Nach fünfzig Sitzungstagen, nach einer Vernehmung von etwa 100 Zeugen und der Verlesung einer Fülle von Dokumenten begannen die Plaidoyers. Die Vertreter des Arbeiter- und Bauernrußlands erhielten zuerst das Wort; dann sprachen die Vertreter der III. Internationale: Klara Zetkin, der Tscheche Mune, der Ungar Bokanyi. Auf die Angeklagten hat die Rede Klara Zetkins einen niederschmetternden Eindruck gemacht. Der Name dieser tapferen, unermüdlich im Dienste der Sache des Proletariats tätigen Frau, die immer in der vordersten Front stand, noch als Greisin in die Kerker des deutschen Kaiserreiches wanderte, war auch für die S.R. ein – man muß schon sagen – heiliger Name. Sie wußten, daß diese Frau die letzte war, die sich beeinflussen ließ. Diese Frau erhob ihre Anklage ganz gewiß aus eigenster innerster Überzeugung, die Reinheit ihres Willens und Denkens war unantastbar. Erhob sich auch diese Frau gegen sie, so fühlten sie sich in ihrem Innersten schuldig. Es ist verbürgt, daß das Auftreten der Klara Zetkin die Angeklagten außer Fassung brachte, sie haben es selbst gestanden.
Klara Zetkin hielt den S.R. vor, es handele sich nicht um die Wege und Mittel, deren sich eine Partei bediene, es handele sich vielmehr um die Ziele, in deren Interesse diese Mittel angewendet wurden. Die S.R. wollten das Proletariat wieder der Bourgeoisie unterwerfen, deren Joch es durch den heldenhaften Kampf der russischen Arbeiter und Bauern abgeschüttelt hatte. Die S.R.P. habe alles getan, um die Revolution zu untergraben: „Ein Verbrechen, mit dem man nicht einmal den Mord von Hunderten, den Mord von Tausenden, den Mord von Millionen vergleichen kann.“ Die S.R. stehen vor dem Gericht der russischen Arbeiter und Bauern, vor dem Gericht des proletarischen Staates. Es ist wahr, daß sie vor einem Klassengericht stehen. Aber wo gibt es ein Gericht, das über den Klassen steht? Es gibt zwei Arten von Klassengerichten: das bürgerliche und das proletarische Klassengericht. Das revolutionäre Gericht der Arbeiter ist eine mächtige Waffe in den Händen des Proletariats im Kampfe gegen die Bourgeoisie.
Die russischen Arbeiter begannen die Weltrevolution. Die S.R. haben alles getan, um ihren Weg aufzuhalten, sie behaupten, daß sie gegen Usurpatoren kämpfen, aber es gibt keine Usurpatoren, die ohne Massen die Macht behaupten können. Die S.R. sind das beste Beispiel: sie ergriffen die Macht, ohne Massen hinter sich zu haben – mit Hilfe des Auslandes.
Die S.R. berufen sich auf ihre revolutionäre Vergangenheit – ja, sie haben den Zarismus tapfer bekämpft. Aber als sie selbst an der Macht waren, stellten sie sich, statt die Revolution im Bunde mit dem Proletariat fortzusetzen, auf die Seite der Bourgeoisie; in ihrer äußeren Politik waren sie abhängig von der internationalen Bourgeoisie, in ihrer inneren von der russischen Bourgeoisie. Die S.R. nannten sich eine Bauernpartei, aber sie haben auf dem Lande mit den Waffen in der Hand den Kampf der Bauern gegen die Gutsbesitzer unterdrückt. In der äußeren Politik haben sie den imperialistischen Krieg fortgeführt.
Die S.R. haben durch ihren Kampf gegen die Sowjets den Wiederaufbau des russischen Wirtschaftslebens verhindert; sie haben in diesem Kampfe gegen die Sowjetmacht alle möglichen Mittel angewendet: Bündnis mit dem Ausland, Bündnis mit der Reaktion, den Terror.
Klara Zetkin setzte sich dann für die geständigen, reuigen Angeklagten der II. Gruppe ein, die geglaubt hatten, für die Revolution zu kämpfen, aber später erkannten, daß sie gegen die Revolution gekämpft hatten. Sie gerieten in einen tragischen Konflikt, und standen vor der Frage: Wie können wir unsere Verbrechen sühnen? Sie fanden nur den einen Weg: Offenes Geständnis. So sühnten sie ihre Schuld. „Die Arbeiter, Bauern und das Oberste Tribunal sind sich dieser Beichte bewußt und werden Milde walten lassen. Aber die Stimme des Gewissen wird sie bis zum Tod wegen ihrer Verbrechen am Proletariat verfolgen. Und das ist für sie Strafe genug!“
Die Verteidiger, die aus dem Auslande den S.R. zu Hilfe eilten, haben nie daran gedacht, Arbeiter in ihren eigenen Ländern zu verteidigen. Vandervelde war als Justizminister Seiner Majestät der höchste Richter in jenen Prozessen, die von der belgischen Bourgeoisie gegen die flämischen Autonomisten und Anarchisten geführt wurden. 1500 Menschen wurden in die Zuchthäuser gesteckt, viele wurden zum Tode verurteilt. Und niemals haben die Vertreter der 2. und 2½. Internationale zu protestieren gewagt, nur jetzt erscheinen sie plötzlich auf dem Plan. Klara Zetkin verweist auf die Justiz in Deutschland, in dessen Kerkern 6000 politische Gefangene schmachten, für die kein Vertreter der II. Internationale seine Stimme erhoben hat.
„Im Namen der III. Internationale gebe ich der Überzeugung Ausdruck, daß das Gericht es verstehen wird, die Errungenschaften des Proletariats zu schützen und die notwendigen Mittel zu finden!“
Der Ungar Bokanyi, der Volkskommissar der ungarischen Räterepublik, erinnert an seine eigene Kerkerzeit nach dem Sieg der Horthys: „Damals kam uns Vandervelde nicht zu Hilfe!“ Er vergleicht die weiße und die rote Justiz, er spricht aus eigensten Erfahrungen und schließt: „Das Oberste Tribunal kann auf seine Unparteiischkeit und Objektivität stolz sein. Das Oberste Tribunal wird ein Urteil fällen, das den Interessen des Proletariats entspricht!“
Der Tscheche Muna hatte zweimal in den Kerkern der tschechischen Republik gesessen, im Weltkrieg war er in russische Gefangenschaft geraten, aber er hatte sich nicht jenen tschechischen Legionen angeschlossen, die unter Führung von Ententeoffizieren und im Bunde mit den S.R. den Kampf gegen das Rote Moskau geführt hatten. Muna schildert die Lage der tschechischen Legion, ihren Kampf im Interesse der besitzenden Klasse, er schildert das reaktionäre tschechische Offizierkorps, weist auf Zeugnisse tschechischer Offiziere hin, aus denen klar hervorgeht, daß sie die Verbindung mit den S.R. suchten und gemeinsam mit weißen Offizieren arbeiteten. Er führt die belastenden Aussagen der Prozeßzeugen Pascal, Mariski und Dworschets an. Der Zeuge Dworschets hatte bekundet, daß die S.R. nur mit Hilfe der Tschechoslowaken in Samara ihre Macht behaupten konnten. Die S.R. Partei war mit Hilfe der Tschechoslowaken der Kernpunkt, um den sich die ganze russische Gegenrevolution sammelte. Infolgedessen trägt die S.R. Partei die volle Verantwortung für alle Opfer des Bürgerkrieges; für das Blut der Arbeiter und Bauern, für das Blut der Rotarmisten, das an allen Fronten des Bürgerkrieges vergossen wurde. Die gegenrevolutionäre Haltung der S.R. Partei nützten auch die Sozialpatrioten der westeuropäischen Staaten aus, und nur mit ihrer Hilfe gelang es der Bourgeoisie Westeuropas, die durch den Krieg erschütterte kapitalistische Ordnung vorübergehend zu befestigen.