„Semjonow hatte das Gefühl, daß er sich mit der Organisation von Attentaten gegen die Revolution versündigt hat. Semenow fühlte damals Reue über seine blutigen Taten, die er gegen die Revolution verbrochen hat,“ antwortete Timofjejew.
„Welche Taten meinen Sie?“ fragt Krylenko.
„Jene terroristischen Akte im Jahre 1918,“ lautet die Antwort Timofjejews.
„Sie hatten also Kenntnis von diesen?“ fragt Krylenko.
„Ich hatte von ihnen Kenntnis,“ antwortet Timofjejew.
Aber hat es im Z.K. der S.R. eine einheitliche Stellung zum individuellen Terror gegeben? Die Frage ist nicht geklärt worden. Zwei ehemalige S.R. sagten als Zeugen über eine Sitzung des Z.K. aus, in der man sich über die Frage des individuellen Terrors schlüssig werden wollte. Tschernow und ein großer Teil der Anwesenden habe für den Terror gestimmt, ein ebenso großer Teil habe ihn verworfen – und zuletzt sei man auseinandergegangen, ohne einen endgültigen Beschluß gefaßt zu haben. In diesem ausweichenden, unentschiedenen Verhalten enthüllt sich der ganze schwankende Charakter der S.R. Fühlten sie eine gewisse Scham, die Hand gegen Arbeiterführer zu erheben? Wollten sie keine Märtyrer machen? Mußten sie nicht noch vielmehr jetzt im Prozeß alle Rednerkünste aufbieten, um die Hintergründe zu verschleiern und sich nicht vor einem Arbeiterpublikum, im Arbeiterrußland als Arbeitermörder zu bekennen?! Es spielte sich ein erbitterter Kampf um die Hintergründe, um die Feststellung der wahren Antreiber zu Meuchelmorden ab. Die S.R. Partei war empfindlich getroffen, wenn der klare Beweis geführt werden konnte, daß es eine Mörderzentrale im Z.K. gab. Der klare Beweis ist nicht erbracht worden. Festgestellt wurden nur die Uneinigkeit im Zentralkomitee und seine Mitwisserschaft; festgestellt wurden die moralische Billigung und der Versuch, die Terrorgruppen zu schützen. Und durch die Aussagen Pascals konnte der Beweis geführt werden, daß die Mordtaten der S.R. im Lager der Entente Gefühle hoher Befriedigung auslösten. Man hat nie feststellen können, wie sich die Verhandlungen zwischen den S.R. und der Ententemissionen in Details abspielten. Den Unterredungen hat niemand beigewohnt, es existiert kein Stenogramm, kein Dokument. Aber als Lenin schwer verwundet aufs Lager hingestreckt wurde, jubelte die S.R. Presse, atmete man in den Missionen auf, und der französische Offizier Laurent grübelte mit seinen Kumpanen nach: Wie töten wir Trotzki? ... Draußen vor den Toren Moskaus stand an einer Eisenbahnbrücke eine hohe weibliche Gestalt: Iwanowa. Das Umschlagtuch barg eine Bombe. Und die brennenden Augen bohrten sich fiebernd in die schwüle Nacht: blinkten noch immer nicht die Lichter von Trotzkis Zug?
Die Expropriationen und Sprengungen hat man zugegeben. Darüber wurde nicht lange gestritten. Man gestand, Material von den Franzosen erhalten zu haben, um Eisenbahnzüge zum Entgleisen zu bringen, Brücken zu sprengen. Donskoi hat keine Ausflüchte gemacht. Das waren „Kriegsoperationen“ der Front der Konstituante. Auch die Expropriationen, die Bestechungen von Beamten, die Einbrüche ins Post- und Telegraphenamt an der Ecke Twerskaja-Kammerherrengasse, in staatliche Lebensmittellager gab man zu. Von dem Tode des reichen Kaufmannes wußte das Z.K. nichts; diese Tat hat Semjonow nicht berichtet. Es berührt schon merkwürdig, daß man sich nicht über diese Einbrüche und Diebstähle erregte – es waren Bagatellen – nachdem man als Mörder entlarvt war.
Die Aufstände in Archangelsk, im Murmangebiet, die Errichtung der Wolgaregierung, der Aufruhr in der Ukraine und alle diese offenen Kampfhandlungen der S.R. gegen die Sowjets haben nicht so sehr im Mittelpunkt des Interesses gestanden, wie jene terroristischen Handlungen. Die Bolschewiki haben den individuellen Terror nie gebilligt und ihn schon zur Zarenzeit verurteilt. Sie waren dank ihrer marxistischen Schulung überzeugt, daß der Erfolg der Revolution nur einer Massenbewegung zu verdanken ist. Und immer hatte sich schon im Gegensatz zwischen individuellem und Massenterror am auffälligsten der Unterschied zwischen den beiden Parteien enthüllt. Der individuelle Terror entsprang nicht nur einer völlig verzweifelten Stimmung und einer ausgesprochenen persönlichen Einstellung; er konnte nur in Kreisen zum Prinzip erhoben werden, in denen man davon überzeugt war, daß Menschen, einzelne Personen die Geschichte machen. Die Bolschewiki wußten, daß jeder revolutionäre Fortschritt einer Umwälzung der Verhältnisse, der Produktionsmethoden entspringen muß. Nur Massenbewegungen konnten nach Ansicht der Bolschewiken zur Eroberung der Macht führen. Die Geschichte hat ihnen Recht gegeben. Die Oktoberrevolution 1917 ist eine solche unwiderstehliche Massenbewegung gewesen, der die bolschewistische Partei Richtung und Ziel gewiesen hat. Und die verzweifelten Aktionen der S.R. nach der Oktoberrevolution beweisen, wie sehr ihnen die Leitung der Massen entglitten war. Und wie ungeheuerlich erschienen dem russischen Arbeiter die terroristischen Akte gegen seine Führer, die niemandem frommten als dem Großgrundbesitz und dem Großkapital, hinter denen die Entente als Antreiberin stand. Unzweifelhaft haben nationale Elemente eine gewisse Rolle gespielt – die bolschewistische Revolution war eine Umwälzung der ökonomischen Besitzverhältnisse, aber die proletarische Revolutionsidee verschmolz zugleich mit einem starken nationalen Selbstbewußtsein – der Arbeiter empfand zum ersten Male, daß er ein Vaterland hatte – ein Begriff, der für die Vertreter des Kapitals niemals mehr als eine Kulisse gewesen ist, die man je nach der Konjunktur hin- und herschob. Die Tätigkeit der S.R. erschien deshalb in einem noch schlimmeren Lichte, als gegen Ende des Prozesses sich auf den Tischen des Tribunals Berge von Dokumenten häuften, durch die der Partei nachgewiesen wurde, daß sie bis tief in die jüngste Zeit hinein sich mit dem Ausland verbunden hatte, um die Sowjets zu stürzen. Man muß sich in jene Tage zurückversetzen, in denen Sowjetrußland erst von wenigen Staaten anerkannt war, von der gesamten Bourgeoisie geächtet war, und Flutwellen der Verleumdung sich über das Gesicht Rußland ergossen. Auch Rußland hatte gegen eine Welt von Feinden gekämpft und geblutet, an allen Fronten des Reiches hatten die Heere der Arbeiter und Bauern die von den Westmächten, Deutschland und Amerika ausgerüsteten weißen Armeen aufgehalten; im Innern hatten die S.R. durch ihre terroristischen Akte die Moral und Widerstandskraft zu schwächen gesucht, Hunger, Not, Entbehrungen, Kälte, Epidemien suchten das ungeheure Reich heim, das der imperialistische Krieg schon genug mitgenommen hatte. Die Heere der Arbeiter und Bauern hatten den Feind nicht nur aufgehalten, sondern besiegt; der Freiheitskampf dieses Volkes wird vielleicht in seiner ganzen gewaltigen heroischen Größe erst späteren Geschlechtern offenbar werden; vielleicht wird man ihm Genugtuung widerfahren lassen. Die Heere der Fremden und Weißen wurden von expropriierten Kapitalisten vorwärts gejagt, von den Bankherren der City und Wallstreet, die keine Möglichkeit mehr sahen, ihre Kapitalien in russischen Industrieunternehmungen anzulegen – und sehr günstig bei den niedrigen Löhnen und der relativen Bedürfnislosigkeit der russischen Arbeiter, die von den Kosaken des Zaren jahrzehntelang immer wieder trotz tapferer Gegenwehr zur Arbeit getrieben waren. Die Herrschaft des Proletariats in Rußland bedeutete für das ausländische Kapital die Versperrung von Ausbeutungsmöglichkeiten, bedeutete den Ausfall Rußlands als Kolonie. Und da sich dem Expansionsdrang des Kapitals bis zum heutigen Tage in Rußland unüberwindbare Widerstände entgegensetzen, das Kapital aber auf Rußland angewiesen ist, erscheint dieser Konflikt unlösbar, so lange der proletarische Staat besteht. Aus solchem Gegensatz erwächst der Weltkonflikt der nächsten Jahrzehnte.
An einem der letzten Prozeßtage wurde dem Angeklagten Timofjejew ein Dokument mit der Frage: „Kennen Sie diese Unterschrift?“ überreicht. „Sensinow?“ – „Ja.“ „Und erkennen Sie diese Unterschrift als echt an?“ Der Angeklagte zögerte eine Weile und sagte dann: „Ja!“ Und diesem Dokument folgten unzählige andere Schriftstücke, aus denen hervorging, daß die Partei der S.R. in engster Abhängigkeit von ausländischen Regierungen stand. Sensinow, ein alter Sozialrevolutionär, hatte in der Regierung der Konstituante von Samara gesessen, war nach dem Zusammenbruch der Front ins Ausland geflohen und hatte in Frankreich ein „Administratives Zentrum“ gebildet, dem die bekanntesten Führer der S.R. beigetreten waren: Kerenski, Awxentijew, Bruschwit, Tschernow, Machin und einige andere! Das Pariser Geheimarchiv dieser ausländischen Geheimorganisation war in die Hände der Sowjetregierung gefallen, das Material belastete die S.R. aufs Schwerste. Unter den Dokumenten befanden sich Briefe, aus denen hervorging, daß die Partei im Jahre 1921 von der französischen und tschechoslowakischen Regierung, ferner von Weißgardisten Gelder empfangen hatte, um Aufstände in Rußland zu organisieren. In einem Briefe Sensinows an das Mitglied des „Administrativen Zentrums“, Rogowski, heißt es:
„Gestern hatte ich eine Unterredung mit Benesch, die 50 Minuten dauerte. Er war wie immer liebenswürdig und entgegenkommend; ich denke, er ist auch aufrichtig. Ich berührte im Gespräch unsere Möglichkeiten und unsere tatsächliche Lage. Ich schilderte ihm das Bild des Ganzen. ‚Wir halten eure Arbeit für nützlich und notwendig, sowohl für Rußland, wie auch für uns. Wir werden es daher nicht dazu kommen lassen, daß eure Arbeit aufgegeben wird; vom Januar an werdet ihr wöchentlich 50000 Kronen bekommen, ich (Benesch) werde persönlich dafür Sorge tragen, daß dieser Betrag auf 60000-65000 Kronen erhöht wird‘.“ (Benesch ist der Premierminister der Tschechoslowakei.) Am 21. Dezember berichtet Sensinow an Rogowski: „Vor vier Tagen erhielt ich 80000 Kronen; dieses Geld wurde uns ohne jede Mahnung von unserer Seite ausgezahlt.“