In den Verhandlungen gaben die Angeklagten zu, den Kampf mit allen Mitteln gegen die Bolschewiki geführt zu haben, und unumwunden rief Timofejew aus: „Wir werden nie aufhören, euch zu bekämpfen, wir stehen zu unseren Taten.“
So erweiterte sich das Tribunal über den Gerichtshof hinaus, so vollendete sich in diesem Saale das Schicksal der russischen Revolution. Der Prozeß war der dramatisch bewegte Schlußakt des Bürgerkrieges in Rußland. Über zwei Monate zogen sich die Redeschlachten hin, die Angeklagten genossen vollste Redefreiheit, manche ergingen sich in stundenlangen Ausführungen, nie wurde einem Redner das Wort entzogen, zuweilen kam es zu Beifallsäußerungen im Saale, die der Vorsitzende ruhig aber bestimmt rügte. Die gewandtesten Sprecher Rußlands lieferten sich Gefechte. Nie wurden Ankläger oder Vorsitzende im Ton kleinlich und gehässig; nirgends hat man in einem bürgerlichen Staate erlebt, daß Angeklagte so menschlich, so unpersönlich behandelt wurden. Die S.R. haben diesen Prozeß selbst verlangt, sie fürchteten sich nicht vor dem Ende an der Mauer; als die ausländischen Verteidiger ihnen im Gefängnis eröffneten, daß man Garantien besitze, die Todesstrafe würde nicht verhängt werden, lächelten sie – darauf komme es nicht an, viel mehr liege ihnen daran, sprechen zu dürfen. Da ihre Partei zerschlagen, ihre Presse verboten war, bot sich jetzt die einzige Möglichkeit, noch einmal für die alten demokratischen Ideen, für das Ideal der Volksgemeinschaft zu werben – in aller Öffentlichkeit.
Die Bolschewiki haben diesen Prozeß in aller Öffentlichkeit geführt vor dem Angesicht Europas, um die S.R. in ihrer Stellung zur arbeitenden Klasse zu entlarven. Sie luden den greisen Anatole France nach Moskau ein, sie brauchten seine Skepsis nicht zu scheuen. Anatole France ist nicht gekommen.
Damals begannen die Wellen der Revolution zu verebben, der Faszismus blühte in Deutschland, die Möglichkeit der Weltrevolution rückte in die Ferne, die Wirtschaftspolitik Rußlands mußte jene neue Richtung erfahren, die unter dem Namen NEP bekannt geworden ist. Der Staat war bemüht, unter allen Umständen den Wirtschaftsapparat fest in der Hand zu behalten, der Privatwirtschaft und dem Auslandskapital nur die notwendigsten Zugeständnisse zu machen. So kam es darauf an, diesen Unterschied zwischen dem Staatssozialismus der Bolschewiki und dem Wirtschaftsanarchismus der S.R. zu unterstreichen. Und jede Anklage gegen die S.R. bedeutete zugleich eine Verteidigung des eigenen Systems. Hatten die S.R. mit ihren Methoden die Arbeiter und Bauern zugunsten der Besitzenden preisgegeben, so versuchten die Bolschewiki alle Konzessionen nur im Interesse der Arbeiter und Bauern zu machen. Zentralisation hier, und Dezentralisation dort. Den Arbeitern der Welt sollte gezeigt werden, wie sich die S.R. so völlig im Gegensatz zu den Bolschewiki den imperialistischen Mächten angeboten hatten. Die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Bourgeoisie und Proletariat sollten aufgezeigt werden, und überall bemühte man sich, den Charakter der S.R. zu enthüllen, die einen Volksstaat, aber keinen proletarischen Staat zu errichten gedachten. Der Prozeß war eine in der Weltgeschichte unerhörte Demonstration aggressiven Charakters gegen die Parteien der Erde, die versuchten, Gegensätze zu überbrücken, statt zu verschärfen. Der Beweis sollte erbracht werden, daß die S.R. Außenseiter der neuen Gesellschaftsordnung waren. Und so läßt sich bei der Eröffnung internationaler Perspektiven das Erscheinen deutscher und belgischer Advokaten vor dem Tribunal erklären: Vandervelde, Liebknecht, Wauters, Rosenfeld. Man empfing sie höhnisch beim Betreten des sowjetrussischen Gebietes, Moskauer Arbeiter pfiffen sie bei ihrer Ankunft aus, und im großen Demonstrationszug sah man die Karikaturen dieser Männer, die als Politiker aus einer verlorenen Sache eine Sache der Märtyrer zu machen gedachten und davonliefen, als man ihnen nicht zugestehen wollte, daß ihre Stenogramme offiziellen Charakter trügen. Vandervelde offenbarte sein völliges Mißverständnis für die proletarische Struktur des russischen Staates, als er die belgische Justiz rühmte – höhnisch rief man ihm, dem „Proletarierführer“, zu: Minister Seiner Majestät. War er nicht noch im Kriege sogar als Beauftragter dieses Königs erschienen, um dem Zaren seine Reverenz zu machen und auf russische Arbeiterführer im Sinne des „Durchhaltens“ einzuwirken? Der Name „Liebknecht“ hatte unter den russischen Arbeitern besonderen Klang, in jeder Stadt geht man heute durch eine „Karl-Liebknecht-Straße“ – nun erschien der Bruder des ermordeten Karl, um Männer zu verteidigen, die angeklagt waren, auf Lenin, Trotzki, Sinowjew Attentate geplant, Wolodarski ermordet zu haben! Die Masse des russischen Proletariats war in ihrem tiefsten Innern aufgewühlt – sie fühlte sich selbst zum Richter über Männer berufen, die ihre eigensten Interessen gefährdet hatten. So waren Angeklagten- und Verteidigerbänke nicht mehr zu trennen, Verteidiger wurden zu Angeklagten. Sie konnten nicht anders entrinnen als durch Einsprüche gegen formale Verletzungen, endlich durch die Flucht.
Die erste Gruppe der Angeklagten hat in diesen Monaten kein eigentliches Geständnis gemacht; ihre Taktik lief stets darauf hinaus, durch den Angriff die Anklagen zu parieren, dabei verwickelten sie sich ständig in Widersprüche; ihre Lage war um so gefährdeter, da die Werkzeuge der Methoden ihrer Politik sich gegen sie wandten. Sie gaben zu, den Junkeraufstand organisiert und Truppen in Marsch von Gatschina gegen Petrograd gesetzt zu haben, sie konnten nicht leugnen, mit den Militärmissionen in Verbindung gestanden zu haben, sie vermochten natürlich nicht ihre Teilnahme an der Konstituante von Samara zu bestreiten. Ihre ganze Haltung gegen die Sowjets versuchten sie ja gerade durch ihr Festhalten an der Konstituante, an den parlamentarischen Regierungsformen zu erklären; damit wurde das ganze Problem „Demokratie“ und „Diktatur“ aufgeworfen; alle ihre Schritte begründeten sie mit diesem Kampf für die Konstituante, jenes Parlament, das nur einen einzigen Tag zusammentreten durfte, in dem die S.R. die Mehrheit hatten, deren Präsident Tschernow gewesen war. Die Wahlen zur Konstituante waren monatelang verzögert worden; die „Provisorische Regierung“ ist eigentlich nur eine Art Direktorium gewesen; niemand wünschte den Zusammentritt des Parlamentes, das die Schwierigkeiten nur noch erhöhen konnte. Erst als die Sowjets die Macht an sich gerissen hatten, versuchten die S.R. ihre Konstituante auszuspielen, zu ihrem Schutz bewaffnete Demonstrationen zu veranstalten. Aber Zeugen, Mitglieder der S.R., bekundeten, daß sich niemand fand, der für die Konstituante sein Leben eingesetzt hatte, die militärischen Organisationen versagten völlig – und in der späten Abendstunde des 5. Januar 1918 genügte die Aufforderung eines einzigen Mannes, eines Matrosen: die Konstituante wurde aufgelöst – „Alle Macht den Räten“ – den unmittelbar aus den Betrieben hervorgegangenen Deputierten.
Der II. Rätekongreß hatte bereits drei Tage nach der Machtergreifung durch die bolschewistische Partei die neue Regierung bestätigt; man war sich des rein proletarischen Charakters dieser Regierung bewußt, vor allem aber ihrer radikalen Einstellung gegen die Bourgeoisie in allen ihren Schattierungen. Die S.R.P. befand sich in völliger Auflösung und Verwirrung; ihre Führer versuchten sich sofort einiger Regimenter zu versichern; aber Gotz wurde ausgelacht, Tschernow hatte den Kopf verloren, Kerenski zog sich um und verschwand bei Nacht und Nebel. In dieser verzweifelten Lage knüpfte Gotz sofort Verbindungen mit bürgerlichen Organisationen an, aber vergebens brachte man bewaffnete Organisationen zusammen, – es existierten nur noch Stäbe ohne Soldaten. In Petrograd schlugen sich die Junker tapfer zwei Tage lang – Gotz leugnet nicht, als Mitglied eines Militärstabes gemeinsam mit bürgerlichen Elementen diese Revolte der jungen Bourgeoisie organisiert zu haben. Er muß zugeben, daß auf der Seite der Junker keine Arbeiter gekämpft haben; für das Tribunal war diese Gemeinschaft der Führer der S.R. mit Vertretern der Bourgeoisie von entscheidender Bedeutung. Und mit derselben Genugtuung wurde festgestellt, daß sich an den Umzügen für die Konstituante in der Mehrheit Damen und Herren, aber fast keine Arbeiter beteiligt hatten.
Damals saßen noch in Rußland die Botschafter und Militärmissionen der Entente, denen über Nacht die Aufgabe erwuchs, die Interessen jener Kapitalisten wahrzunehmen, die große Kapitalien in der russischen Industrie angelegt hatten. Der Sturz der Kerenskiregierung hatte die Entente eines Bundesgenossen beraubt, der zwar nicht mehr imstande schien, der deutschen Front einen entscheidenden Schlag zu versetzen, aber mindestens zahlreiche Kräfte zu fesseln vermochte, die eine Offensive der Deutschen im Westen unmöglich machten. Die Botschafter hatten bereits längst den Zusammenbruch Rußlands vorausgesehen; die Entente war ferner unzweifelhaft nicht imstande, Rußland mit Kriegsmaterial so ausreichend zu versorgen, um weiter als ernstlicher Gegner Deutschlands in Betracht zu kommen. Es mußte der Entente nach dem Zusammenbruch der russischen Front vor allem daran gelegen sein, vor der sozialen Revolution zu retten, was nur irgend möglich war. Paléologue hat bereits seit dem Kriegsausbruch argwöhnisch die Arbeiterbewegung beobachtet und verzweifelt die Mißerfolge der Kerenskiregierung verfolgt. Ungeheure Kapitalien waren in der russischen Industrie fundiert. Die Nationalisierung der Betriebe war vor allem ein Schlag gegen das ausländische Kapital. Notwendig mußte sich bei solcher Lage ein enges Bündnis zwischen allen besitzenden Schichten und den Ententevertretern ergeben. Und die Demokratie, die das Eigentum unbedingt anerkannte und die Freiheit des Individuums postulierte, mußte die Staatsform sein, zu der sich diese Koalition bekannte. In den S.R. sah man dank ihres moralischen Einflusses auf breite Massen die geeigneten Männer, einer solchen Politik Dienste zu leisten.
Am achten Verhandlungstage erschien vor dem Obersten Tribunal ein merkwürdiger, schwarzgekleideter Mann mit hagerem, hartem Gesichtsausdruck, dunklen, unbeweglichen, unerbittlichen Augen; seine Sprache verriet französischen Akzent, seine Aussagen erfolgten mit großer Bestimmtheit und Energie. Der Mann erinnerte eher an einen strengen Asketen einer mittelalterlichen Sekte, er hatte etwas Mönchisches in seiner kalten Unnahbarkeit und Geschlossenheit.
Es war der ehemalige Offizier der französischen Republik – Pierre Pascal, der vor dem Tribunal die Beziehungen zwischen den Ententevertretern und der sozialrevolutionären Partei schilderte.
Pascal war an der Westfront verwundet worden, da er nicht mehr felddiensttauglich war, wurde er der französischen Militärmission in Rußland überwiesen. Beim Ausbruch der Oktoberrevolution sympathisierte Pascal mit den Bolschewiki; als die Militärmission Rußland verlassen mußte, blieb Pascal zurück und arbeitete für die russische kommunistische Partei. Er war ein Kamerad jenes Hauptmanns Sadoul, der im Frühjahr 1925 vom Kriegsgericht zu Orleans wegen Hochverrat freigesprochen wurde.