Da saß unter den Angeklagten der 2. Gruppe ein hellblondes, mittelgroßes Geschöpf – Lydia Konoplewa; erinnerte an ein Bauernmädchen, das sich „hochgearbeitet“ hatte, vielleicht Lehrerin geworden war (die kleinbürgerliche Physiognomie war überhaupt ein auffallendes Merkmal aller dieser Typen); sie war ein guter Soldat der S.R. geworden, sicherlich ohne eigene Gedankenwelt, aber vom festen Willen erfüllt, für die Unterdrückten zu kämpfen; verwegen, erfinderisch, losgerissen von jeder Tradition und den Formen der alten Gesellschaft, bereit, ihr Leben zu opfern. Für sie hatte die Haltlosigkeit der S.R. die größte Enttäuschung bedeutet; von ihr existiert ein Brief an Tschernow, in dem sie sich auf Unterredungen mit ihm beruft, in deren Verlauf er sich entrüstet über die ausweichende Haltung ihrer Auftraggeber ausgesprochen und den Terror gebilligt habe. Aus dem Briefe spricht das Gefühl der tief enttäuschten, verlassenen Kreatur, die man noch obendrein verhöhnt, weil sie den Rückweg in die Gesellschaft, diesmal in die Gemeinschaft des Proletariats, zurückfinden wollte. Diese Angeklagten der II. Gruppe wollten keine Außenseiter sein, sie sind nicht die Führer der Partei gewesen, vielleicht wird man sagen, sie hätten deshalb nicht draußen bleiben können; aber sie waren irregeleitete, ausgenützte Geschöpfe – sollten sie, da sie Reue empfanden und bekannten, die neue proletarische Gemeinschaft nicht aufnehmen, gegen die sie ehedem die Hand erhoben hatten, die jäh herniederfiel, als plötzlich die Erkenntnis zuckte: für wen erhebe ich die Hand?!
Die wahren S.R., die Führer der Partei, die Offiziere und Auftraggeber kämpften noch vor dem Tribunal um diese isolierte Partei als um ein Ganzes. Ein tragischer Schatten huschte zuweilen über ihr Geschick. Ihre Anhänger im Lande hatten sie längst verlassen. Die Ruinen von Jaroslaw waren ein furchtbares Memento. Die S.R. hatten die Macht gehabt, und die Probe nicht bestanden. Die Bolschewiki hatten in vielen Stücken ihr Programm ausgeführt – das warf man ihnen vor – „ihr habt uns bestohlen“. Aber die Bolschewiki hatten es ausgeführt.
Die Führer kämpften vor dem Angesicht Europas; sie wichen in die weiten Wüsteneien ihrer Zersplitterung und Haltlosigkeit zurück, wenn man sie festhalten wollte; im Grunde waren sie echte Russen, wahre Kutosowrussen, aber 1812 hat diese Methode des Ausweichens Rußland gerettet; die Leute, die sich jetzt ins Weite verloren, gaben ihre Partei preis, ihren ganzen Kampf um die Demokratie. Sie verwickelten sich in unlösbare Widersprüche: sie waren gegen Interventionen, aber sie waren überall mit den intervenierenden Mächten verbunden, sie waren gegen die Bourgeoisie, aber sie standen mit bürgerlichen Organisationen in engster Verbindung und empfingen sogar Gelder von ihnen, sie wollten die Front gegen Deutschland errichten, aber sie waren bereit, Boten ins deutsche Hauptquartier zu senden, sie scheuten den Terror, aber sie haben in ihren Zeitungen nach geschehener Tat gejubelt, sie wollten verhindern, daß Geld an Deutschland abgeliefert würde, aber sie wollten den Zug unbewacht stehen lassen, wenn die Sprengung geschehen war ... Sie wollten eine Partei der Arbeiter sein, aber nach der Oktoberrevolution organisierten sie zuerst eine Erhebung der Offiziersschüler. Sie waren nicht gegen die Sowjets, aber für die Konstituante, sie hatten den Zusammentritt der Konstituante nicht beschleunigt, obschon sie es vermocht hätten; aber sie erhoben die Konstituante zum unantastbaren Heiligtum, nachdem die Konstituante längst nicht mehr dem Willen des Volkes entsprach. Man fand einen Brief von Gotz, in dem es von dunklen Anspielungen wimmelte; u. a. kam auch der bekannte Satz, der alte Wahrspruch der S.R.P., vor: „Im Kampf wirst du dein Recht erwerben!“ Wundert man sich, wenn Gotz umwunden erklärte, dieser Ausdruck beziehe sich nur auf den Kampf um die Konstituante, nicht aber um den Kampf gegen die Sowjets?!
Die Führer versuchten sich durch solche Methoden des Ausweichens zu retten, aber gerade diese Taktik wurde ihnen zum Verhängnis, um so kräftiger stieß das Tribunal nach und plötzlich entlarvte sich eine Partei, die gar kein festes Gefüge, keine straffe Organisation war, sondern eher wirkte wie ein Schwarm zusammengelaufener ratloser, verärgerter Menschen. Wie imposant richtete sich im Gegensatz dazu das eherne Gebäude der bolschewistischen Partei auf!
Die Haltung der S.R. zu den terroristischen Akten offenbarte ihre ganze Schwäche als Partei, die sich vor Gericht zugleich als ihre Stärke erwies. Niemand hat gezweifelt, und niemand konnte Einspruch erheben, daß die Attentate auf Lenin, Trotzki und Wolodarski von Mitgliedern der Partei vorbereitet und ausgeführt waren. Fanny Kaplan, die Lenin schwer verwundet hatte, war eine Sozialrevolutionärin; Semjonow und die Mitglieder seiner Kampforganisationen gehörten zur Partei. Der Prozeß rollte nicht die Frage der Täterschaft auf; sie war längst entschieden. Dem Tribunal kam es vielmehr darauf an, in den Hintergrund einzudringen, die Zusammenhänge zwischen den Offizieren und Soldaten festzustellen, das Z.K. als eine Mordzentrale zu entlarven, die Partei zu überführen, daß sie zu Attentaten auf Arbeiterführer angestiftet hätte. Bewiesen war längst, daß die Ententemissionen Attentate auf bolschewistische Führer moralisch billigten; bewiesen konnte aber nicht werden, daß zwischen den Missionen und dem Z.K. Verabredungen für bestimmte Attentate bestanden haben. Möglich ist es schon; gelegen war den Missionen an solchen Attentaten. Die Führer des Z.K. konnten nicht bestreiten, daß sie um die Absichten von Attentaten gewußt haben; Semjonow hat sowohl Gotz wie Donskoi von seinen Plänen benachrichtigt; beide konnten dieser Aussage nicht widersprechen, sie bestritten energisch, Semjonow ermuntert zu haben, Gotz will ausdrücklich Semjonow geraten haben „er möchte noch mit der Ausführung warten.“ Aber ein striktes Verbot des individuellen Terrors seitens der Partei ist nie ergangen, nach vollbrachter Tat rückte das Z.K. öffentlich von den Tätern ab, aber in Gebieten, wo die Bolschewiki nicht die Macht besaßen, jubelte die Presse der S.R. auf. Eine moralische Verurteilung der Täter seitens der Partei ist nie erfolgt, geschweige daß man die Täter etwa ausgeschlossen hätte. Als Wolodarski ermordet wurde, spielte sich folgende merkwürdige Szene ab, die Tschernow in einer Emigrantenzeitung geschildert hat:
„Das Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre S. M. Postnikow hat mir über diesen Fall wörtlich folgendes mitgeteilt:
„Der Mord an Wolodarski erfolgte in der Hitze der Wahlkampagne zum Petrograder Sowjet. Plötzlich kommt die unerwartete Nachricht: Wolodarski durch einen Schuß getötet. Natürlich nutzten die Bolschewisten dies sofort aus, um die Zeitung zu schließen und durch die schärfsten Repressalien unsere ganzen Wahlerfolge zu annullieren. Ich lief sofort zu Gotz und fragte ihn, was los sei. Er antwortete: ein Arbeiter, seiner Überzeugung nach Sozialrevolutionär, der einen ernsten Parteiauftrag hatte, war Zeuge, wie das Automobil Wolodarskis eine Panne erlitt; er konnte sich nicht zurückhalten und schoß auf ihn, da er ihn für den Urheber der in Petrograd unter dem Regime Sinowjews begangenen Grausamkeiten hielt. „Wissen Sie, wenn wir in einer anderen Lage wären – fügte Gotz hinzu, – wie wir dann nach unseren Traditionen verfahren müßten? Wie man solches eigenmächtiges Handeln an einem Mitglied, das auf einem ihm anvertrauten revolutionären Posten steht, bestrafen müßte?“
Diese Erklärung Tschernows spielte vor Gericht eine große Rolle. Man fragte Gotz vergebens, welchen „ernsthaften Parteiauftrag“ hatte dieser S.R.? Merkwürdig, daß er sich gerade jetzt „nicht zurückhalten“ konnte, merkwürdig, daß Gotz an der Handlung nur auszusetzen hatte, daß sie „eigenmächtig“ erfolgte! Und wie seltsam kontrastierte zu diesem Gespräch die Weisung Gotz’ an Semjonow, man sollte noch warten. Und was wußte Tschernow zu Semjonows Angaben zu sagen? Sie sind eine ... „verräterische Denunziation.“ Lydia Konoplewa hat in einem öffentlichen Brief an Tschernow eine Frage gerichtet, ohne je eine Antwort erhalten zu haben:
„Sie stützen sich auf die Erzählung S. P. Postnikows über seine Unterhaltung mit Gotz nach der Ermordung Wolodarskis: „Ich lief sofort zu A. R. Gotz und fragte ihn, was los sei. Er antwortete: ein Arbeiter, Sozialrevolutionär seiner Überzeugung nach, der einen wichtigen Parteiauftrag hatte, war Zeuge, wie das Automobil Wolodarskis eine Panne erlitt –, er konnte sich nicht zurückhalten und schoß auf ihn ...“
Halten Sie es nicht für möglich, Viktor Michailowitsch, daß Gotz die Wahrheit vor Postnikow verbarg, wie sie den meisten Mitgliedern der Partei der Sozialrevolutionäre verborgen blieb? – Postnikow hatte, wie Sie selbst wissen müssen, nicht die geringste Beziehung zur militärischen Arbeit und der Kampfarbeit in der damaligen Zeit.