Der Verteidiger Tager ersucht Pascal, auszusagen, welche terroristischen Akte die S.R. mit moralischer Billigung der Entente zur Ausführung gebracht hätten. Pascal weist auf die Verwundung Lenins, den Mord Wolodarskis hin.

Die Aussagen Pascals machten einen sehr starken Eindruck, der noch durch Aussagen anderer Franzosen verstärkt wurde.

Frossard, der Sekretär der Kommunistischen Partei Frankreichs wurde drei Stunden lang über die Beziehungen der französischen Regierung zu sowjetfeindlichen Organisationen vernommen. Seine Aussage ergab: Die Politik der französischen Regierung baute sich von 1917 bis 1922 auf ununterbrochenen Interventionen auf. Die französische Regierung dachte nicht daran, die Macht in Rußland einer sozialistischen Regierung zu übergeben, denn sie betrachtete als feste Regierungsform für Rußland die konstitutionelle Monarchie und unterstützte alle auf einen Sturz der Bolschewisten zielenden Versuche, gleichviel, von wem sie ausgingen. Die Ententebotschafter hätten alle Mittel aufgeboten, den konterrevolutionären Versuchen im Innern des Landes Vorschub geleistet und Anschläge gegen einzelne Vertreter der Sowjetmacht angestiftet. Diese Aktionen haben der französischen Republik monatlich 50 Millionen Francs gekostet; die Gesamtkosten aller Interventionen kamen dem französischen Volke auf etwa 1 Milliarde Francs zu stehen.

Der Angeklagte Timofejew bemüht sich, den Beweis zu führen, die S.R. wären Gegner jeder Intervention gewesen. Aber kann er bestreiten, daß die Tschechoslowaken von französischen und englischen Offizieren geführt wurden und als Elitetruppe der Regierung von Samara galten? daß die S.R. im Wolgagebiet gemeinsam mit diesen Truppen gekämpft haben? Kann er bestreiten, daß er selbst Verhandlungen mit der Entente geführt hat? Krylenko legt ihm Dokumente vor, aus denen das engste Einvernehmen der S.R. mit den Ententetruppen im Murmangebiet erhellt, die Entente hat dort sogar ohne jeden russischen Einfluß völlig selbständig operiert; es gab ein alliiertes Oberkommando, von dem die S.R. Vertreter Befehle empfingen! Timofjejew versucht noch einmal einzuwenden, es habe sich nur um die Wiederaufrichtung der Front gegen das imperialistische Deutschland gehandelt – noch einmal greift Pascal ein und wiederholt seine Aussagen über die Einstellung der Entente zur Sowjetregierung – es kam in erster Linie darauf an, die Diktatur des Proletariats zu stürzen und der kapitalistischen Ordnung zur Macht zu verhelfen. Das war der ganze Sinn des Kampfes gegen die Sowjets.

Einige Tage später eröffnete René Marchand dieselben Perspektiven; er kann konkrete Angaben über die direkten Beziehungen der Ententemissionen zu den S.R. machen. In seiner Gegenwart erhielt das Mitglied der Mission, Ehrlich, 50000 Rubel für die S.R. von der Mission. Über andere Anweisungen der Mission habe er noch vom Kassierer der Mission erfahren. Nach Abfahrt der französischen Mission wurden die Gelder für Unterstützung der S.R. dem dänischen Konsulat übergeben, mit dem der S.R. Elias Minor in Verbindung gestanden habe.

Der ehemalige Kriegsminister Werchowski bestätigt die Gelderhergabe der Entente an weißgardistische Organisationen, der Name eines Generals Suwarow taucht auf, der von der französischen Mission Gelder empfing und an Organisationen weiterleitete. Dieser Suwarow war Mitglied eines Militärstabes, dem Vertreter verschiedener bürgerlicher Parteien angehörten; aber auch der S.R. Gotz war Mitglied des Stabes; er bestreitet es nicht.

Die Aussagen dieser Zeugen haben im Frühjahr 1925 in Orleans eine Bestätigung durch den Major Laurent erfahren, dessen Name bereits im Moskauer Prozeß aufgetaucht war: René Marchand hatte ausgesagt, daß dieser Laurent mit den S.R. verhandelt hätte, um militärische Organisationen vorzubereiten, man hatte besonders lange darüber beraten, wie man S.R. in die Rote Armee als Kommandeure einschmuggelte.

Laurent ist in Orleans persönlich erschienen und erklärte unter seinem Eid vor dem bürgerlichen Gericht, daß man terroristische Akte gegen die Führer der Sowjets nicht nur moralisch gebilligt, sondern selbst solche Attentate gegen Trotzki und andere Führer der Sowjetrepublik geplant hätte ...

Man hat immer versucht, die Beziehungen der S.R. zur Entente zu verschleiern, Semjonow, der vor Gericht keineswegs im Mittelpunkt stand, wurde als einziger Zeuge dargestellt; da er den S.R. den Rücken gewandt und ihre Machenschaften preisgegeben hatte, war es ein leichtes, ihn als Provokateur hinzustellen. Aber dabei verschwieg man, daß dieser Semjonow immer eine große Rolle in den Kampforganisationen gespielt hatte und auf dem Parteitag der S.R. zum führenden Mitglied des Stabes der Kampforganisation der S.R. ernannt worden war; er hatte nie eine geringe Rolle gespielt; ihm war die gesamte terroristische Tätigkeit in den Reihen der Sowjettruppen anvertraut, als die Samararegierung auf allen Fronten gegen Moskau vorrückte. Semjonow hatte sein Leben in die Schanze geschlagen. Vor Gericht erblickte man einen mittelgroßen, etwas schmächtigen Mann von einigen 30 Jahren, er erinnerte eher an einen Menschen, der aus einem Bureau kam, als an einen Terroristen; hellblond, bleich, immer etwas übernächtigt, offenbar schwer in innere Kämpfe verstrickt, äußerst nervös, nur während seiner Aussagen stets gleichmütig, ganz ohne jede Pose – war er in diesen Verhandlungen am meisten exponiert – er – als Renegat – war leicht anzugreifen, dabei trafen seine eigenen Angriffe immer die wundesten Stellen. Wenn Schwierigkeiten entstanden, so infolge der Zwiespältigkeit und Halbheit der S.R. überhaupt; ihr Schwanken und Schillern, ihre Halbheit und Unschlüssigkeit erschwerte die einfache, klare Feststellung der Vorgänge. Die S.R. Partei war nie ein festes Gefüge – sie war es erst recht nicht im Bürgerkriege, in der Zeit der Illegalität. Es konnte sehr leicht möglich sein, daß die Mitglieder der Zentralkomitees durchaus nicht derselben Meinung waren, und daß jener billigte, was dieser verwarf. Es gab eine Instanz, die für alles Geschehen verantwortlich war: eben das Zentralkomitee – aber es gab im Grunde keine Personen, die verantwortlich sein wollten – es gab Meinungen von Personen. Und jemand konnte schon individuell seinem Standpunkt Ausdruck gegeben haben – war es für die Partei als Ganzes unbequem, so leugnete man später ab. Es gab keine Führung, kein Programm, niemand gab Direktiven, weil alle sich berufen fühlten. Semjonow, ein altes Mitglied der Partei, holte sich für alle seine Unternehmungen die Genehmigung des Z.K. Da er rührig, umsichtig und verwegen war, schien er wertvoll – man ließ ihn deshalb gewähren, gab ausweichende Antworten, wollte bestimmte Akte geschehen lassen und zauderte wieder, sie zu genehmigen. Eine Weile ließ sich das Spiel der halben Zusage, des Nein-Ja-Sagens schon an; aber als sehr ernste Taten geschehen waren, und die Mitglieder der Partei verlangten, die Partei solle zu diesen Taten stehen, wich das Z.K. scheu zurück; der Mord auf Wolodarski hätte eine Steigerung verlangt – wenn nicht gerade den offenen Aufstand – so doch die offene Erklärung gegen die proletarische Regierung – aber da nun die S.R.P. eine Arbeiterpartei sein wollte, bedeutete solche Erklärung eine Kampfansage ans Proletariat – Lenin war längst ein den Arbeitern teurer Name, welche Partei, die auch nur mit der Arbeiterschaft sympathisierte, hätte ein solches Attentat gutheißen können! Also wich man aus und gab die Täter, die ihr Leben eingesetzt hatten, preis. Wundert man sich, daß die Täter endlich das Lager verließen, in dem man ihnen nie den Rücken deckte? Mußten sie nicht allmählich gewiß sein, daß diese Partei gar nicht wußte, was sie wollte, wohin ihr Weg führte. Semjonow schreckte zurück, von bürgerlichen Organisationen Gelder zu empfangen – Donskoi, Mitglied des Z.K., erklärte höhnisch: „Non olet.“ Eine Weile schien es noch, als könnten die S.R. eine selbständige Politik treiben; dann aber ballte sich eine mächtige Front zusammen, die Bürger vor allem erwachten aus ihrer Betäubung, die Entente bot alle Kräfte auf, ließ alle Minen springen – die weißen Generale drängten von allen Seiten ins Land, die S.R. wurden in die zweite Linie gestoßen, den Bürgern, den Generalen, den fremden Missionen war offenbar, daß die Parolen der S.R. nirgends mehr verfingen; der Kampf ließ sich nur noch mit brutalsten Mitteln führen, das Gerede von der Demokratie sollte ein Ende haben, rücksichtslos schob man alle Kulissen beiseite: auf offener Bühne erschien der weiße Schrecken; die S.R. verhandelten mit dem französischen Botschafter Noulens über die Zusammensetzung einer neuen Regierung im Falle des Sieges der Samarafront. Die S.R. designierten Tschernow: „Genug von sozialistischen Experimenten. Ich will nichts von Tschernow wissen,“ erklärte Noulens barsch, damals einer der wahren Herrn des weißen Rußlands. Die S.R. standen plötzlich verlassen da. Man mag zur Beleuchtung der Lage die Memoiren weißer Generale nachlesen: sie strotzen von Verachtung für die S.R. Je heftiger der Bürgerkrieg tobte, desto geringer wurde der Einfluß der S.R. Sie hätten die Reihen der Konterrevolution verlassen können – aber nachdem sie sogar eine ganze Front der „Konstituante“ formiert hatten, war es unmöglich, diesen Bankrott einzugestehen, ohne – mit blutbefleckten Händen – dem Fluche der Lächerlichkeit, der Verachtung preisgegeben zu sein. Die Partei als Ganzes mußte schon weiter vegetieren; aber ihr nie festgefügter Bau zitterte in allen Gründen – die Mitglieder sprangen ab – so erklärt sich Semjonows Abfall, seiner Komplizin Konopleva Reue, der anderen Bußgang – je heftiger der Bürgerkrieg tobte, desto schärfer erkannte der S.R., wer auf der Barrikade neben ihm stand – nicht der Arbeitsmann aus dem Betrieb, nicht der Bauer, sondern der weiße Offizier, der Beamte, der Student. Zu wessen Gunsten sollte Lenin fallen?!

Sawinkow hat 1924 in jener aufregenden Nachtsitzung vor dem Tribunal die grauenhaft erniedrigenden Gefühle geschildert, die er in den Vorzimmern der Ententeminister empfand. Er schildert sein Entsetzen, als Churchill auf eine Karte wies und ihm „unser“ Rußland zeigte – diesen Ekel Sawinkows sollte Semjonow nicht empfunden haben? Oder jener andere Ignatiew, der auch zur 2. Gruppe der Angeklagten gehörte und sich vor allem im Gebiete von Archangelsk betätigte?! Ignatiew schilderte, wie die Ententetruppen im Norden gehaust hatten, Sondergerichte einsetzten, Stäbe ernannten, denen die Russen untergeordnet waren. Immer wieder durchtönte dieselbe Melodie dieses Trauerepos: wir wurden verächtlich behandelt, man benutzte uns, die Besetzung von Archangelsk erfolgte nur im Interesse der großindustriellen Machthaber. Ignatiew schilderte die Taten der Weißen – immer waren die Arbeiter nur die Opfer, immer richtete sich alles gegen das Proletariat. Der Blick auf den Nebenmann war für den argwöhnischen, schwankenden Beobachter erschütternde Erkenntnis.