Gegen Abend saß ich wieder draußen auf dem Balkon und beobachtete den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem Buch. Plötzlich sah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, daß der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater habe ihm recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts sagen lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben. Ob man sich einbilde, daß er diesem Komplott von Räubern alles in allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde überlassen wolle? Dann irre man sich sehr. Er wolle übrigens nicht allein spielen, um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten nur wissen, daß er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch arm zu werden.
»Und das ist wahr,« sagte der Russe, — »er ist schon ein so eingefleischter Spieler, daß es ihm nicht in erster Linie um seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz, die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.«
»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?«
»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt. »Richte dich wieder auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!«
Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen, und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen Sünder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er längst verlustig war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck würde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller Beisein verpfändet. Er, Pavo, habe seine Würde aufrecht erhalten, er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe unberührt da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich habe Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht.
»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe mir selber gelobt, dir die Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun. Leb wohl, Pavo!«
Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er war direkt von dem Vater in die Spielhölle gegangen.
»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich die Absicht des Vaters ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?« fragte ich den Russen.
Er schüttelte den Kopf.
»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Außerdem ist der Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.«