Seine Vorstellungen wechselten in auffallend kurzer Zeit. Im allgemeinen war es ihm eine Qual, Briefe zu beantworten, jetzt eilte er an seinen Arbeitstisch und schrieb eine Menge Briefe an alle möglichen Menschen, ja, sogar an fremde, denen er keine Antwort schuldig war, und er hatte dabei ein dunkles Gefühl, daß das Ende, die Vernichtung im Anmarsch wären, und daß er durch diese vielen Briefe nach Süden und nach Norden eine Zeitlang noch die Verbindung mit dem Leben aufrecht erhalten könne. Auch in anderer Hinsicht gingen Veränderungen mit ihm vor; sein Gemütsleben war gestört, er weinte oft still für sich, und sein Schlaf in der Nacht war nur ein Schlummer, den seltsame Träume beunruhigten.
Dieser Mann, der im Sommer den fröhlichsten Sinn hatte, konnte an kalten, dunklen Wintertagen von einer furchtbaren Niedergeschlagenheit überwältigt werden. Alle seine Übergänge waren jäh, heftig wie ein Unwetter, hin und wieder fiel er vor seinem jüngsten Kinde auf die Kniee und flehte unter heißen Thränen für dasselbe zu Gott. Sein Wunsch war, daß der Knabe niemals eine öffentliche Persönlichkeit werden möge, wie er selber. Bei allen öffentlichen Persönlichkeiten wurden die Quellen der Seele getrübt, sie wurden dadurch verdorben, daß man sie öffentlich besprach, daß das Publikum sie auf der Straße beachtete, und daß sie die Bemerkungen hörten, die Vorübergehende über sie machten. Wie wurde nicht ihr Blick, ihr Gang, ihre Haltung durch diese ewige Ausstellung verfälscht! Der Knabe sollte die Erde besäen und den Ertrag der Erde ernten. Es sollte ihm auch erspart bleiben, jemals fremde Erde zu betreten. Wie suchte man im fremden Lande vergebens mit seinen Wurzeln nach einem günstigen Boden, nach einem Heim! Man verstand nicht alle die Worte, die gesprochen wurden, nicht die Blicke, nicht das Lächeln. Der Himmel war ein anderer, die Sterne standen in umgekehrter Richtung und waren nicht wieder zu erkennen. Betrachtete man die Blumen, so hatten diese oft eine fremde Nuance; oft waren es auch nicht dieselben Vögel. Und auf den Stangen wehten nicht dieselben Flaggen.
Er selber fühlte instinktiv, daß er aus seinem Naturzusammenhang herausgerissen war, er hatte vielleicht einmal in einer fernen Vergangenheit einer fremden Welt in weiter Ferne angehört, — so sollte denn der Sohn auf demselben Fleckchen Erde, das er während seines Daseins hier auf Erden bestellt und dessen Ertrag er geerntet hatte, leben und sterben.
-30° Celsius.
Er merkt mit Entsetzen, daß die Kälte zunimmt, und daß alles Leben auf dem Felde erstirbt. Sein Fenster liegt nach dem Walde hinaus, und nach dem breiten Wege, auf dem sich die Menschen von und zu der Stadt bewegen. Kein Blatt zittert mehr, die Tannennadeln sind wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bäumen. Eine arme, kleine Meise hat noch Kräfte genug, um die Flügel zu bewegen; da, wo sie geflogen ist, sieht man in der Luft einen dünnen Dampfstreif. Die Natur hat keinen Atemzug, sie ist ganz still und kalt, kein Wind bewegt die Luft, alles ist steif und weiß wie Talg.
Da ertönt Schellengeklingel unten auf dem Wege, ein Schlitten zieht vorüber, in dem Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame. Über dem Pferd und den beiden Menschen lagert während der ganzen Zeit eine weiße Wolke, die sich fortwährend erneuert. Dieser Herr und diese Dame haben wohl niemals in ihrem Leben eine Weintraube wachsen sehen, vielleicht haben sie auch noch niemals eine gekostet. In ihren Mienen gewahrt man keine Unzufriedenheit mit dem Wetter, sie fahren dahin, um ihr kleines Anliegen in der Stadt zu erledigen, und sie rufen von Zeit zu Zeit dem Pferde zu, wenn sie meinen, daß es sich in dem wunderlichen Talg zu langsam bewegt. Ein Mensch aus dem Sonnenlande würde sich über diesen Aufzug totlachen. Ihre Augen sehen ganz offen und ohne Verwunderung dies entsetzliche, kalte Rätsel an, das sie an allen Seiten umgiebt, und sie opfern ihm keinen Gedanken, weil sie selber Kinder des Schnees und im Schnee aufgewachsen sind.
Er sieht seine kleine Tochter draußen auf dem Hof vor den Fenstern spielen. Sie ist von oben bis unten in dicke, wollene Kleider gehüllt, nur unter den langen Strümpfen aus Ziegenhaaren liegen lederne Sohlen. Ihre Schritte knirschen schmerzlich im Schnee, wenn sie den Schlitten zieht. Bei diesem Anblick fangen seine Schultern an zu zucken, er schließt die Augen, als wäre er ermattet, seine wunderliche Qual treibt ihm den kalten Schweiß auf die Stirn.
Das Kind ruft zu ihm herauf, es wendet sein rotwangiges Antlitz unbefangen nach oben und klagt, daß der Strick an seinem Schlitten zerrissen ist. Er geht sogleich hinunter und knüpft den Strick wieder zusammen, und er hat keinen Hut auf und keine dicken Kleider an. »Friert dich nicht?« fragt das Kind. Ihn fror nicht, seine Hände waren warm, nur einen stechenden Schmerz verursachte die eisgesättigte Luft in seiner Kehle. Aber ihn fror nie.
Er bemerkt, daß die große, alte Birke vor der Hausthür ihr Aussehen verändert hat, ihr Stamm ist gerissen. Das hat die Kälte gethan! denkt er mit zitternder Seele.
In der Nacht schlug die Witterung um. Er saß aufrecht im Bett und wartete auf das milde Wetter, obwohl er wußte, daß der Winter wieder von neuem anfangen und noch eine ganze Zeit währen würde. Es war, als wenn eine Hoffnung in ihm entzündet werde.