jahr für Jahr wiederholt.

Wo lag die Heimat seiner Seele? Vielleicht in einem Sonnenland, am Ufer des Ganges, wo die Lotosblume nimmer welkt! — —

Über Nacht war der Schnee gekommen. Er dachte daran, wie die Vögel im Walde frieren mußten, und wie hart die Wurzeln der Veilchen in der Erde litten, ehe sie abstarben. Und wovon sollte der Hase heute leben!

Er konnte nicht mehr ausgehen. Mehrere Monate lang würde er jetzt das Zimmer kaum verlassen, sondern nur zwischen seinen vier Wänden auf und nieder gehen und auf dem Stuhl sitzen und denken. Niemand verstand, wie er unter dieser Gefangenschaft litt. Er war jung genug, um am Leben teilzunehmen, es fehlte ihm auch nicht an Kräften dazu; aber durch eine Laune des Frostes, durch eine zufällige Witterungsveränderung sah er sich plötzlich darauf beschränkt, in seinem Zimmer zu sitzen und zu denken.