Stawskaja war die Tochter eines unteren Beamten, ein hübsches, schlankes Mädchen mit kleinem lieblichen Gesicht und schwarzen Haaren. Die Achtjährige muß schon ihr Brot selbst verdienen. Die Fünfzehnjährige ist Mitglied der S.R. Partei. Und mit 18 Jahren versucht sie den zaristischen Gouverneur von Jekaterinoslaw zu erschießen, man macht ihr den Prozeß, sperrt sie drei Jahre lang in den Kerker, „begnadigt“ sie zu zwanzigjähriger Zwangsarbeit. Erst die Februarrevolution schenkt ihr die Freiheit wieder, sie fährt in die Krim, folgt den Parolen der S.R., tritt aus Empörung über den Brester Vertrag in die Kampforganisation Semjonows, vollführt seine Befehle. Aber auf die Kunde des Verhaltens der S.R. Partei zu den terroristischen Anschlägen bekennt sie sich: Dies ist nicht mein Weg. Und da ist Usow, dessen Familie seit Jahren eng mit den S.R. verwachsen ist. Mit 16 Jahren ist er Mitglied der Partei, und außer der Partei hat für ihn nichts mehr existiert. Er war Arbeiter, von Mißtrauen gegen die Intellektuellen erfüllt, ihm wollte man den Revolver in die Hand drücken, um auf Lenin zu schießen – er konnte es nicht und brach zusammen – er, der Arbeiter, konnte nie und nimmer auf Lenin schießen, obschon es die Intellektuellen verlangten. Er verließ die Partei, kehrte unter die Masse zurück, arbeitete in der Fabrik und wollte büßen. Hernach ist er Rotarmist, Mitglied der R.K.P., aber erst nach der Publikation von Semjonows Broschüre macht er sein Geständnis. Er kann nicht schweigen.
Der alte polnische Sozialist Felix Kon, ein hagerer Hüne mit wallenden weißen Haaren und einer gewaltigen Stimme, verteidigt diese beiden Menschen, schilderte ihre Herkunft, ihre Tragik und forderte Freisprechung, denn „Ihr müßt ihnen durch Euer Urteil nicht nur das Leben, sondern auch ihre revolutionäre Ehre zurückgeben.“ Der Georgier Katanjan sprach für den Terroristen Jefimow, der vor langen Jahren mit Gotz in Zwangsarbeit gewesen war. Gotz kennt Jefimow sehr gut, er hält ihn für einen ehrlichen Menschen. Katanjan bemüht sich, den Beweis zu führen, daß Jefimow die Wahrheit gesagt hat. Er war Mitglied einer Terrorgruppe, aber als er die Richtung erkannte, in der sich die Politik der S.R. bewegte, trat er aus der Partei aus. Katanjan plädiert für Freispruch.
Nun der blonde, bewegliche Bucharin: klein von Gestalt, aber immer geladen mit Energien, so daß man zu glauben scheint, jeden Augenblick wird eine Bombe explodieren; immer im Angriff, verschwenderisch in seiner Satire, seiner Laune, seinem Hohn und seiner Boshaftigkeit. Er war der „Allgemeine Verteidiger“ der zweiten Gruppe der Angeklagten. In seiner Rede führte er in großen Zügen aus, was die S.R. und Bolschewiki unterscheidet, es ist ein Sondergericht über die ganze Politik der S.R. Partei, die nach Bucharin vom Ausbruche des Weltkrieges an durch Verrat gekennzeichnet ist. Ihm liegt daran, zu beweisen, auf welchen Stühlen vor Gericht die wahren Verräter sitzen.
„Es kam mir gelegen, daß Eugenia Ratner hier die Zimmerwalder und Kientaler Konferenzen erwähnt hat, denen auch Victor Tschernow beiwohnte. Auf der Zimmerwalder und Kientaler Konferenz wurden zwei Grundsätze angenommen: erstens keine Abstimmung für Kriegskredite und zweitens keine Teilnahme an einer bürgerlichen Regierung.
Die anwesenden Vertreter der S.R. Partei schlossen sich diesen Resolutionen an. Folglich: wenn eine Parteiorganisation sich sozialistisch nennt, und auf der Zimmerwalder Konferenz erklärt, daß sie an keiner bürgerlichen Regierung teilnehmen und in der Periode des imperialistischen Krieges für keine Kriegskredite stimmen wird – wenn eine solche Parteiorganisation dies später dennoch tut, so ist sie ein Verräter am Sozialismus.
Bürgerin Ratner! Sie müssen zugeben, daß Ihre Partei, kaum einige Monate nach der Zimmerwalder Konferenz, beide Punkte auf die beschämendste Weise verraten hat. Ihre Partei nahm bei der erstbesten Gelegenheit an einer Koalitionsregierung teil. Ihre Partei nahm an einer imperialistischen Regierung teil, deren imperialistischer Charakter von niemandem bestritten werden kann. Dadurch habt Ihr den einen Punkt der Resolution verraten.
Und wenn Ihr jetzt sagen wollt, daß Ihr keine formelle Erklärung, keine formelle Abstimmung bezüglich der Kriegskredite abgegeben habt, so wird dieser Umstand durch die Junioffensive aufgehoben, zu der Euch Mister Buchanan gezwungen hat. Wenn Ihr dabei nicht vom bösen Willen geleitet, sondern einfach gefoppt wurdet, so habt auch den Mut, das hier offen zu gestehen.“
Weshalb fühlen die S.R. sich der II. Internationale so sehr verbunden? Hat Tschernow nicht erklärt, die II. Internationale sei tot und werde nie wieder auferstehen? weshalb erklärt hier Timofejew, sie ist wieder auferstanden? Die II. Internationale hat Berge von Verbrechen an der Arbeiterklasse aufeinander getürmt. Vielleicht besteht Eurer Meinung nach die Korrektur der Stellungnahme der II. Internationale darin, daß ihr Vertreter, Bürger Vandervelde, den niederträchtigsten Friedensvertrag der Geschichte, den Versailler Vertrag unterzeichnet hat, bei dessen Anblick man vor Scham vergehen muß. Oder erblickt Ihr vielleicht den Glorienschein über dem Haupte der II. Internationale darin, daß die Regierung der deutschen Sozialdemokratie, eine der wichtigsten Organisationen der II. Internationale, Rosa Luxemburg ermordet hat?
Nein, es wird Euch nicht gelingen zu beweisen, daß die II. Internationale ihre Stellung auch nur um ein Haar geändert hat. Im Gegenteil, ihre Handlungen seit Kriegsende sind noch viel niederträchtiger, noch viel schmutziger, tausendmal verbrecherischer als ihr Verrat bei Kriegsausbruch.
Werfen wir jetzt einen Blick auf die inneren Verhältnisse der Partei. Eugenia Ratner hat uns den General Krasnow, diese schöne Figur der russischen Gegenrevolution geschildert: Ich kann sagen, daß die Welt einen solchen Terror gegen das Proletariat und hauptsächlich gegen das Bauerntum, wie es der Terror Krasnows in Rostow und Umgebung war, noch nie gesehen hat. Und jetzt bitte ich Euch, Genossen Richter, Euch dessen zu erinnern, daß es derselbe Krasnow war, mit dem Gotz seinen Feldzug zur Erwürgung der revolutionären Arbeiter Petrograds führen ließ. Bürger Gotz hat mit dem Krasnowschen Heer die größten und fortgeschrittensten revolutionären Kräfte angegriffen, die sich auf dem Gebiete des frühern russischen Imperiums befanden. Diese Aktion ist die beste Charakteristik der S.R. Partei.