Sie hatten es immer mit dem „Ich“ zu tun. Sie sahen immer nur die Persönlichkeit, sie sind in Wahrheit Persönlichkeitsfanatiker gewesen, die letzten fernen Nachgeborenen der Renaissance.

Personen waren ihre Feinde. Personen sahen sie auf Rußlands Thron, in Rußlands Ämtern, auf Personen warfen sie die Bomben, Personen lauerten sie wochen-, oft monatelang auf – ach Wilhelm Tell – dieser Urtyp eines Sozialrevolutionärs, hatte es leicht hinter seinem Holunderstrauch.

Man kann hier schon fast von einer Systematik des politischen Mordes sprechen. Savinkow hat eine ganze Schule ausgebildet. Junge Menschen liefen zu Tschernow wie zu einem Heiligen, um sich von ihm theoretisch über die Berechtigung des individuellen Terrors unterweisen zu lassen.

Und so fruchtlos im Grunde alle diese Attentate gewesen sind, auf die große Masse hat diese Sekte von Frauen und Männern, die mit dem Tode vertrauter schienen als gewöhnlich, eine faszinierende Wirkung ausgeübt. Ein dunkel strahlender Schimmer von Romantik umgab diese Helden; er war stärker als das Dämmerlicht der engen Gelehrtenstube Lenins.

Aber die Geschichte hat es weniger mit Personen als mit Verhältnissen zu tun. Und auch der Tod ist nur eine individuelle Angelegenheit. Der vornehmste Unterschied zwischen den S.R. und den Bolschewiki ruht gerade in dieser verschiedenen Auffassung von Personen und Verhältnissen.

Als der Zar und die ganze alte Autokratie im Frühjahr 1917 gestürzt wurde, war es natürlich, daß die Bauern und auch zahlreiche Arbeiter in ungeheuren Scharen zur S.R. übergingen. Die S.R. wurden zur eigenen Überraschung eine Massenpartei, ihnen vertraute die unterdrückte Bauernschaft, für die nicht nur erst der Krieg grausame Folgen gehabt hatte – sie wollten ihr Land haben, sie wollten der Lasten ledig sein, mit denen sie der Grundbesitz beschwert hatte, sie wollten vor allem das Ende des aussichtslosen Krieges, der ihnen ihre Söhne raubte. Die „Provisorische Regierung“ Kerenskis setzte sich aus Vertretern der Großindustrie, des Großgrundbesitzes und der Kleinbürger zusammen. Sie war fest entschlossen, den Krieg an der Seite der Entente weiterzuführen, sie unterstrich jetzt den Charakter des Befreiungskrieges gegen den deutschen Imperialismus, aber sie gab bereits viele Forderungen des Zarismus preis: die Kuppel der Hagia Sophia entschwand in unsichtbare Fernen. Die Entente aber hat einen eisernen Druck auf die „Provisorische Regierung“ ausgeübt, weil sie die russische Hilfe gegen die Mittelmächte nicht zu entbehren glaubte, weil ihr das Geld leid tat, das sie für die Ausrüstung des russischen Heeres hergegeben hatte. Man brauchte Rußland. Und trieb es bis an den äußersten Abgrund. Die fremden Botschafter und Militärmissionen ließen alle ihre Künste spielen, die II. Internationale entsandte ihre Vertreter, um Kerenski an der Stange zu halten. Dabei mußte der russische Generalstabschef Gurko erklären, im Laufe des Jahres 1917 bedürfe das russische Heer unbedingt der Ruhe. Den fremden Botschaftern blieb die Lage weder in den Städten noch auf dem Lande verborgen. Die Bewegung gegen den Krieg wurde immer stärker. Die Julioffensive an der deutschen Front brach nach Teilerfolgen zusammen, noch wurde ein Aufstandsversuch der Bolschewiki mühsam abgewehrt, inzwischen wechselten die Minister; die Front geriet in Zersetzung, die Deutschen machten erfolgreiche Vorstöße, die Offensive der Alliierten im Westen kam trotz ungeheurer Opfer nicht vom Fleck. In den Städten wuchs die Not. Die Bauern sahen bald, daß der Sturz des Zarismus an ihrer Lage nichts geändert hatte; die S.R. Minister gaben eitle Versprechungen und waren völlig ohnmächtig, setzten nichts in ihren Ressorts durch; überall herrschte Sabotage und offene Brüskierung. Tschernow ging. Und Kerenski redete.

Eine Weile schien sogar eine Militärdiktatur zu drohen, der General Kornilow marschierte gegen Petrograd, um „Ordnung“ zu schaffen – Kerenski schien mit ihm zu verhandeln, ja sogar mit ihm im Einvernehmen zu stehen – die Arbeiter von Petrograd haben Kornilow davongejagt. Und dann brach plötzlich das ganze Gebäude kläglich zusammen, als die Partei der Bolschewiki geschlossen und entschlossen vorstieß, den alten Staatsapparat völlig zertrümmerte, den Bauern das Land gab, der Armee den Frieden, den Arbeitern die ökonomische Freiheit und die Herrschaft.

Die Bolschewiki schufen die Einheit Rußlands. Arbeiter, Soldaten, Bauern – die werktätigen Schichten wurden zusammengeschlossen. Die Bolschewiki vermochten ihren sämtlichen Forderungen zu genügen.

Gegen sie standen die Fremden – die Fremden aller Art: die Klasse der Großindustriellen und Großgrundbesitzer, die ohne Privilegien nicht mehr zu leben vermochten, die fremden Botschafter und Militärmissionen, die Parteiführer, die seit dem März 1917 Rußland regiert und Rußland nicht verstanden hatten; nun war ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen, sie verloren nicht nur alle materiellen Grundlagen, sie verloren vor allem auch die Bindung mit der Gesamtheit der Nation, sie waren nicht mehr Rußland. Sie waren Außenseiter einer Gesellschaft geworden, die nach neuen ökonomischen Gesetzen ihr Dasein zu formen bestrebt war.

Mitten in das Chaos des Krieges verkündeten die Bolschewiki ihre Kriegslosung gegen das Kapital. Sie verließen die Schützengräben der Nation und warfen die Schützengräben zwischen den Klassen auf. Die S.R. aber zögerten nicht einen Augenblick und harrten in den Schützengräben der Nation aus, obschon einer der ihren – Tschernow – Teilnehmer der Zimmerwalder Konferenz gewesen war.