Die Kälte nahm beständig ab, es fing schließlich an, von den Dächern zu tropfen, und draußen im Weltenraum brauste es wie von gewaltigem Wellenschlag. Er ging mit größeren und größeren Hoffnungen im Herzen einher, dies Brausen in der Luft durchströmte ihn wie Musik, es konnte der Frühling sein, der seine goldenen Trommeln rührte.
Eines Nachts hörte er ein klatschendes Geräusch gegen sein Fenster, er richtete sich auf und lauschte, es war der Regen! Eine wunderliche Freude durchrieselte ihn, er warf die Kleider über, eilte in sein Atelier und zündete alle Lampen an. Sein Heimweh nach dem Sommer schlug in hellen Flammen empor, alle seine gebundenen Kräfte lösten sich, und er stürzte sich noch in derselben Nacht über seine Arbeit. Gesichte und Stimmen aus warmen Gegenden strömten aus weiter Ferne her auf ihn ein und erfüllten ihn; da war eine Landschaft, die in einer seltsamen und schönen Klarheit der Vision vor seinen Augen lag, ein Märchenthal, und mitten in dem Thal stand Der Mensch, die junge Herrlichkeit, die zum erstenmal den Blick über die Erde schweifen läßt.
Ein Gott, ein Sieger, der am Morgen des Lebens erblüht ist und sich selber in einer verzauberten Gegend stehen findet. Die Vegetation ist üppig, da sind überall Palmen und tropische Gewächse, Schlingpflanzen mit großen, roten Blüten, die wie Fleisch aussehen und zu atmen scheinen, Indigobäume, Reis- und Weinfelder. Unten im Thal weiden Tiere, der Mensch hat sie in seiner Nähe und hört, wie sie fressen; oben auf einem Felsen sitzt eine Schar zwitschernder Vögel, ihre Federn sind steif wie Schwerter, und ihre Augen gleichen kleinen, grünen Flammen. Ganz im Hintergrunde liegt wieder eine Palmenlandschaft, die sich in der Ferne verliert.
Über dieser Landschaft taucht gerade der erste feine Rand der Morgensonne aus dem Weltall auf und beleuchtet den Menschen vom Scheitel bis zur Sohle. — —
Er arbeitet, bis der Morgen graut. Dann schläft er eine Stunde und beginnt von neuem. Nichts könnte ihn zurückhalten, eine ungewöhnliche Kraft hält ihn aufrecht, reißt ihn fort. Während fünf aufeinander folgender Regentage macht er den Entwurf zu dem Bilde: Der Sohn der Sonne. —
Ein kleiner, brünetter und ganz unansehnlicher Mann, ohne Bart und mit kahler, kalter Stirn. Er sitzt dort schweigend auf dem Stuhl und läßt die andern reden. Er hustet von Zeit zu Zeit und fährt verlegen mit der Hand nach dem Munde. Richtet man ein Wort an ihn, so zuckt er nervös zusammen und starrt den Sprecher eine Weile an, ehe er antwortet. Dort, wo er sich hinsetzt, bleibt er den ganzen Abend sitzen, sein Benehmen ist so unbeholfen, und sein ganzes Wesen so wenig hervortretend, daß sich niemand etwas daraus macht, sich mit ihm zu beschäftigen. Er sieht so aus, als sei er durch ein reines Versehen in diese Gesellschaft bekannter Männer geraten.
Einige Wochen später stellt derselbe Mann ein Bild aus. Und von demselben Tage an kennen ihn alle. — —
Ich habe diese Geschichte von einem Maler erfunden. Vielleicht mag er hier im Norden in den furchtbaren Wintern leben, und vielleicht mag er ein solches Bild gemalt haben, das Der Sohn der Sonne heißt.